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Leid, von dem die Welt oft nur wenig Notiz nimmt: eine überschwemmte Siedlung in Bangladesch.
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Leid, von dem die Welt oft nur wenig Notiz nimmt: eine überschwemmte Siedlung in Bangladesch.

Gastbeitrag

Vergessene Welten und blinde Flecken

Medien vernachlässigen die Länder des globalen Südens in ihrer Berichterstattung. Ein Gastbeitrag.

Wie realistisch bilden die Medien die Welt ab? Das ist eine der Kernfragen der Medienwissenschaften. Nicht selten weisen Medien einen blinden Fleck auf, wenn es sich um den Globalen Süden handelt, früher auch „Dritte Welt“ oder „Entwicklungs- und Schwellenländer“ genannt.

Die Langzeitstudie „Vergessene Welten und blinde Flecken“ hat unter anderem mehr als 5100 Sendungen der „20 Uhr-Tagesschau“ aus den Jahren 1996 und 2007 bis 2019 sowie Berichte im „Deutschlandfunk“, in der „Süddeutschen Zeitung“, „Der Spiegel“, im „ARD-Brennpunkt“, bei „Anne Will“, „Hart aber Fair“, „Maischberger“, „Maybrit Illner“, in den „CBS Evening News“, „The Washington Post“, in der „Time“, „The Guardian“ und in „Le Monde“ untersucht.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Beiträge überproportional intensiv auf den „Westen“ und die Länder der MENA (Middle East North Africa)-Region konzentrieren, zu Lasten insbesondere der Staaten des Globalen Südens. Nimmt man die Bevölkerungszahlen der Länder als Grundlage, wird deutlich, dass der größte Teil des Globalen Südens stark unterrepräsentiert ist.

Die unausgewogene Berichterstattung kann dramatische Formen annehmen. Auf die Hungersnot in Ostafrika und der Tschadseeregion, von der am Ende des Jahres 2017 fast 37 Millionen Menschen betroffen waren und die UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien als größte drohende humanitäre Katastrophe seit Gründung der Vereinten Nationen bezeichnet hatte, entfielen in der Hauptausgabe der „Tagesschau“ von den rund 3160 Berichten (ohne Sport), die im Jahr ausgestrahlt wurden, lediglich elf Beiträge. Diese hatten insgesamt eine Dauer von etwa zwanzig Minuten – bei einer Gesamtsendezeit von 5475 Minuten. Mit der größten jemals in der Menschheitsgeschichte gemessenen Cholera-Epidemie, die sich im Jemen ausbreitete, beschäftigte sich die „Tagesschau“ im Jahr 2017 in lediglich 16 Sendeminuten.

Zum Autor

Ladislauf Ludescher ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe-Universität Frankfurt sowie Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Mannheim. Zu seinen Schwerpunkten gehören die deutsch-amerikanischen Literatur- und Kulturbeziehungen und insbesondere die in- und ausländische Medienanalyse.

Das „Wo“ entscheidet über die Intensität der Berichterstattung: Das unterschiedliche Interesse an geografischen Regionen zeigt sich am Beispiel größerer Flutkatastrophen besonders deutlich, die sich, teilweise im Zuge von schweren Wirbelstürmen, von Juli bis Oktober 2017 ereignet haben. Jedes Jahr bedrohen tropische Stürme die Karibikregion sowie den Süden der Vereinigten Staaten. Zu der sogenannten Atlantischen Hurrikansaison 2017 gehörten die tropischen Wirbelstürme „Harvey“, „Irma“ und „Maria“, die rund 310 Menschenleben forderten und Schäden in Milliardenhöhe hinterließen. Die „Tagesschau“-Hauptsendung widmete den drei Hurrikans an 19 Tagen insgesamt 37 Minuten und 40 Sek. Berichtzeit. Dabei konzentrierten sich die Beiträge geografisch stark auf die USA (Texas, Florida sowie Puerto Rico).

Etwa im selben Zeitraum starben von Juli bis September infolge schwerer Überschwemmungen in Südasien, respektive Bangladesch, Nepal, Indien und Pakistan, über 2100 Personen. Schätzungsweise 45 Millionen Menschen, darunter 16 Millionen Kinder, waren von den heftigen Monsunregen betroffen. Diese Katastrophe wurde in drei Sendungen mit zwei Minuten und dreißig Sekunden Berichtzeit erwähnt.

