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Wälder und ihr Holz zwischen romantisch-völkischer Verklärung und wissenschaftlicher (Klimaschutz-)Auflärung.
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Wälder und ihr Holz zwischen romantisch-völkischer Verklärung und wissenschaftlicher (Klimaschutz-)Auflärung.

Heimatschutzbewegung

Extreme völkische Rechte: „Ewiger Wald und ewiges Volk“

Über Risiken und Nebenwirkungen allzu national aufgeladener Baum-, Wald-, Holz und Heimatleidenschaften. Ein Gastbeitrag von Stephan Trüby.

Der Umgang mit Umwelt, Wäldern und Bäumen ist seit dem 18. Jahrhundert nicht nur von zweifellos gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnen, sondern eben auch von antiaufklärerischen Mythisierungstendenzen geprägt worden. Hierfür steht vor allem die reaktionäre Heimatschutzbewegung des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die teils nahtlos in die Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus überging.

Dieses Erbe, ist nach wie vor gesellschaftlich abrufbar und stellt auch heute, in Zeiten einer sich zuspitzenden Klimakrise, eine gewisse Gefahr dar: Je engräumiger die Welt durch die Covid19-Pandemie wird, je weniger kosmopolitisch wir durch die notwendigen globalen Klimaschutzmaßnahmen zu werden haben, desto größer wird die Gefahr, dass es in vielen Ländern zu signifikanten nationalistischen Gegenreaktionen mit entsprechenden Heimatschutzverklärungen kommt.

Waldsterben“, 1980ff: Deutsche Heimatschutzbewegungen, neue Folge

Auch und gerade die frühe Geschichte der Partei Die Grünen zeigt, dass zwischen Heimat- und Umweltschutz zuweilen ein schmaler Grat liegen kann. Gegründet in Karlsruhe im Jahre 1980 – also in dem Jahr, in dem das Thema „Waldsterben“ erstmals von einer breiten Öffentlichkeit als ultimative Bedrohung wahrgenommen wurde – waren die ersten Monate und Jahre der Grünen von scharfen Auseinandersetzungen zwischen dem linken und rechten Flügel der Partei gekennzeichnet. Zu Letzterem zählte etwa Baldur Springmann (1912–2003), ein Ökobauer, Publizist sowie ehemaliges Mitglied der SA, SS und NSDAP, der später Mitglied der ersten Stunde bei den Grünen wurde – die er allerdings noch im Gründungsjahr aufgrund massiver Gegenproteste verließ.

Kurz darauf – im Jahre 1982 – veröffentlichte er seinen Bestseller Partner Erde. Einsichten eines Öko-Bauern im rechtsextremen Arndt Verlag. Dem rechten Parteiflügel der frühen Grünen war auch Herbert Gruhl (1921–1993) hinzuzurechnen, der 1978 seine urspüngliche politische Heimat, die CDU, lautstark verließ – befremdet von der dort propagierten Wachstumspolitik. Im selben Jahr gründete er die Grüne Aktion Zukunft (GAZ), die 1980 in den Grünen aufging. Gruhls rechte Taktung war bereits in seinem 1975 erschienen Bestseller Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik deutlich geworden, in dem er die Einwanderungspolitik der „europäischen Völker“ eine „sagenhafte Dummheit“ nennt.

Gruhl verließ die Grünen 1982 und gründete im selben Jahr die noch heute als Kleinpartei existierende Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) – unter Beteiligung von Springmann. Mit Blick auf Gruhl, Springmann und andere schreibt Jutta Ditfurth in ihrem Buch Entspannt in die Barbarei (1996), dass derlei „Ökofaschisten“ nur deshalb aus den Grünen hinaus gedrängt werden konnten, weil sich der linke Parteiflügel, der später seinerseits von den so genannten „Realos“ marginalisiert werden sollte, erfolgreich zu wehren verstand: „Auf diese Weise konnte die drohende Besetzung der Ökologie von rechts und ihre gesellschaftliche Wirkung als modernisierte Blut-und-Boden-Variante in und mit einer erfolgreichen grünen Partei vorläufig verhindert werden.“

Extreme völkische Rechte: „Ewiger Wald und ewiges Volk“

In jüngerer Zeit finden sich im deutschsprachigen Raum diverse Versuche, an die verschiedenen Heimatschutzbewegungen des 19. Und frühen 20. Jahrhunderts sowie an die Zeit aus der Frühphase der Grünen anzuknüpfen. So ist in diesem Zusammenhang die zwischen 2007 bis 2019 erschienene Zeitschrift Umwelt & Aktiv zu erwähnen, die vom NPD-nahen Traunsteiner Verein Midgard e.V. herausgegeben wurde und neonazistischen Autor:innen aus dem Umfeld der Partei Der III. Weg eine Plattform bot. Der Untertitel der Zeitschrift lautete zunächst „Zeitschrift für gesamtheitliches Denken: Umweltschutz – Tierschutz – Heimatschutz“ ”; später wurde aus „Umweltschutz“ dann „Naturschutz“.

