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Der CO2-Ausstoß muss bis auf ein Minimum reduziert werden.
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Der CO2-Ausstoß muss bis auf ein Minimum reduziert werden.

Gastbeitrag

Kohlendioxid als Helfer sehen

Der Ausstoß von CO2 muss auf null reduziert werden. Zusätzlich sollte man Abgase recyceln. Der Gastbeitrag.

Alarmstufe Rot für die Menschheit.“ Die Warnung der Vereinten Nationen vor den Folgen der Erderwärmung zeigt das Ausmaß der Erwartungen, die sich an den Weltklimagipfel COP 26 richten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befürchten, dass wir uns Wendepunkten nähern, die die Lebensgrundlagen auf der Erde ändern könnten. Eine niederschmetternde Prophezeiung, zumal die CO2-Emissionen nach einem coronabedingten Rückgang schon auf das nächste Rekordhoch zusteuern.

Dem steht aber eine erfreuliche Tatsache gegenüber: „Netto null“ – eine klimaneutrale Welt – scheint mit größter Kraftanstrengung zumindest technologisch erreichbar. Der Umweltpionier Bertrand Piccard beispielsweise hat dafür über tausend Lösungen zusammengetragen, machbar und profitabel. Auf der Klimakonferenz in Glasgow will er sie vorstellen. Hier sollten wir prinzipiell für alles offen sein.

Vor allem aber muss klar sein: Mit der Reduzierung von Emissionen allein ist es nicht getan. Das gilt insbesondere für die Industrie, die etwa in Deutschland fast ein Viertel aller Treibhausgasemissionen verursacht. Für einige Sektoren ist es äußerst schwierig, wenn nicht unmöglich, den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) zu vermeiden – etwa Zement, Düngemittel oder Stahl. Hier sind zusätzlich andere Ansätze nötig.

Der derzeit verbreitetste Gedanke ist, das ausgestoßene CO2 wieder einzufangen. Das Spektrum an Ideen ist groß. Zum Beispiel mehr Bäume pflanzen und Moore regenerieren, die CO2 aufnehmen. Freilich auf die Gefahr hin, dass es durch Dürren oder Brände irgendwann wieder freigesetzt wird. Oder CO2 in den Ozeanen bunkern – was aber den Nebeneffekt hätte, dass das Meerwasser noch saurer würde. All die kühnen Geo-Engineering-Konzepte haben ihr Für und Wider, sollten aber ernsthaft erwogen werden. Allein auf dem Weg in die Wasserstoffwirtschaft könnten wir darauf angewiesen sein.

Wir müssen noch in eine andere Richtung denken: CO2 nicht nur als den Feind betrachten, den wir partout loswerden und wegsperren sollen. Sondern es in gewisser Weise auch als eine Art Freund und Helfer sehen. Wir können mit dem Abgas, das den Fabrikschloten entweicht, nämlich auch etwas anfangen – indem wir es als umweltgerechten neuen Rohstoff nutzen.

Die Fachwelt spricht von Carbon Capture and Utilization (CCU), ein Thema, das zunehmend Befürworter in Wissenschaft und Wirtschaft findet. Alle sind sich einig: Hier ist der Stein, der das Klimaschutz-Puzzle komplett macht. In der breiten Öffentlichkeit scheint dieser Gedanke allerdings noch nicht recht angekommen zu sein. Ein Grund mehr, das Recycling von CO2 auf dem Klimagipfel im November ins Rampenlicht zu rücken.

Die Politik hat das Potenzial von CCU vielerorts erkannt. So fördert etwa die Bundesregierung zahlreiche entsprechende Forschungsvorhaben, und auch im European Green Deal spielt CO2-Recycling eine Rolle. Nun gilt es, die Rahmenbedingungen weiter zu verbessern: etwa sehr viel preiswerten Ökostrom bereitzustellen und die CO2-Emissionskosten so zu gestalten, dass CCU wettbewerbsfähig wird.

Ganz besonders ist die CO2-Nutzung ein Thema für die Chemie- und Kunststoffindustrie. Sie braucht für ihre Produkte unbedingt Kohlenstoff, und den holt sie sich bislang aus fossilen Quellen wie Erdöl. Mit der Folge, dass die Branche für rund sieben Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes steht. Das macht klar: Auf dem Weg zur Klimaneutralität muss der Kohlenstoff aus anderen, emissionsfreien Quellen kommen: recycelter Plastikabfall, Biomasse – und eben CO2. Inzwischen gelangen zunehmend Kunststoffe auf den Markt, die teilweise aus Kohlendioxid statt Öl bestehen, darunter Matratzen, Autositze und Sportböden. Neben etablierten Unternehmen setzen auch immer mehr Start-ups CO2 in der Produktion ein. Dabei nehmen sie sich die Natur zum Vorbild. Pflanzen machen es uns seit Abermillionen von Jahren vor, indem sie Kohlendioxid und Wasser mit Sonnenenergie in Zucker und Sauerstoff umwandeln. Ein junges Unternehmen aus Finnland beispielsweise, Solar Foods, kann so ein Proteinpulver erzeugen, das als Nahrungsergänzungsmittel dienen soll.

Wie viel CO2 sich durch CCU in Zukunft nutzen lässt, kann man derzeit nur schätzen. Die gegenwärtige Menge wird auf etwa 40 Millionen Tonnen veranschlagt. Das Potenzial reicht Experten zufolge von 100 Millionen bis 15 Milliarden Tonnen pro Jahr. In Relation zu den circa 35 Milliarden Tonnen, die derzeit jährlich in die Atmosphäre ziehen, also unter Umständen richtig viel. Zusammen mit der konsequenten Hinwendung zur Kreislaufwirtschaft bietet sich hier jedenfalls eine Option, die wir für „netto null“ unbedingt weiterverfolgen sollten.

Markus Steilemann ist Vorstandsvorsitzender des Chemieunternehmens Covestro.

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