Ähnlich unverhältnismäßig fiel die Berichterstattung über Überschwemmungen und Erdrutsche in Sierra Leone Mitte August aus. In dem afrikanischen Staat war wie bei den drei erwähnten Hurrikans der Verlust von über 300 Menschenleben zu beklagen, die „Tagesschau“ berichtete hierüber in zwei Beiträgen mit einer Gesamtlänge von 55 Sekunden. Die Überschwemmungen im Südosten Nigerias von Ende August bis Anfang September, in deren Folge über hundert Menschen starben und 100 000 Personen flüchten mussten, fanden gar keine Erwähnung.

Die Gründe für eine unausgewogene Berichterstattung: Es drängt sich die Vermutung auf, dass sich die Berichterstattung nach der vermeintlichen kulturellen oder geografischen Nähe richtet. In einigen Medien dürften Nachrichten eine besondere Berücksichtigung finden, die „Sensationswert“ besitzen – „Terror oder Krieg ist interessanter als Hunger“.

Eine Erklärung, allerdings nicht die Ursache, für die überwiegende Konzentration der Berichte auf den „Westen“ liegt darin, dass das Korrespondentennetz hier weitaus dichter ausgeprägt ist als in den Staaten des Globalen Südens, womit eine höhere Nachrichtendichte der entsprechenden Regionen gewissermaßen „vorprogrammiert“ sein dürfte. Während der „Westen“ vergleichsweise engmaschig mit Berichterstattern abgedeckt ist, ist zum Beispiel das Fernsehstudio der ARD in Nairobi (Kenia) mit zwei Korrespondenten für 38 afrikanische Staaten, die zirka 870 Mio. Einwohner zählen, zuständig.

Sicherlich spielt auch der „mediale Diskurszirkel“ eine wichtige Rolle: Ein Medium berichtet über etwas, weil Konkurrenzmedien darüber berichten, und trägt damit zur Diskursstabilisierung des jeweiligen Themas bei, was dazu führt, dass weitere Medien auf den jeweiligen Nachrichtenzug aufspringen. Diesen Zirkel mit vergleichsweise unkonventionellen Themen abseits der üblichen Diskursregionen zu durchbrechen, ist schwer. Gerade dies ist aber für eine ausgewogene Berichterstattung notwendig.

Medien bilden öffentliche Diskurse nicht nur ab, sondern generieren diese mit. Nachrichten können die Öffentlichkeit auf gesellschaftliche und politische Ereignisse und Entwicklungen aufmerksam machen und so auf direktem oder indirektem Wege politische Entscheidungsprozesse beeinflussen. Umgekehrt kann das Ausbleiben einer Berichterstattung erhebliche Auswirkungen haben.

Ein nicht gesendeter oder veröffentlichter Beitrag hingegen kann die öffentliche Meinungsbildung verhindern, denn möglicherweise hätte erst ein Bericht das Bewusstsein für die Existenz eines Themas geschaffen. Relevant für die öffentliche Meinungsbildung ist daher nicht nur jeder ausgestrahlte Bericht, sondern auch das Fehlen von Nachrichtenbeiträgen.

Wenn Katastrophen, die sich im Globalen Süden täglich ereignen, für alltäglich genommen werden und daher ihren Status als „berichtenswerte“ Nachrichten verlieren, bedeutet dies ein hohes Gefahrenpotenzial für die Ausgewogenheit der medialen Berichterstattung, die im schlimmsten Fall zu einer medialen Blindheit gegenüber Menschen im Globalen Süden oder ihren Themen führen kann.

Weitere Informationen: Die Studie sowie eine Videozusammenfassung können kostenlos auf folgender Internetseite eingesehen oder heruntergeladen werden: www.ivr-heidelberg.de. Darüber hinaus gibt es eine auf der Studie beruhende Poster-Wanderausstellung, deren Ausstellungstafeln mit einer Übersicht der Ausstellungsorte und -zeiten ebenfalls auf der genannten Internetseite einsehbar sind.

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