Jährlich wird nur rund ein Prozent des Gesamtbestands saniert. Bei diesem Tempo werden noch unsere Urenkel mit unsanierten Gebäuden leben.
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Jährlich wird nur rund ein Prozent des Gesamtbestands saniert. Bei diesem Tempo werden noch unsere Urenkel mit unsanierten Gebäuden leben.

Gebäude-Sanierung

In gutem Klima leben

Wärmedämmung in Wohngebäuden ist ein zentraler Teil der Umweltpolitik. Aber Deutschland hinkt hinterher. Ein Gastbeitrag von Martin Pehnt, Institut für Energie- und Umweltforschung.

Eigentlich soll der Klimaschutz jetzt auch in deutschen Wohnungen und Häusern einziehen. Um mehr als 40 Prozent müssen die CO2-Emissionen im Gebäudebereich bis 2030 sinken. 2050 sollten die Gebäude klimaneutral sein, so die Bundesregierung.

Doch zwischen Plänen und Realität klafft ein Marianengraben. In den Heizungskellern stehen oft überalterte Gas- und Ölkessel. Und wenn neue angeschafft werden, entscheiden sich die Hausbesitzer in vier von fünf Fällen immer noch für eine fossile Heizung und gegen Wärmepumpen oder Holzkessel – trotz ausgezeichneter staatlicher Förderung.

Kein Wunder: In der Corona-Krise ist der Ölpreis auf einem Rekordtief und die Gaspreise sind so günstig wie vor zehn Jahren. Selbst der von 2021 an kommende CO2-Preis ändert nichts daran, dass Öl und Gas zu billig sind. Die Heizkosten für eine durchschnittliche Wohnung werden durch die deutsche CO2-Abgabe um 30 bis 100 Euro steigen – je nach Alter der Heizung. Für Klimaschutzinvestitionen reicht das nicht. Die Folge: Anders als im Strommarkt, wo Wind, Sonne und Co. inzwischen mehr als die Hälfte der Elektrizität erzeugen, dümpelt die grüne Energie im Wärmemarkt bei einem Anteil von 14 Prozent.

Nicht nur bei den Heizungen sieht es mau aus, auch bei der Wärmedämmung. Jährlich wird nur rund ein Prozent des Gesamtbestands saniert. Bei diesem Tempo werden noch unsere Urenkel mit unsanierten Gebäuden leben. Und dort, wo die Heiz- und Dämmtechnik besser wird, frisst die pro Kopf steigende Wohnfläche die Erfolge wieder auf.

Ob Klimaziele, CO2-Grenzwerte für Autos oder grüne Finanzprodukte: In immer mehr Bereichen kommen die entscheidenden Impulse inzwischen aus Brüssel. Am 14. Oktober wird die EU-Kommission mit der „Renovation Wave“ (Renovierungswelle) ein Strategiepapier vorstellen, das neue Förderinstrumente, aber auch neue ordnungsrechtliche Anforderungen aufzeigt. Es ist zunächst unverbindlich, soll künftig aber auch in Gesetze gegossen werden.

Unsere europäischen Nachbarländer greifen schon jetzt stärker durch. Dänemark, ein Altmeister der Wärmepolitik, hat schon lange einen hohen CO2-Preis und führte bereits vor 40 Jahren eine systematische Wärmeplanung in den Kommunen ein. Die Niederlande verbieten ab sofort den Einbau von Gaskesseln in Neubauten. In Frankreich dürfen ineffiziente Gebäude künftig nicht mehr vermietet werden. Spanien macht bei Häusern die Eigenversorgung mit Sonnenstrom leicht.

Nicht alles ist übertragbar. Trotzdem ist die europäische „Renovation Wave“ für Deutschland die Chance des Jahres, aus dem Renovierungsstillstand auszubrechen, neue Ideen aufzugreifen und die Lücke zwischen Klimawunsch und Gebäudewirklichkeit zu schließen.

Das EU-Papier wird dazu auch neue staatliche Regeln vorschlagen. Denn weder Sicherheitsgurte noch Autokatalysatoren oder die Rauchgasentschwefelung der Kraftwerke hätten sich ohne solche Vorgaben durchgesetzt. Und gerade in dieser Hinsicht enttäuscht das aktuelle deutsche Gebäudeenergiegesetz viele Expertinnen und Experten: Die dort geforderten Standards für den Energieverbrauch im Neubau bleiben weit hinter dem technisch und wirtschaftlich Machbaren zurück.

Auch für existierende Gebäude enthält das Gesetz keine neuen Impulse. Dabei sind sie für den Löwenanteil unseres Heizenergieverbrauchs verantwortlich. Im Gebäudebestand wird es deshalb unverzichtbar sein, langfristig planbare Mindestanforderungen zu formulieren. So, wie ein Auto regelmäßig zum TÜV muss, müssen auch Gebäude energetisch überprüft und instand gesetzt werden.

Die dafür erforderlichen Klimaschutzinvestitionen müssen stärker gefördert werden. Für eine soziale Wärmewende muss der Grundsatz, dass der Staat nicht finanziell fördern darf, was er an anderer Stelle gesetzlich vorschreibt, über Bord geworfen werden.

Außerdem sollte der CO2-Preis auch nach 2025 durch einen Mindestpreis weiter steigen, solange wir die Klimaschutzziele nicht erfüllen. Die Gebäudewirtschaft muss frühzeitig wissen, dass Klimagasemissionen jährlich teurer werden.

Der CO2-Preis muss zudem gerecht zwischen Mieter und Vermieter aufgeteilt werden. Die Einnahmen aus der CO2-Abgabe sollten dabei ebenso wie ein Teil der Gelder aus dem europäischen „Green Recovery Fonds“ vor allem den ärmeren Mietern und Gebäudeeigentümern zugute kommen – auch, indem nachhaltig sanierte Sozialwohnungen, modernisierte Schulen oder klimaneutrale Quartiersversorgungen gefördert werden.

In diesem Dreiklang aus ökologischen Preisen, klaren Vorgaben und staatlicher Förderung kann die Wärmewende gelingen – ohne dass klimafreundliches Wohnen und Arbeiten zum Luxusgut wird.

Martin Pehnt ist Geschäftsführer des Instituts für Energie- und Umweltforschung (Ifeu) in Heidelberg.

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