Die Corona-Krise erscheint als ein Wetterleuchten von kommenden und sich verstärkenden Krisen: Klimawandel, Biodiversitätsverlust, steigende soziale Ungleichheiten.
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Die Corona-Krise erscheint als ein Wetterleuchten von kommenden und sich verstärkenden Krisen: Klimawandel, Biodiversitätsverlust, steigende soziale Ungleichheiten.

Krisenfestigkeit als Fluchtpunkt

Die Lektion, die Corona uns lehrt

  • vonMarkus Vogt
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Die Corona-Krise zwingt uns, nachhaltige Pfade einzuschlagen - auch, um auf weitere Krisen vorbereitet zu sein. Der Gastbeitrag.

Atemraubend rasant stellt uns die Corona-Krise immer wieder vor neue Herausforderungen. So unterschiedlich diese erscheinen – alle verweisen auf eine übergreifende Aufgabe: Wir müssen aufbrechen zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformationen, und zwar in Richtung Nachhaltigkeit. Ein solcher Aufbruch bleibt unabdingbar, wenn wir die Brandherde der Corona-Krisen nicht nur kurzfristig löschen, sondern uns als Gesellschaft besser wappnen wollen gegen künftige vergleichbare Krisen.

Unsere Gesellschaft ist nicht erst durch die Corona-Krise verwundbar geworden, vielmehr hat die Pandemie eine bereits bestehende Fragilität offengelegt und etliche Probleme teils verschärft. Ungleichheiten in der Arbeits-, Wirtschafts- und Bildungswelt seien hier nur beispielhaft genannt. Sichtbar werden dabei insbesondere die tiefgreifenden Wechselwirkungen zwischen den Problemen (etwa Gesundheits- und Wirtschaftsbereich) – und nicht zuletzt ihre Zusammenhänge mit Umweltregimen. Erkennbar wird dabei, wie nicht nachhaltiges Leben als ein Faktor wirkt, der massiv zur Fragilität der der Gesellschaft beiträgt.

Vieles deutet darauf hin, dass das Corona-Virus von einem Wildtier auf den Menschen übertragen wurde, bedingt durch immer weiteres Eindringen von menschlichen Lebensräumen in tierische. In der Folge und mittels enorm vielfältiger systemischer Wechselwirkungen werden Menschenleben millionenfach gesundheitlich und wirtschaftlich bedroht und ganze gesellschaftliche Lebensbereiche massiv destabilisiert. Nachhaltigkeit hingegen – verstanden als systemische Integration komplexer sozialer, ökologischer und ökonomischer Entwicklungen – verspricht indes unsere Lebensbereiche widerstandsfähiger zu machen.

Durch das Verständnis der Corona-Krise als eine globale Systemkrise des „Dynamisierungsliberalismus“ (wie es Andreas Reckwitz in seiner prägnanten Analyse zum „Ende der Illusionen“ nennt) kommt man zu einer wichtigen Lektion: Dass wir dringend nachhaltige Pfade einschlagen müssen, um unser Leben auf der Erde resilienter, also widerstandsfähiger zu machen. Die Corona-Krise erscheint mit ihren rasant ablaufenden, global wahrnehmbaren Wechselwirkungen als ein Wetterleuchten von kommenden und sich verstärkenden Krisen: Klimawandel und Biodiversitätsverlust, ebenso wie steigende soziale Ungleichheiten.

Es ist dabei mit außerordentlichen, zerstörerischen Rückkopplungseffekten zwischen ökologischen und gesellschaftlichen Systemen zu rechnen. Diese Lektion zu erkennen ist bereits viel wert. Politisch und gesellschaftlich diskutiert werden muss nun, was wir daraus lernen, um auf krisenrobuste Pfade zu gelangen.

Die gute Nachricht: In der Krise zeigte sich auch, wie eine zuvor kaum für möglich gehaltene radikale Transformation der Gesellschaft in kurzer Zeit bewerkstelligt werden konnte. Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit ist also möglich.

Die Corona-Krise wurde zum Experimentierfeld für Coping-Strategien im Umgang mit einem Phasensprung im Leben. Viele entdecken etwa digitale Kulturtechniken für Konferenzen oder Internet-Teaching. Strategien populistischer Problemverleugnung werden entlarvt. Der Bedarf an Solidarität ist national wie international unabweisbar und wird in Europa wohl finanzpolitisch umgesetzt. Nicht zuletzt die Konjunkturprogramme wecken Hoffnungen auf die Entschlusskraft des politischen Handelns: sofern sie konsequent verbunden werden mit einem zukunftsorientierten Umbau von Gesellschaft.

Dabei wird wichtig sein, den wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbau nicht gegen ökologische Ziele auszuspielen. Etliche Zielkonflikte, etwa zwischen gesundheitlicher Risikominimierung und wirtschaftlicher Funktionsfähigkeit sowie zwischen Klimaschutz und Schuldenbremse, sind freilich unvermeidlich.

Aber Nachhaltigkeit selbst kann für die Lösung dieser Zielkonflikte eine entscheidende Horizonterweiterung bieten. Dabei ist die Corona-Krise auch für Nachhaltigkeitsakteure eine Bewährungsprobe: Es gilt zu zeigen, dass Nachhaltigkeit kein Luxusdiskurs für bessere Zeiten ist, sondern präventives, wirksames und innovatives Change-Management, beispielsweise für neue Mobilitätsmuster, Bioökonomie oder sozialen Zusammenhalt.

Das neue Ziel gesellschaftlicher Entwicklung ist es, Krisen, die durch nicht nachhaltiges Leben ausgelöst werden, zu verringern sowie die sozioökonomischen und kulturellen Immunsysteme widerstandsfähiger gegen sie zu machen. Statt des Denkens im Fluchtpunkt von Fortschritt rückt die Norm der Krisenfestigkeit ins Zentrum der politischen Kommunikation.

Markus Vogt ist Sozialethiker der LMU München und Mitglied der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030.

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