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Wollen wir den Verlust des öffentlichen Kulturlebens als Bagatelle abtun?
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Wollen wir den Verlust des öffentlichen Kulturlebens als Bagatelle abtun?

Gastbeitrag

Kultur: Das Menschlichste am Menschen

Immer lauter ertönen im Zusammenhang mit dem Lockdown kulturfeindliche Stimmen. Erst recht in Zeiten der Krise müssen wir dem widersprechen. Ein Gastbeitrag des Schriftstellers Alexander Estis.

Der Kultur-Lockdown gibt uns Gelegenheit, über den Wert der Kultur in unserer Gesellschaft nachzudenken. Vernimmt man auf der einen Seite nicht wenig Protest, so fehlt es andererseits nicht an relativierenden oder gar diffamierenden Äußerungen: Die Politik kolportiert das kurzsichtige Kriterium der Systemrelevanz; die Kulturstaatsministerin begrüßt den Umstand, dass Kirchen geöffnet bleiben, während Theater, Konzertsäle und Museen den Betrieb einstellen müssen – Religion könne schließlich über das Verschwinden der Kultur hinwegtrösten. Und auch Kunstschaffende und Kulturjournalisten üben sich unterdessen nicht bloß in Bescheidenheit, sondern überbieten sich geradezu in subalterner Selbstdenunziation: Kultur sei ja keinesfalls überlebenswichtig, heißt es da etwa, man könne die Oper durchaus einige Monate lang entbehren, außerdem habe der Kulturbetrieb angesichts seiner reaktionären Starre, seiner inhärenten Diskriminierungsstrukturen, seines publikumsfernen Avantgardismus einen läuternden Neuanfang ohnehin mehr als nötig.

So wahr die Feststellung ist, dass aufgrund einiger verhinderter Konzertbesuche niemand das Zeitliche segnet, so wenig hat die Welt auf diese frohe Botschaft gewartet. Und so sehr ich persönlich als Schriftsteller weit abseits des Mainstreams die Kritik an den Mechanismen des Betriebs teilen möchte, so aberwitzig, ja maliziös erscheint die Instrumentalisierung dieser Kritik in der jetzigen Situation, in der nicht mehr allein die Existenz kultureller Institutionen, sondern auch diejenige der Kunstschaffenden selbst infrage steht.

Wird heute nämlich die Bedeutung von Kunst und Kultur betont, dann gewiss nicht, um zu insinuieren, dass eine Schließung der Theater für einige Monate zu einem Massensterben von notorischen Premieregängern führe. Auch muss es bei solchen Stellungnahmen nicht unbedingt darum gehen, den Schutz von Kultureinrichtungen gegen denjenigen von Einkaufszentren, Sportclubs oder Kirchen abzuwägen (auch wenn Zweifel daran angezeigt scheinen, dass dem hohen verfassungsrechtlichen Rang dieser Institutionen – angesichts ihrer Benachteiligung gegenüber den anderen – Genüge getan wird). Ebensowenig heißt es zwangsläufig, die Angemessenheit der Maßnahmen an sich in Misskredit bringen zu wollen, wenn man den Wert kultureller Praxis immer wieder hervorhebt.

Wie so oft in derartigen Fragen stehen auch hier nämlich ideelle, symbolische Aspekte im Vordergrund: Wenn wir schon dem Monstrum der Krankheit dies Opfer darbringen müssen – mit welcher Haltung wollen wir uns der Notwendigkeit fügen? Wollen wir den Verlust des öffentlichen Kulturlebens als Bagatelle abtun? Wollen wir den plumpen Pragmatismus und seine Rhetorik der Ignoranz unhinterfragt perpetuieren?

Offenbar hat sich unser Blick so sehr verengt, sind unsere Errungenschaften so selbstverständlich geworden, dass wir zu übersehen bereit sind, wie unerträglich auch nur ein Tag in Isolation und Quarantäne ohne Film, Musik, Literatur wäre. Kunst, hört man immer wieder, sei Sache einer privilegierten Minderheit. Theater, Oper, klassische Konzerte würden ohnehin nur von Rentnern frequentiert, seien daher als Massenphänomene letztlich bedeutungslos. Abgesehen von der pauschalisierenden Irrigkeit dieser Behauptung entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass hier die Belange ausgerechnet jener Gruppe für nichtig erklärt werden, welche derzeit als meistgefährdete im Fokus der Sorge steht.

Ein noch größerer Denkfehler: Immer wieder wird Kultur offensichtlich als etwas von unserer übrigen Zivilisation und Daseinsart leichthin Trennbares vorgestellt – als nicht systemrelevante, sekundäre Komponente. Eine solche Position zeugt jedoch von totaler soziophilosophischer Blindheit, welche die gegenseitige Durchdringung aller Sphären geistigen und überhaupt gesellschaftlichen Lebens zu erkennen unfähig ist. So erweist sich die Relativierung kultureller Werte nicht nur als genauso bedrohlich wie der heute allenthalben schwelende Antiszientismus, sondern darüber hinaus als dessen komplementärer Konterpart: Beides, Wissenschafts- wie Kulturhass, entspringt einem im Kern zivilisationsfeindlichen, gegenaufklärerischen, menschenverachtenden Impetus.

Doch die bei weitem gefährlichste Verirrung ist diese: Indem wir uns dazu hinreißen lassen, den besonderen Reichtum an Sinnstiftung, Empfindung und Einfühlung zu degradieren, den uns allein die Kunst zu eröffnen vermag, riskieren wir, zwar als Existenzen zu überleben, das Menschlichste am Menschen jedoch zum Erlöschen zu bringen.

Alexander Estis ist freier Schriftsteller.

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