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Internationaler Frauentag: Die Wurzeln des Patriarchats reichen tief

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Von: António Guterres

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An Frauen wie Leymah Gbowee sollten wir uns ein Beispiel nehmen, sagt der UN-Generalsekretär: In ihrem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land Liberia trommelte sie als 17-Jährige Frauen zusammen, um für den Frieden auf die Straße zu gehen. Das Bild zeigt die Bürgerrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin bei der Generaldebatte der UN-Vollversammlung 2018 in New York.
An Frauen wie Leymah Gbowee sollten wir uns ein Beispiel nehmen, sagt der UN-Generalsekretär: In ihrem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land Liberia trommelte sie als 17-Jährige Frauen zusammen, um für den Frieden auf die Straße zu gehen. Das Bild zeigt die Bürgerrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin bei der Generaldebatte der UN-Vollversammlung 2018 in New York. © Richard Drew/dpa

Während die Welt am Dienstag den Internationalen Tag der Frau begeht, läuft die Uhr für die Frauenrechte rückwärts. Das muss sich ändern. Der Gastbeitrag von UN-Generalsekretär António Guterres.

Die Krisen der letzten Jahre haben gezeigt, dass es wichtiger ist denn je, dass Frauen Führungsverantwortung übernehmen. Als Ärztinnen, Krankenpflegerinnen, Gesundheits- und Sozialhelferinnen haben Frauen im Angesicht der Covid-19-Pandemie Heldenhaftes geleistet.

Zugleich sind Frauen und Mädchen aber die ersten, die in Beruf und Bildung das Nachsehen haben, mehr unbezahlte Pflege- und Betreuungsarbeit leisten und unter einer sprunghaften Zunahme von häuslicher Gewalt, Missbrauch im Cyberraum und Kinderheiraten leiden. Die Wurzeln des Patriarchats reichen tief. Wir leben immer noch in einer männlich dominierten Welt mit einer männlich dominierten Kultur.

Die Folge ist, dass Frauen eher in Armut geraten — in guten wie in schlechten Zeiten. Ihre Gesundheitsversorgung wird geopfert und sie verfügen über geringere Bildungs- und sonstige Chancen. In Ländern, die unter Konflikten leiden — das zeigt sich in Äthiopien ebenso wie in Afghanistan und der Ukraine — sind Frauen und Mädchen ganz besonders gefährdet und sind doch zugleich die überzeugendsten Stimmen für den Frieden.

Wenn wir den Blick in die Zukunft werfen, dann ist eine dauerhafte Erholung, von der alle zu gleichen Teilen profitieren, nur möglich, wenn sie feministisch ist und Fortschritte für Mädchen und Frauen das zentrale Ziel sind.

Internationaler Frauentag: mehr Arbeitsplätze und mehr Ausbildung

Wir brauchen wirtschaftlichen Fortschritt und müssen dafür gezielt in Bildung, Beschäftigung und Ausbildung von Frauen sowie in menschenwürdige Arbeit für sie investieren. Die 400 Millionen Arbeitsplätze, die wir bis 2030 schaffen sollen, sollten in erster Linie Frauen zugutekommen.

Zur Person

António Guterres ist Generalsekretär der Vereinten Nationen. In dieser Funktion engagiert er sich für den Klimaschutz.

Wir brauchen sozialen Fortschritt und müssen dafür in Systeme der sozialen Sicherung sowie den Pflege- und Betreuungssektor investieren. Solche Investitionen zahlen sich aus, denn sie schaffen grüne, zukunftsfähige Arbeitsplätze und unterstützen zugleich Mitglieder unserer Gesellschaft, die der Hilfe bedürfen.

Internationaler Frauentag: Steuerreformen für mehr Gerechtigkeit

Wir brauchen finanziellen Fortschritt, um ein moralisch bankrottes globales Finanzsystem zu reformieren und alle Länder in die Lage zu versetzen, in eine wirtschaftliche Erholung zu investieren, bei der Frauen im Mittelpunkt stehen. Dazu gehören Schuldenerleichterungen und gerechtere Steuersysteme, die einen Teil des enormen Reichtums denjenigen zufließen lassen, die ihn am meisten brauchen.

Wir brauchen dringend transformative Klimamaßnahmen, um den unverantwortlichen Anstieg der Emissionen und die Ungleichheiten, durch die Frauen und Mädchen in prekäre Lebensbedingungen geraten sind, umzukehren. Die entwickelten Länder müssen dringend die von ihnen zugesagten finanziellen Mittel und technischen Unterstützungsleistungen bereitstellen, die eine gerechte Wende weg von fossilen Brennstoffen ermöglichen. Die erfolgreichen Wirtschaftssysteme der Zukunft werden grün, geschlechtergerecht und nachhaltig sein.

Internationaler Frauentag: Ungleichheit der Geschlechter ist eine Machtfrage

Wir brauchen mehr Frauen, die in Staat und Wirtschaft Führungsverantwortung tragen, sei es als Finanzministerinnen oder als Vorstandsvorsitzende, und die eine grüne, sozial fortschrittliche Politik entwickeln und umsetzen. So ist beispielsweise bekannt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen einem höheren Frauenanteil in den Parlamenten und stärkeren Klimaverpflichtungen sowie höheren Investitionen in Gesundheit und Bildung. Wir brauchen gezielte Maßnahmen wie ambitionierte Frauenquoten, die eine gleichberechtigte Vertretung von Frauen auf allen politischen Entscheidungsebenen.

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist im Wesentlichen eine Machtfrage. Wenn das Jahrhunderte währende Patriarchat überwunden werden soll, muss die Macht in allen Institutionen und auf allen Ebenen gerecht verteilt sein. Bei den Vereinten Nationen haben wir — erstmals in der Geschichte der Organisation — eine paritätische Besetzung der Führungspositionen am Amtssitz und weltweit erreicht.

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist im Wesentlichen eine Machtfrage.

António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen

Internationaler Frauentag: Die Uhr für Frauenrechte muss wieder vorwärts laufen

Wir können uns ein Beispiel an Frauen und Mädchen nehmen, die in allen Bereichen und in jedem Winkel der Erde auf Fortschritte drängen. Gesellschaften, in denen es eine lebendige Frauenrechtsbewegung gibt, haben eine stärkere Demokratie. Investiert die Welt in vermehrte Chancen für Frauen und Mädchen, gewinnt die gesamte Menschheit.

Wir müssen dafür sorgen, dass die Uhr für Frauenrechte wieder vorwärtsläuft — das ist eine Frage der Gerechtigkeit, der Gleichheit, der Moral und ganz einfach des gesunden Menschenverstands. Wir brauchen eine nachhaltige feministische Erholung, in der Frauen und Mädchen im Mittelpunkt stehen und die von ihnen getragen wird. (António Guterres)

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