An der Wand ein Bild vom Kraftwerk Inga I. Mit dem geplanten Kraftwerk Inga III, wird ein afrikanisches Land einmal mehr in die Rolle des Technologieimporteurs und Rohstoffexporteurs gezwungen.
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An der Wand ein Bild vom Kraftwerk Inga I. Mit dem geplanten Kraftwerk Inga III, wird ein afrikanisches Land einmal mehr in die Rolle des Technologieimporteurs und Rohstoffexporteurs gezwungen.

Gastbeitrag

Kein Kolonialismus beim Wasserstoff

  • vonEva-Maria Schreiber
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Deutschland muss mit afrikanischen Staaten auf Augenhöhe andere Energiequellen erschließen. Der Gastbeitrag.

Es ist eine verführerische Vision: 2050 läuft die deutsche Wirtschaft auf Hochtouren, ohne ein Gramm Kohlendioxid (CO2) auszustoßen. Auch Autofahren ist uneingeschränkt möglich. Aus dem Auspuff strömen jedoch keine Abgase, sondern tropft Wasser. Zu verdanken haben wir das dem Erfolg der deutschen Wasserstoffstrategie, die die Bundesregierung 2020 inmitten der Corona-Krise verabschiedete und mit neun Milliarden Euro unterfütterte.

In historischer Weitsicht gelang es ihr, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die deutsche Wirtschaft aus der Rezession zu holen, indem sie sie als globaler Marktführer im Bereich Wasserstoff – dem „Öl des 21. Jahrhunderts“ – positionierte, und Deutschlands Aufbruch in ein postfossiles, nachhaltiges und klimafreundliches Energiezeitalter einzuleiten.

Schöne, neue Welt? Ja – zumindest wenn man die deutsche (Auto-)Industrie fragt. Die kann ihr bisheriges Geschäftsmodell fortführen, muss lediglich auf einen neuen Kraftstoff umrüsten.

Wesentlich komplexer wird es, wenn wir unseren Blick dem Rest der Welt zuwenden. Zur Produktion von grünem Wasserstoff benötigt man nicht nur deutsche Technologie, sondern sehr viel Energie und jede Menge Wasser. Dieser Bedarf soll vorwiegend aus dem Ausland gedeckt werden – die Bundesregierung schätzt, dass 80 bis 90 Prozent des in Deutschland benötigten Wasserstoffs bis 2030 importiert werden müssen.

Hoffnungen setzt man unter anderem auf Afrika. Ein von der Bundesregierung in Auftrag gegebener „Potentialatlas Afrika“ soll klären, in welchen Ländern und Regionen Wasserstoff in großen Mengen hergestellt werden kann.

Wie Forschungs- und Wirtschaftsministerium während einer Debatte im Bundestag klarstellten, dürfe Wasserstoffproduktion in Afrika dabei keine Einbahnstraße sein: Es gehe nicht an, dass Deutschland nur die Technologie liefere und afrikanische Länder den Wasserstoff selbst verbrauchen. Beide Ministerien setzen bei der Kooperation auf afrikanische Partner, die auch bereit sind, Wasserstoff nach Deutschland zu exportieren.

Klingt irgendwie kolonialistisch. Ist es auch. Die Zukunftstechnologie Wasserstoff baut in seiner jetzigen Form auf rückwärtsgewandten Ausbeutungsmustern auf. Einmal mehr soll Afrikas Rolle als Technologieimporteur und Rohstoffexporteur festgeschrieben werden. Dass die meisten afrikanischen Staaten unter extremer Energiearmut leiden, jedes Kilowatt erzeugte Energie also selbst nötig haben, spielt dabei keine Rolle – allen Versprechen einer „Partnerschaft auf Augenhöhe“ zum Trotz.

Beispiel gefällig? Vor kurzem reiste der Afrikabeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, mit einer Wirtschaftsdelegation in die Demokratische Republik Kongo. Mit Vertretern der Deutschen Bank, Voith Hydro und anderen lotete er dort die Möglichkeiten aus, am Kongofluss ein Kraftwerk zu errichten (Inga 3), um damit Wasserstoff für den deutschen Markt zu produzieren.

Eine „eierlegende Wollmilchsau“ nennt Nooke das Projekt. Hinweise auf die verheerenden ökologischen und sozialen Auswirkungen von Inga 3, zum Beispiel die Umsiedelung von 35 000 Menschen, tut Nooke mit dem Hinweis ab, solche Argumente könne man sich angesichts der grassierenden Armut im Kongo nicht leisten. Genau an dieser Armut wird Inga 3 aber nichts ändern, da die produzierte Energie nach Deutschland gehen soll, während die Lebensgrundlagen Zehntausender Menschen für immer zerstört sind.

Will die Bundesregierung die Integrität ihrer Wasserstoffstrategie wahren, muss sie die Pläne von Nooke und seiner befreundeten Firmen stoppen. Zudem muss sie die Wasserstoffstrategie entwicklungspolitisch nachbessern. Das betrifft beispielsweise die Besetzung des Wasserstoffrats, der die Umsetzung der Wasserstoffstrategie begleitet.

Von den 26 Mitgliedern hat bisher kein einziges entwicklungspolitische Expertise. Dieses Fachwissen ist aber dringend nötig, um verpflichtende Vorgaben aufzustellen, unter denen Wasserstoff überhaupt importiert werden darf. Menschenrechte und Umweltstandards müssen darin ebenso festgeschrieben sein wie die Priorität, die Energieversorgung der Partnerländer zu verbessern.

Eine Energierevolution, die diesen Namen auch verdient, funktioniert nicht, wenn wir allein Öl durch Wasserstoff ersetzen. Deutschland muss seinen eigenen Energiebedarf deutlich senken, um nicht in einen neuen Energie-Kolonialismus zu verfallen. Meinen wir es ernst mit einem nachhaltigen Umbau unserer Gesellschaft, müssen wir unser eigenes Wirtschaftssystem ebenso ändern wie die Beziehungen zum Rest der Welt.

Eva-Maria Schreiber ist Linken-Bundestagsabgeordnete und Obfrau ihrer Fraktion im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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