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Homeoffice ist kein Allheilmittel

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Von: Ulrich Walwei

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Eine Frau surft im Internet.
Der Betrieb ist für die meisten Menschen auch ein Ort der Begegnung, des Austausches, der Zusammenarbeit und der Kollegialität. © Daniel Naupold/dpa

Für die Arbeit zu Hause gilt es, die Interessen der Beteiligten gut abzusprechen. Der Gastbeitrag.

Ein Betrieb ist nicht nur ein Ort, an dem Produkte hergestellt oder Dienstleistungen erbracht werden. Ein Betrieb ist zugleich ein sozialer Ort. Das Arbeiten im Betrieb ist ein wichtiger Teil im Leben der meisten Menschen. Der Betrieb ist für sie keineswegs nur Arbeitsort, sondern auch ein Ort der Begegnung, des Austausches, der Zusammenarbeit und der Kollegialität. Wenn dies gelingt, sind nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zufriedener – der Betrieb profitiert ebenfalls davon. Der offene und intensive Austausch von Informationen und Ideen unter den Beschäftigten sowie eine reibungslose Zusammenarbeit sind günstige Rahmenbedingungen für Innovationen und eine hohe Produktivität.

Die Corona-Pandemie hat die unmittelbare Begegnung mit den Kolleginnen und Kollegen lange Zeit stark beeinträchtigt. Das Zusammensein mit anderen brachte plötzlich schwer einschätzbare gesundheitlichen Risiken mit sich. Das führte zu zahlreichen Maßnahmen des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz. Oft war auch Homeoffice die Antwort.

Nicht nur für viele Beschäftigte, sondern auch für Betriebe war das eine neue Erfahrung. In den meisten Fällen hat es besser funktioniert als vorher angenommen. Das Niveau des Arbeitens im Homeoffice wird daher nach der Pandemie nicht mehr auf das Vorkrisenniveau zurückfallen. Sehr häufig wird es zum hybriden Arbeiten kommen: An zwei oder drei Tagen wird im Büro gearbeitet, in der restlichen Zeit zu Hause. Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass für die Mehrheit der Beschäftigten Homeoffice nie eine Option war: Wer beispielsweise in der Krankenpflege arbeitet, Autos herstellt oder Pakete ausliefert, kann schon allein aufgrund der Tätigkeit kaum ins Homeoffice wechseln.

Dort aber, wo Homeoffice möglich ist, brachte es nicht nur hinsichtlich der Vermeidung von Infektionsgefahren viele Vorteile: Beschäftigte schätzen das Wegfallen von Pendelzeiten und zudem die Möglichkeit, zwischendurch die Waschmaschine laufen zu lassen oder die Einkäufe im Supermarkt um die Ecke nicht erst nach Feierabend zu erledigen. Für Betriebe erweitert sich das Spektrum an Bewerberinnen und Bewerbern: Wenn der Großteil der Arbeiten im Homeoffice erledigt werden kann, können Beschäftigte auch 500 Kilometer entfernt wohnen und ein- oder zweimal im Monat in den Betrieb kommen. Aus ökologischer Perspektive ist es ebenfalls erfreulich, wenn Fahrten ins Büro nicht mehr täglich anfallen, da der Großteil dieser Strecken mit dem Auto zurückgelegt wird. Die 500 Kilometer fahren viele dagegen gerne mit der Bahn.

All das ist wunderbar – und dennoch ist Homeoffice kein Allheilmittel. Zumindest permanentes Homeoffice ist für die Zusammenarbeit eher nicht förderlich. Das kann in gut abgesprochenen Einzelfällen zwar durchaus funktionieren. Die als Beispiel genannte Rekrutierung von 500 Kilometer entfernt wohnenden Beschäftigten ist nicht per se problematisch – aber sie erfordert besonders viel Aufmerksamkeit für die Kommunikations- und Teamprozesse.

Wenn dieses Mehr an Aufmerksamkeit und Aufwand jedoch nicht gegeben ist, drohen das Zusammengehörigkeitsgefühl, der Informationsfluss, die Produktivität und die Innovativität zu leiden. Das zufällige Gespräch an der Kaffeemaschine oder der gemeinsame Gang in die Kantine sind nicht nur wichtiger sozialer Kitt, sondern manchmal ergiebiger als das terminierte Meeting. Präsenz hat eben einen ganz eigenen Wert – Menschen wollen sich begegnen, gerade auch bei der Arbeit.

Hinzu kommen Fragen des Gesundheitsschutzes am heimischen Arbeitsplatz. Manche Arbeit wird am Küchentisch erledigt. Der ist selten höhenverstellbar, und meistens sitzt man dort auch nicht auf einem ergonomischen Bürostuhl. In der Pandemie haben zudem viele Eltern ihre Arbeitszeiten in den Abend hinein verlagert. Bewegungsmangel und Zoom-Fatigue können weitere Folgen des Arbeitens zu Hause sein. Noch ist unklar, wie sich dies alles auf die Gesundheit von Beschäftigten auswirkt. Zeitdruck, Entgrenzung und beschränkter Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen werden jedenfalls von vielen mobil arbeitenden Beschäftigten berichtet und negativ bewertet.

All das ist kein Plädoyer gegen Homeoffice. Es ist ein Plädoyer für den bewussten, gut abgesprochenen und den Interessen aller Beteiligten gerecht werdenden Einsatz von Homeoffice. Wenn all diese Bedingungen gegeben sind, wenn der Arbeitsplatz zu Hause wie der im Betrieb als attraktiv, dem Wohlbefinden und der Gesundheit förderlich erlebt wird, dann ist hybrides Arbeiten mit einem gut ausbalancierten Homeoffice-Anteil eine wunderbare Sache. Wo dies nicht gegeben ist, ist Homeoffice eine hochwirksame Infektionsschutzmaßnahme, die allerdings auch Nachteile mit sich bringt, für die Beschäftigten wie die Betriebe.

Ulrich Walwei ist Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

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