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Kitas: Mit Ansage in die Katastrophe

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 In einigen Regionen ist es kaum bis gar nicht mehr möglich, einen verlässlichen Kitabetrieb aufrechtzuerhalten.
In einigen Regionen ist es kaum bis gar nicht mehr möglich, einen verlässlichen Kitabetrieb aufrechtzuerhalten. © Sina Schuldt/dpa (Symbolbild)

Der Mangel an Fachkräften in der frühkindlichen Bildung ist vielerorts dramatisch. Die Politik braucht hier endlich eine klare Strategie. Ein Gastbeitrag von Doreen Siebernik (GEW).

Wird über den Wirtschaftsstandort Deutschland gesprochen, sind wir schnell beim „Autoland“. Andere systemrelevante Bereiche wie die frühkindliche Bildung geraten schnell aus dem Fokus. Zu Unrecht. In Kitas werden die Grundlagen gelegt, die über eine erfolgreiche Bildungsbiografie der Menschen entscheiden, nach der sie später im Beruf qualifizierte Tätigkeiten übernehmen können. Hier werden die Voraussetzungen geschaffen, damit Menschen Beruf und Familie miteinander vereinbaren können. Hier arbeiten über 840 000 Menschen – Tendenz steigend. In der Autobranche gibt es 786 000 Beschäftigte – Tendenz sinkend.

Über die Bedeutung der frühkindlichen Bildung gibt es heute einen breiten gesellschaftlichen Konsens. Zumindest werden die politisch Verantwortlichen nicht müde, dies bei jeder Gelegenheit zu betonen. Doch wie sieht das in der Realität aus? Schon bei Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kitaplatz für alle Kinder, die älter als drei Jahre sind, fehlten 1996 bundesweit mehrere Hunderttausend Plätze. 2023 ist die Situation ähnlich angespannt. Nach aktuellen Zahlen der Bertelsmann-Stiftung fehlen in Deutschland mehr als 383 000 Plätze, um die Betreuungswünsche der Familien zu erfüllen. Parallel dazu gibt es einen dramatischen Mangel an pädagogischen Fachkräften – mehr als 98 000 fehlen. Legt man die Empfehlungen der Wissenschaft für eine kindgerechte Personalausstattung der Kitas zugrunde, brauchen wir mehr als 300 000 zusätzliche Fachkräfte.

Zudem ist eine aktive Flucht aus den Berufsfeldern der sozial-pädagogischen Praxis zu beobachten. Warum? Die Belastungen in allen Arbeitsfeldern sind einfach zu hoch. Es ist zu kurz gegriffen, den anhaltenden Exodus aus der pädagogischen Praxis allein mit der Pandemie zu erklären. Schon 2018 haben Fachleute darauf aufmerksam gemacht, dass rund 25 Prozent der Beschäftigten das Arbeitsfeld in den ersten vier bis fünf Jahren wieder verlassen. Hauptgründe sind die Arbeits- und Rahmenbedingungen sowie mangelnde Führungskompetenzen auf der Leitungsebene und die unzureichende Qualität vieler Träger der Einrichtungen. Auch die Evaluation des sogenannten „Gute-Kita-Gesetzes“ hat festgestellt, dass das Wohlbefinden in den Einrichtungen ein entscheidender Faktor für den Verbleib der Beschäftigten ist. Die Bundesregierung reagierte. Das Familienministerium startete 2019 das Programm „Fachkräfteoffensive“. Ziel war, die Praxisintegrierte Ausbildung (P.I.A.) auszubauen, die Praxisanleitungen zu stärken und neue Karrierewege im Berufsfeld zu schaffen. Leider wurde diese Offensive nur halbherzig umgesetzt und läuft Ende 2022 aus.

Die Auswirkungen des Fachkräftemangels sind vielerorts dramatisch. In einigen Regionen ist es kaum bis gar nicht mehr möglich, einen verlässlichen Kitabetrieb aufrechtzuerhalten. Teilweise werden Öffnungszeiten drastisch reduziert und/oder das Betreuungsangebot wird massiv eingeschränkt. Mit großen sozio-ökonomischen Folgen gerade für die Familien, die eine verlässliche frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung am dringendsten brauchen. Gleichzeitig erreichen die Fachkräfte ihre Belastungsgrenze. Das so eine Situation kommen wird, ist nicht überraschend. Bereits Anfang der 2000er ist darauf hingewiesen worden, dass die geburtenstarken Jahrgänge ab 2020 sukzessive aus dem Arbeitsfeld ausscheiden werden.

Es ist verlockend, aber trügerisch, nach einfachen Antworten für das Problem zu suchen. Das Dilemma der Fachkräfte und Eltern wird sich nicht von heute auf morgen lösen lassen. Es braucht endlich eine klare Strategie, wie wir in unserer Gesellschaft die Gemeinwohlökonomie fördern und gestalten wollen. Begleitend dazu muss es kurzfristig ein massives Qualifizierungsangebot für all jene Beschäftigten geben, die etwa im Rahmen der „Helfenden Hände“-Konzepte in die Kindertagesbetreuung gekommen sind. Gleichzeitig ist eine mutige und den Namen verdienende Fachkräfteoffensive nötig, die eine Qualifizierung anbietet, die vom ersten Tag an bezahlt wird, und die Kolleg:innen in dieser sensiblen Phase durch qualifizierte Anleitung begleitet. Für die Kommunen müssen Mittel bereitgestellt werden, um die Strukturen der Fachberatung auszubauen, die die Einrichtungsleitungen unterstützen. Mittel- bis langfristig müssen die Prozesse des Qualitätsmanagements auf Trägerebene verstetigt werden. Zudem muss sich die Politik eindeutig positionieren, dass sie bundeseinheitliche Qualitätsstandards in der frühkindlichen Bildung umsetzen will.

Erst wenn die Arbeits-, Rahmen- und Einkommensbedingungen stimmen, werden sich noch mehr Menschen für diese tollen Berufe entscheiden.

Doreen Siebernik leitet den Bereich Jugendhilfe und Sozialarbeit bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

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