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Japans endlose Schlussstrichpolitik

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Erinnerung an „Trostfrauen“ vor der japanischen Botschaft in Seoul.
Erinnerung an „Trostfrauen“ vor der japanischen Botschaft in Seoul. © dpa

Südkorea muss Tokio regelmäßig daran erinnern, Kriegsverbrechen auch als solche zu bezeichnen. Der Gastbeitrag von Hannes B. Mosler.

Erneut ist zwischen Südkorea und Japan ein diplomatischer Zwist aufgeflammt. Dieses Mal geht es um die Eintragung der japanischen Gold- und Silbermine auf der Insel Sado in das Unesco-Weltkulturerbe.

Die südkoreanische Regierung protestiert vehement dagegen, weil die Bewerbung unterschlägt, dass in den 1940er Jahren koreanische Zwangsarbeiter in dem Bergwerk ausgebeutet wurden. Die japanische Regierung weist die Vorwürfe zurück. Was die konkreten Argumente der japanischen Regierung sind, ist bisher im Dunkeln geblieben. Ein Gespräch zwischen den Außenministern der benachbarten Länder hat lediglich die divergierenden Positionen bestätigen können.

In rechtskonservativen Kreisen in Japan wird man da schon konkreter: erstens beziehe sich die Unesco-Bewerbung allein auf die Edo-Periode (1603-1868) und zweitens hätten die Koreaner, die dort im 20. Jahrhundert gearbeitet haben, dies aus freien Stücken getan. Genau das jedoch bezweifeln Forscherinnen und Forscher in Südkorea und Japan, die sich eingehend mit der Materie befasst haben. Demnach sei nicht zu leugnen, dass es sich auch in diesem Fall um Zwangsarbeit handelt. Darüber hinaus verlangen die Unesco-Prinzipien, dass die vollständige Geschichte einer Stätte dokumentiert werden muss, wenn sie als Weltkulturerbe anerkannt werden soll.

Erst vor zwei Jahren musste die südkoreanische Regierung erneut intervenieren, nachdem die Kohleminen auf der japanischen Insel Hashima 2015 unter Auflagen zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt worden waren. Denn auch hier wurden bis 1945 koreanische Arbeiterinnen und Arbeiter zum Untertagebau gezwungen, was in der Dokumentation der Stätte jedoch entweder unterschlagen oder verzerrt dargestellt wird. Und zwar trotz nachdrücklicher Aufforderung seitens der UNESCO, über diesen Teil der Geschichte wahrheitsgemäß aufzuklären.

Während der rund 35 Jahre der Fremdherrschaft auf der koreanischen Halbinsel (1910-1945) haben die japanischen Aggressoren der Bevölkerung nicht nur ihre koreanische Sprache und Namen verboten, sondern sie brutal ausgebeutet und niedergehalten. Als Japan dann seinen Aggressionskrieg gegen Ende der 1930er Jahre in Ostasien begann, kamen Zwangsrekrutierung für den Aggressionskrieg, Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie und Zwangsprostitution für die japanische Armee hinzu. Entsprechend viele Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübten die japanischen Besatzer und entsprechend viel gab es nach deren Kapitulation aufzuarbeiten.

Bisher hat sich die japanische Regierung jedoch nur sehr zögerlich darauf eingelassen und stößt seine Nachbarn regelmäßig vor den Kopf mit Anflügen von Geschichtsvergessenheit bis hin zu chauvinistischem Revisionismus. Repräsentativ dafür sind die hochrangigen japanischen Politikerinnen und Politiker, die sich immer wieder ungeniert bei offiziellen Besuchen des Yasukuni-Schreins zeigen. Denn dort wird auch den verurteilten Kriegsverbrechern gedacht, die sich in der faschistischen Achse Berlin-Rom-Tokio verdient gemacht haben.

Auf den Internetseiten des japanischen Außenministeriums wird unverhohlen die Behauptung verbreitet, dass die euphemistisch „Trostfrauen“ genannten Frauen und Mädchen während des Zweiten Weltkrieges nicht gezwungen worden wären, sich von den japanischen Soldaten vergewaltigen zu lassen. Deshalb dürften sie auch nicht als Sexsklavinnen bezeichnet werden, obgleich dieser Terminus bereits Mitte der 1990er Jahre in der UN-Menschrechtskommission eingeführt wurde. Auch die Meinung, dass man sich für die Gräueltaten bereits mehrmals entschuldigt habe und dass alle Schuld abgegolten sei, kann man dort nachlesen.

Zu allem Überfluss hat der ehemalige Premierminister Shinzo Abe jüngst öffentlich dazu aufgerufen, diesen „Geschichtskrieg“, den Südkorea an Japan herangetragen habe, nicht zu scheuen, und organisiert mit anderen einflussreichen Politikerinnen und Politikern der regierenden rechtskonservativen LDP eine Kampagne, um die Anerkennung der Sado-Mine als Weltkulturerbe durchzusetzen.

Ob dieser Geschichtsvergessenheit ist die Sorge auf südkoreanischer Seite entsprechend groß, dass die japanische Regierung auch diesen Fall dazu missbraucht, die Geschichte zu verklären und den aggressiven Militarismus und Kolonialismus vergangener Tage indirekt zu beschönigen.

Natürlich gibt es auf beiden Seiten der Auseinandersetzung Akteure, die lauter schreien als nötig und damit den Konflikt übermäßig schüren. Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die japanische Regierung mit ihrer nicht enden wollenden Schlussstrichpolitik ihrer Verantwortung für den aus guten Gründen pazifistisch verfassten Staat alles andere als gerecht wird.

Hannes B. Mosler forscht und lehrt zu Politik und Gesellschaft Koreas an der Universität Duisburg-Essen.

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