Die iranische Regierung versucht, ihre eigene Unfähigkeit zu vertuschen.
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Die iranische Regierung versucht, ihre eigene Unfähigkeit zu vertuschen, und zeigt auf den Westen.

Das Mullah-Regime und die Pandemie

Iran lässt die Menschen mit Corona allein

  • vonSahar Sanaie
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Das Mullah-Regime lässt die Iraner mit dem Virus allein. Sie werden sich wehren, aber internationale Hilfe ist dringend nötig. Der Gastbeitrag.

Während Covid-19 die ganze Welt fest im Griff hatte, erklärten die iranischen Machthaber in Teheran schon im April überraschenderweise die Pandemie für beendet. Man habe die Situation im Land unter Kontrolle, so dass das iranische Volk wieder seinem Alltag nachgehen könne.

Das Misstrauen gegenüber der Regierung ist groß, und das kann man den Iranern nicht verübeln: Angeblich eingeschleppt von chinesischen Studenten, begann die Pandemie vor Monaten in Ghom, dem Epizentrum des islamischen Fundamentalismus, und verbreitete sich rasant im ganzen Land.

Aus Angst vor weiteren Protesten hüllte sich die Regierung in Schweigen. Die Proteste vom vergangenen November stecken der islamischen Diktatur noch in den Knochen. So entschied man sich dafür, den Jahrestag der Islamischen Revolution im Februar mit einer Großveranstaltung zu feiern und seine Macht zu demonstrieren, um den bitteren, nachwirkenden Geschmack eines möglichen Umsturzes herunterzuspülen.

Nachdem die ersten Corona-Todeszahlen öffentlich wurden, verordnete sich ein Großteil des Volkes selbst eine Ausgangsbeschränkung. Die Schreine und die heiligen Stätten der Imame wurden aber nicht geschlossen, und so pilgerten Tausende Iraner weiter an diese Orte.

Mehrere Tausend junge Menschen, Ärzte und medizinisches Personal sind infiziert. Die Dunkelziffer ist hoch, da die Regierung das wahre Ausmaß verschleiern möchte. Es mangelt an Aufklärung, Schutzmaßnahmen sowie Schutzausrüstung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sorgte für eine Finanzspritze und „Ärzte ohne Grenzen“ schickte Unterstützung nach Teheran.

Alles vergeblich: Das Geld kam nie bei der Bevölkerung an, und „Ärzte ohne Grenzen“ wurde des Landes verwiesen. Die Unterstützung stehe im Widerspruch zu den Ideologien der Regierung. Die Machthaber versuchten, mit Aberglauben der Corona-Krise entgegenzuwirken: Man solle beten und Gott um Heilung bitten, empfahlen sie. Als der erwünschte Erfolg ausblieb, stieg der Druck auf die Regierung. Eine zweiwöchige Ausgangssperre wurde erlassen und dann feierlich wieder aufgehoben: Man habe das Schlimmste überstanden.

Laut Quellen des oppositionellen Nationalen Widerstandsrates Iran sind in insgesamt 342 Städten landesweit mindestens 66.000 Todesfälle infolge der Pandemie registriert worden. Für Freitag kommender Woche, den 17. Juli, ist eine bundesweite Kundgebung in Berlin zeitgleich mit einer globalen Live-Videokonferenz, organisiert von Exil-Iranern, geplant, um auf die Folgen der Corona-Krise und der Korruption sowie die unmenschlichen Restriktionen des Regimes aufmerksam zu machen.

Inzwischen haben sich zunehmend Bürgerinitiativen gebildet, Zellen des Widerstands und der Selbsthilfe. Angesichts der Corona-Krise und der damit verbundenen tödlichen Falle der Pandemie und einer Regierung, die sich nicht für ihre Bürger interessiert, retten sich die Menschen durch Selbstschutz und Hilfe zur Selbstrettung.

Ärzte, Pflegekräfte, Nachbarn und Familienmitglieder bilden das Netzwerk der gesellschaftlichen Rettung und werden zum Wurzelwerk einer neuen, selbstbestimmten, freien und demokratischen Gesellschaft. Erneut sind die Menschen auf sich gestellt, erneut keimt der Wunsch nach Freiheit auf und erneut zeigt sich die Kluft zwischen dem Volk und den Mullahs an der Macht.

Internationale Risikoanalysten schätzen, dass es bis zu den nächsten Aufständen nur eine Frage der Zeit ist. Selbst führende Politiker im Staat warnen vor bevorstehenden Erhebungen wütender Bürger. Die steigende Zahl von Hinrichtungen und Todesurteilen – zwölf binnen einer Woche – soll als Abschreckung dienen.

Amirhossein Moradi, Mohammad Rajabi und Saeed Tamjidi wurden im Zusammenhang mit den Protesten im November 2019 zum Tode verurteilt. Laut Amnesty International entsprach ihr Prozess bei Weitem nicht den internationalen Standards für faire Gerichtsverfahren. Ihre Verurteilung soll ein Exempel statuieren.

Währenddessen versucht die iranische Regierung, ihre eigene Unfähigkeit zu vertuschen und nutzt die wirtschaftlichen Sanktionen sowie den Westen insgesamt als Sündenbock. Die jüngste Taktik ist es, die Corona-Krise als Sprungbrett zur Aufhebung der Sanktionen zu nutzen, um den eigenen Machterhalt zu sichern. Aber die Iranerinnen und Iraner wissen, dass nicht die Sanktionen verantwortlich für die nahende humanitäre Katastrophe sind, sondern der Unwillen der eigenen Regierung.

Internationaler Druck zur Umsetzung von schnellen und direkten Hilfen gegen die Folgen der Pandemie sowie zum freien und bedingungslosen Aufenthalt der WHO und der humanitären NGOs sind jetzt die Maßnahmen, welche dem iranischen Volk helfen können.

Sahar Sanaie ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sowie Diplom-Pädagogin. Sie gehört der Organisation „Association Internationale pour l’Egalite des Femmes“ an.

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