Das völkische Magazin versteht sich als Kampfansage gegen die Grünen, denen ökologischer „Verrat“ vorgeworfen wird. In der Ausgabe 3/2017, die mit dem Aufmacher „Das große Sterben in Feld und Flur“ aufwartet, findet sich in direkter Anknüpfung an nationalsozialistische Heimatschutzbestrebungen eine Würdigung des „von den Siegermächten zum Tod verurteilte[n] Hermann Göring“, der sich als „Minister für Forst und Jagd“ durch eine „starke innere Naturverbundenheit“ sowie als „Treuhänder des deutschen Waldes und Schützer herrlicher Naturdenkmäler“ ausgezeichnet habe. In dem Heft finden sich auch Aufsätze mit Titeln wie „Ewiger Wald und ewiges Volk“ oder „Wie die Migration unser Land auffrisst“. Seit 2020 gibt es einen Nachfolger von Umwelt & Aktiv: Die Kehre – Zeitschrift für Naturschutz. Herausgegeben von dem Identitären Jonas Schick lässt sich das Blatt und der begleitende Blog dem extrem rechten Umfeld des Instituts für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda und dem Verein „Ein Prozent“ verorten.

Naturbauten für Familienlandsitze: Der Fall Konstantin Kirsch

Auch auf dem Feld der experimentellen Architektur gibt es Versuche, den Hausbau an das rechtsökologische Projekt einer romantischen Baum- und Waldverbundenheit von Menschengruppen zu binden. Hier ist vor allem der bekannte Architekt Konstantin Kirsch zu erwähnen, der sich mit diversen Naturbauten und nicht zuletzt auch seinem Buch Naturbauten aus lebenden Gehölzen (2003) einen Namen gemacht hat. In diesem Buch war die spätere Entwicklung Kirschs noch kaum auszumachen und vielleicht nur für die Allerhellhörigsten zumindest möglich – wenn er etwa in anti-emanzipatorischer Manier den zeitgenössischen Menschen als ein in ewigen natürlichen Ordnungen verfangenes Subjekt beschreibt: Insgesamt entwickelt sich ein Lebensstil, in dem die Menschen ein integrierter Bestandteil des ‚Ökosystems Naturbau’ sind.“

Waren die esoterischen Zwischentöne in Kirschs Publikation von 2006 noch im Rahmen des in diesem Milieu Erwartbaren, so tritt in seinen jüngeren Äußerungen, die er vor allem auf seinem Blog tätigt, ein deutlicher Drall ins radikal rechte Spektrum zutage. Zwischen Einträgen zu Themen wie „Esskastanien-Sortengarten“, „Windschutz für Aprikosen“ oder „Papaya-Ernte in Nordhessen“ finden sich Klagen über „gleichgeschaltete Medien“ („da kann man sich nur an finsterste Zeiten des Nationalsozialismus erinnern“); Vorschläge für einen Wahlrechtentzug für Kinderlose (die hätten kein „natürliches Motiv für eine positive Zukunftsgestaltung“); Hoffnungen, dass Donald Trump nach dem „Wahlbetrug“ Joe Bidens kämpfen wird („wenn tatsächlich ein abgrundtiefer Sumpf an Betrug und Lüge vorhanden sein sollte [...] ist wahrscheinlich auch nur eine militärische Lösung angemessen“); Proteste gegen die weltweiten Corona-Maßnahmen („Ich kann jeden zutiefst verstehen, der die aktuellen politischen Entwicklungen wahrnimmt als Weg in eine faschistische Diktatur“); Parteinahmen für Klimaleugner („Ich bin [...] sehr angetan von [Trumps, S. T.] Mut, beispielsweise aus dem Pariser Weltklimaabkommen auszusteigen“); und sogar Solidaritätsbekundungen für QAnon-Verschwörungsanhänger („Im Gegensatz zu abwertenden Beschreibungen von Q in Medien und Wikipedia fand ich folgende politische Positionierungen von Q und dessen Anhängern, die ich durchaus teilen kann: [...] Gegen das Trinken von Kinderblut. [...] Gegen Kannibalismus. [...] Gegen Chippen der Menschheit“).

