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Die Bilanz von 30 Jahren Gentechnik sieht düster aus: Herausgekommen sind hauptsächlich Soja.
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Die Bilanz von 30 Jahren Gentechnik sieht düster aus: Herausgekommen sind hauptsächlich Soja.

Gastbeitrag

Keine Ausnahmen für die Neue Gentechnik

  • VonMartin Häusling
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Es ist wichtig zu wissen, was wir auf unseren Feldern und Tellern haben. Dieses Rechtmuss bleiben.

Die Diskussionen über den richtigen Umgang mit der Neuen Gentechnik haben ihren Höhepunkt erreicht. Die Europäische Kommission hat kürzlich mitgeteilt, dass sie einige Verfahren dieser Gentechnik eventuell von der EU-Gesetzgebung ausnehmen will. Gentechnikbefürworter jubilieren.

Die Ankündigung der Kommission ist ein Schlag in die Magengrube. Schon bei der alten Gentechnik vor 30 Jahren hat die Saatgutindustrie viel versprochen. Höhere Erträge, bessere Nährwerte, klimaangepasste Sorten – nichts davon hat sich bewahrheitet. Die Bilanz von 30 Jahren Gentechnik sieht düster aus: Herausgekommen sind hauptsächlich Soja, das gegen Herbizide wie Glyphosat resistent ist und Mais, der sein eigenes Gift (Bt-Toxin) produziert.

Warum sollte das bei der Neuen Gentechnik anders sein? Es stimmt, dass die Biotechnologie sich in den letzten Jahren rasant entwickelt hat und erste Erfolge in der medizinischen, der sogenannten roten Gentechnik zeigte. Daraus aber abzuleiten, dass die EU-Gesetze die neuen Gentechnikverfahren im Bereich Pflanzenzucht nicht angemessen regulieren könnten und deshalb für diese Verfahren eine Deregulierung angemessener wäre, ist mehr als fahrlässig. Es ist kaum erforscht, wie sich die gentechnischen Veränderungen in den Organismen und im Ökosystem auswirken. Klar ist aber, dass die Genveränderung auch mit den neuen Methoden unpräzise ist.

Befürworter begründen eine Deregulierung der Neuen Gentechnik auch mit der Behauptung, dass sich das Endprodukt nicht unterscheide, die gentechnische Veränderung auch auf natürlichem Wege hätte passieren können. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht falsch. Gerade wenn es um Produkte geht, die in die Natur freigesetzt werden sollen und sich dort auch unkontrolliert verbreiten können, muss ganz genau hingeschaut werden.

Wir wissen, dass es jede Menge Fehleffekte auch bei den Verfahren der Neuen Gentechnik gibt. Der Vorgang der Genveränderung vollzieht sich in der Pflanze anders als bei konventioneller Züchtung und in der freien Natur. Ist der Geist aber aus der Flasche, gibt es kein zurück.

Daher ist Regulierung und Monitoring dieser Produkte so wichtig, damit ausgeschlossen werden kann, dass die neuen Produkte Risiken für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt mit sich bringen – es muss das Vorsorgeprinzip gelten. Nur dann können Auswirkungen auf die Natur dokumentiert und Saatgut, Lebens- und Futtermittel gekennzeichnet werden. Nur dann haben Landwirte und Verbraucher eine Chance auszuwählen, ob sie sich Gentechnik auf die Felder, in die Futtertröge oder auf den Teller holen.

Das ist besonders für die ökologische Landwirtschaft wichtig, da hier Gentechnik per Gesetz ausgeschlossen ist. Dass Verbraucherinnen und Verbraucher keine Gentechnik im Essen wollen, bestätigen Umfragen. Beim Ökolandbau ist die Gentechnikfreiheit für die Kundinnen und Kunden des stetig wachsenden Biosektors ein starkes Kaufargument.

Besonders irritiert mich, dass die Kommission in ihrer Veröffentlichung ausführt, dass sie die neuen Gentechnikverfahren als wichtiges Instrument im Rahmen des European Green Deal und der Farm-to-fork-Strategie sieht. Die Mehrzahl der gentechnischen Veränderungen führt nur zu Resistenz gegen Herbizide und Insektizide, mit der Folge, dass die Landwirte zu immer höheren Dosen und gefährlicheren Spritzmitteln greifen. Pestizidreduktion sieht anders aus.

So komplizierte Eigenschaften wie Trockentoleranz entwickeln sich aus einem komplexen Zusammenspiel zwischen vielen Genen in einer Pflanze und dem Außenmilieu. Wer meint, dass er mit verändertem Saatgut auf der sicheren Seite steht, gibt sich Technikphantasien hin, die in der Natur nicht funktionieren.

Aus meiner 40-jährigen Erfahrung als Biobauer kann ich sagen, dass nur ein Arbeiten mit der Natur Erfolg zeigt. Humusaufbau und Fruchtfolgen sind das A und O, sie stärken die Wasserhaltekapazität des Bodens, bewahren ein reiches Bodenleben und schützen nicht zuletzt die Pflanzen vor Trockenheit, Witterung und Schädlingen.

Die Kommission will – auch auf Druck der Saatgutindustrie hin – Nägel mit Köpfen machen. Die nächsten Monate entscheiden über unseren künftigen Umgang mit Gentechnikpflanzen in Europa. Die Stimmen der Verbraucher:innen und gentechnikfrei wirtschaftenden Landwirte und Landwirtinnen dürfen keinesfalls zugunsten von globalen Saatgutkonzernen überhört werden. Das Recht zu wissen, was wir auf unseren Feldern, Tellern und in den Futtertrögen haben, darf nicht beschnitten werden.

Martin Häusling ist Bio-Milchbauer aus Nordhessen und seit 2009 Mitglied des Europäischen Parlaments. Dort ist er der agrarpolitische Sprecher der Fraktion Die Grünen/EFA.

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