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Komplexer Klimaschutz

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Von: Fritzi Köhler-Geib

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Logo für den G7-Gipfel in Hiroshima.
Logo für den G7-Gipfel in Hiroshima. © dpa

Entscheidend ist, was morgen grün ist - auch für Investitionen. Der Gastbeitrag.

Immerhin, zum Ende eines schwierigen Jahres sind im Bereich der Klimapolitik zwei Durchbrüche gelungen: Die europäische Einigung auf eine Reform des EU-Emissionshandels und auf einen CO2-Grenzausgleichsmechanismus sowie die Einrichtung eines Klimaclubs durch die G7.

Beides sind Meilensteine auf dem Weg zu einer global koordinierten Klimapolitik. Beide sind gerade zu einem Zeitpunkt wichtig und ermutigend, an dem die beste Lösung, ein ausreichend hoher, global harmonisierter Preis für Kohlendioxid (CO2) wegen der geopolitischen Lage kurzfristig unerreichbar erscheint, die Zeit zu handeln wegen der immer sichtbareren Auswirkungen des Klimawandels aber drängt.

Der Weg zur Klimaneutralität führt über Investitionen in erheblichem Umfang – in Deutschland allein 190 Milliarden Euro pro Jahr. EU-Emissionshandel und Grenzausgleichsmechanismus erhöhen hierfür Planungssicherheit.

Eine weitere zentrale Frage ist die nach der Finanzierung der erforderlichen Investitionen. Das Schlagwort „Green Finance“ fasst verschiedene Handlungsfelder rund um die grüne Ausrichtung des Finanzmarkts zusammen. Letztlich geht es darum, Nachhaltigkeit in der Breite des Marktes zu verankern und verfügbares Kapital mit grünen Investitionsprojekten zusammenzubringen. Dazu tragen drei wesentliche Bausteine bei: eine hohe Transparenz, ein starker Kapitalmarkt und eine kluge Risikosteuerung.

Damit Kapital in nachhaltige Investitionen strömt, braucht es ausreichend verlässliche Informationen zu den klimarelevanten Eigenschaften der möglichen Investitionsprojekte. Die EU hat mit ihren verschiedenen Initiativen, etwa dem EU Green Bond Standard oder der EU-Offenlegungsverordnung wichtige Fortschritte hin zu mehr Belastbarkeit und Vergleichbarkeit von Nachhaltigkeitsinformationen angestoßen.

Bei der Weiterentwicklung regulatorischer Rahmenbedingungen entscheidet die Auflösung des Zielkonflikts zwischen der Notwendigkeit zusätzlicher Informationen auf der einen Seite und möglichst schlanken administrativen Anforderungen an Dokumentation und Offenlegung auf der anderen Seite über den Erfolg. Die Anforderungen müssen für die Unternehmen leistbar sein, sonst bleiben die Investitionen aus. Langfristig ist auch mit Blick auf die derzeit in Arbeit befindlichen regulatorischen Initiativen eine internationale Harmonisierung zielführend.

Transformation finanzieren heißt vielfach Innovation zu finanzieren. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur sind fast die Hälfte der bis zur Mitte des Jahrhunderts zu erzielenden CO2-Einsparungen erst durch Technologien möglich, die sich heute noch in der Demonstrations- oder Prototypphase befinden.

Es bedarf also auch Investitionen in Unternehmen und Projekte, die heute noch gar nicht grün sind – es aber morgen mit Hilfe neuer Technologien hoffentlich sein werden. Damit innovative grüne Investitionen finanziert werden und Kapital in den Umbau von Unternehmen entlang ihrer Transformationsstrategien fließt, braucht es zunehmend risikobereite Investoren und einen guten Zugang zum Kapitalmarkt. Dafür sind Fortschritte bei der europäischen Kapitalmarktunion unbedingt erforderlich, um die bisher fragmentierten europäischen Kapitalmärkte stärker zu vereinheitlichen und zu verbreitern.

Kreditfinanzierung ist das vorherrschende Vehikel der Investitionsfinanzierung in Deutschland, insbesondere im Mittelstand. Da technologische und politische Risiken bei Transformationsvorhaben tendenziell erhöht sind, gerät die bankbasierte Kreditfinanzierung bei Zukunftstechnologien allerdings an ihre Grenzen – etwa durch Eigenkapitalanforderungen und interne Risikoerwägungen.

Daher braucht es ergänzende Bausteine im transformativen Finanzierungsmix. So können qualitativ hochwertige Verbriefungen ein Instrument zur Risikosteuerung in Bankbilanzen sein. Venture Capital hat das Potenzial, grüne Technologien in frühen Entwicklungsstadien zu unterstützen. Auch eine geschickte Risikoteilung zwischen Banken und Förderbanken bietet die Chance, bei nachhaltigen Investitionen mit ihren teils langen Investitionshorizonten und möglichen geringen Anfangsrenditen eine Kreditvergabe zu ermöglichen.

Am Ende müssen die Renditeaussichten stimmen, damit private Investitionen getätigt und finanziert werden. Diese Erwartungen werden wiederum von den Auswirkungen des Klimawandels und klimapolitischen Entscheidungen beeinflusst. So können Klimainvestitionen unter der Annahme zielführender Politikpfade rentabel sein, aufgrund hoher Unsicherheit über den tatsächlichen Pfad im Erwartungswert jedoch negativ erscheinen – und damit unterbleiben.

Ein hinreichend ehrgeiziger und langfristig verlässlicher, globaler CO2-Preis würde über seine Anreizwirkung Realinvestitionen wirksam und effizient in die gewünschte Richtung lenken. Ein Umlenken der Kapitalströme weg von klimaschädlichen Energieträgern wäre dann erst gar nicht erforderlich. Solange ein solcher Preis nicht zur Verfügung steht, sind Green-Finance-Maßnahmen jedoch hilfreiche und sogar notwendige Instrumente der Klima- und Nachhaltigkeitspolitik.

Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW.
Dr. Fritzi Köhler-Geib. © Thorsten Futh

Fritzi Köhler-Geib ist Chefvolkswirtin der KfW.

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