Heimatschutzbewegung: patriarchial und antisemitisch

In Reaktion auf diverse Kritiker, ihn „in die rechte Ecke stellen“ zu wollen, schreibt Kirsch am 15. Januar 2021: „Ein Rechtsruck ist nämlich nicht erkennbar für jene, die wie ich seit langem auf der gleichen politischen Position stehen. Man kann dann nur einen extremen Linksruck sehen (bis hin zu CDU) und als Echo darauf eine Linksflucht.“

Zur Person

Der Autor, Prof. Dr. phil. Stephan Trüby (* 1970) ist Professor für Architekturtheorie und Direktor des Instituts für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGmA) der Universität Stuttgart. Zuvor war er Professor für Temporäre Architektur an der HfG Karlsruhe (2007-09), leitete das Postgraduiertenprogramm MAS Scenography/Spatial Design an der Zürcher Hochschule der Künste (2009-2014), lehrte Architekturtheorie an der Harvard University (2012-2014) und war Professor für Architektur und Kulturtheorie an der TU München (2014-2018). Zu seinen wichtigsten Büchern gehören Exit-Architektur. Design zwischen Krieg und Frieden (2008), The World of Madelon Vriesendorp (2008, mit Shumon Basar), Germania, Venezia. Die deutschen Beitrage zur Architekturbiennale Venedig seit 1991 – Eine Oral History (2016, mit Verena Hartbaum), Absolute Architekturbeginner: Schriften 2004-2014 (2017), Die Geschichte des Korridors (2018) und Rechte Räume. Politische Essays und Gespräche (2020).

Seit 2006 versucht Kirsch vom so genannten „WaldGärtnerHaus“ im hessischen Nentershausen-Bauhaus unweit von Bad Hersfeld aus das dazugehörige „Waldgartendorf“ zu einem Zentrum für die rechtsesoterische Anastasia-Familienlandsitzbewegung auszubauen. Hervorgegangen aus der Romanserie Anastasia – Die klingenden Zedern Russlands des russischen Autors und Geschäftsmannes Wladimir Megre (geb. 1950), die in zehn Bänden zwischen 1996 und 2010 auf Russisch und zwischen 1999 und 2011 auf Deutsch erschienen war, entstanden zunächst in Russland, Weißrussland und der Ukraine, später dann auch in Australien, Litauen, Tschechien, Ungarn, den USA und Deutschland zahllose ländliche Wohnkommunen, in der nach den Idealen der angeblich real existierenden Anastasia gelebt werden soll: „in Harmonie mit der Natur“ und ihrer vermeintlich natürlichen Geschlechterordnung, auf einem „Familienlandsitz“ von etwa einem Hektar Fläche, gemäß einer patriarchalen, heteronormativen und auch antisemitischen Ideologie, bei der Jüdinnen und Juden selbst die Schuld an ihrer Verfolgungsgeschichte zugewiesen wird.

Das offizielle Register der Anastasia-Siedlungen listet derzeit mehr als 213 Siedlungen mit Internetadresse und ebenfalls mehr als 230 Siedlungen alleine in Russland auf. In Deutschland existieren derzeit 17 Siedlungen, in denen zwar nur etwa 50 Anhänger leben, aber auf Anastasia-Treffen kommen gerne auch mal 800 Menschen zusammen. Dass Kirsch eine zentrale Figur der Anastasia-Bewegung in Deutschland und darüber hinaus ist, kann als gesichert gelten: 2013 richtete er ein solches Treffen auf seinem Anwesen aus, für das er auch gezielt ein Reichsbürger-Publikum ansprach; 2014 publizierte er gemeinsam mit Lutz Rosemann den Anastasia-Index, das Standard-Nachschlagewerk der deutschsprachigen Anastasia-Szene; und 2018 wurde er auf der Frankfurter Buchmesse auf dem Anastasia-Stand vor 200 Anhänger*innen von Nina Megre interviewt, der Enkelin Megres.

Wälder und ihr Holz zwischen romantisch-völkischer Verklärung und wissenschaftlicher (Klimaschutz-)Auflärung

Wälder und ihr Holz dürften sowohl im Zentrum der romantischen Gegenaufklärung wie der wissenschaftlich fundierten Aufklärung über die drohende globale Klimakatastrophe stehen. Diese stellt insbesondere die Architektur vor einschneidende Veränderungen. Denn von der Transformation des Bausektors hängt es entscheidend ab, ob die beim Pariser Klimaschutzabkommen 2015 festgelgten globalen Klimaziele erreicht werden können. Höchstwahrscheinlich wird es im Zuge der zu erwartenden Durchsetzung einer Low Carbon Economy, einer emissionsarmen Wirtschaft im Bereich des Bauwesens, nicht zuletzt dem „Wunderstoff Beton“ an den Kragen gehen.

Die Zementindustrie ist für rund acht Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich, und „beim Herstellen von einer Tonne Zement [steigen] rund 700 Kilogramm des Treibhausgases Kohlendioxid in die Luft“. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass jedes Holzprodukt den Kohlenstoff speichert, den der ursprüngliche Baum, aus dem das Produkt gefertigt wurde, der Atmosphäre entzogen hat, wird immer wieder der Vorschlag gemacht, „Beton im großen Stil durch Holz zu ersetzen” und Städte so zu einem riesigen CO₂-Speicher zu machen. Diesem Unterfangen ist natürlich ein gutes Gelingen zu wünschen. Umso wichtiger ist aber auch die Vergegenwärtigung aus der Geschichte bekannter Risiken und Nebenwirkungen allzu national aufgeladener Baum-, Wald- und Holzleidenschaften. (Stephan Trüby)

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