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Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer in der Kritik.
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Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer in der Kritik.

Gastbeitrag

Keine Spielchen mit politischer Bildung

  • VonKai Gehring
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Politikunterricht in den Schulen darf nicht zugunsten von Wirtschaftsthemen reduziert werden. Der Gastbeitrag.

Unter dem Deckmantel „ideologiefreier Schulpolitik“ drückt Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer den Schulen zwischen Lippe, Rhein und Ruhr ihr politisches Koordinatensystem auf. Nach der Einführung des Schulfachs „Wirtschaft-Politik“ holt die Ministerin nun zum Schlag gegen die Ausbildung der Fachlehrerinnen und Fachlehrer aus: Statt des Studienfachs Sozialwissenschaften, das Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft gleichermaßen beinhaltet, soll künftig das Fach „Wirtschaft-Politik“ studiert werden. „Wirtschaft first, Gesellschaft second“ ist ein schlechtes Rezept für die Klassenzimmer. Sofern FDP-Schulministerin Gebauer ihre Pläne nicht überarbeitet, sind Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen und Ministerpräsident Armin Laschet gefordert, ein Stoppschild zu setzen.

Am Anfang jeder echten Reform steht eine Analyse des Ist-Zustands. Die NRW-Pläne genügen diesem Grundsatz nicht. Denn an ökonomischen Inhalten mangelt es den Schulen des Landes nicht. Studien zeigen, dass in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern die wirtschaftlichen Themen deutlich mehr Raum einnehmen als die politischen. Professor Reinhold Hedtke von der Uni Bielefeld hat in seiner Auswertung der NRW-Lehrpläne errechnet, dass im Durchschnitt pro Schulwoche bestenfalls 17 bis 20 Minuten auf politisches Lernen entfallen. Jede Schülerin und jeder Schüler hat somit wöchentlich etwa 20 Sekunden Zeit, im Politikunterricht zu Wort zu kommen. Trotzdem die politische Bildung weiter zurückzudrängen und nochmals Wirtschaftsthemen zu stärken, legt den Schluss nah: Hier agiert eine ideologische, neoliberale Ministerin mit tatkräftiger Unterstützung arbeitgebernaher Lobbyverbände.

Wirtschaftsthemen bei Schülerinnen und Schülern kontrovers darzustellen, ist gerade Wirtschaftsverbänden ein Dorn im Auge. Ein kritischer Brief der Arbeitgeberverbände an Bundesinnenminister Horst Seehofer reichte schon aus, um eine Materialsammlung der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) zum Thema „Ökonomie und Gesellschaft“ aus dem Programm zu nehmen. Am Ende ruderte das Ministerium zwar zurück, aber auch gescheiterte Einflussnahmen können sich fatal auswirken, indem schon vorab in einer Art Selbstzensur ausgelotet wird, wie kritisch Materialien überhaupt sein dürfen.

Größtes Manko bei den Gesellschaftswissenschaften in NRW und vielerorts bundesweit ist nicht der Mangel an ökonomischen Themen an den Schulen, sondern der Mangel an Lehrkräften, um politische Bildung zu unterrichten. Das Fach wird besonders häufig fachfremd unterrichtet, also von Lehrerinnen und Lehrern ohne entsprechende Ausbildung. An den Hauptschulen in NRW wird sogar über 90 Prozent des Politikunterrichts „fachfremd“ erteilt. Kids aus vergleichsweise bildungs- und partizipationsferneren Haushalten erhalten also keine gleichwertig gute politische Bildung wie Kinder aus bildungsnahen, beteiligungsfreudigen Familien. Damit entfällt auch ein wichtiger Sekundäreffekt des Politikunterrichts: Über die Kinder und Jugendlichen werden auch die Eltern erreicht und am Esstisch politisch mit gebildet.

Gute Bildung fördert Partizipation und gerade guter SoWi-Unterricht kann Lust auf gesellschaftspolitische Mitwirkung entfachen. Anstatt Studierende der Sozialwissenschaften und angehende Politiklehrerinnen und -lehrer zu verunsichern, brauchen sie attraktive und ganzheitliche Studiengänge und Einstiege. Zu Recht erfährt Gebauer bei Lehrkräften und Studierenden ordentlich Gegenwind für ihre Einheitsbrei-Pläne. Mehr als 36 000 Menschen haben inzwischen die Petition unterzeichnet, die sich gegen die Degradierung der Sozialwissenschaften richtet.

Die Reaktion des Schulministeriums, es gehe um einen vorurteilsfreien Blick auf die Wirtschaft, schürt weiteres Misstrauen. „Der Markt regelt das“, ist kein Naturgesetz, sondern ein umstrittener Lehrsatz, der im Schulunterricht entsprechend kontrovers dargestellt werden muss. Das können nur Lehrkräfte leisten, die entsprechend breit ausgebildet sind.

Ministerin Gebauer muss eine 180-Grad-Wende vollziehen und ihre unausgegorenen Pläne vom Tisch nehmen. In der Corona-Zeit sind die Gesellschaftswissenschaften weiter ins Hintertreffen geraten. Hinzu kommt der fatale bundesweite Trend, die ökonomische Bildung zulasten der politischen Bildung aufzuwerten. In Zeiten, wo Demokratiefeinde Unsicherheit und Misstrauen schüren, kommt es auf die politische Bildung besonders an. Sie ermutigt Kinder und Jugendliche, sich nicht indoktrinieren zu lassen oder Verschwörungsideologien auf den Leim zu gehen.

Kai Gehring ist Sprecher für Forschung, Wissenschaft und Hochschule der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag.

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