1. Startseite
  2. Meinung
  3. Gastbeiträge

Rassistischer Anschlag in Hanau: Wer schweigt, segnet ab

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Anschlag von Hanau
Ein Fahrrad mit dem Konterfei der Opfer steht während der Fahrradsternfahrt „Stern für Hanau“ zur Erinnerung an den rechtsterroristischen Anschlag vor den Teilnehmenden. © Sebastian Gollnow / dpa

Der Vater des Attentäters von Hanau stalkt Überlebende und Angehörige. Das darf die Justiz nicht dulden. Es geht nicht um Symbolik, sondern um Menschenleben. Ein Gastbeitrag von Sibel Schick.

Die Nachrichten aus Hanau sind beängstigend: Der Vater des Täters, der den rassistischen Anschlag am 19. Februar 2020 begangen hat, stellt den Überlebenden und Angehörigen nach, belästigt, verfolgt und bedroht sie. Wie muss es sich anfühlen?

Als wäre es nicht schon schwer genug, mit dem Vater des Täters im gleichen Ort so nah beieinander zu leben, stalkt Hans-Gerd R. die Familien und Überlebenden mit seinem Schäferhund und stellt ihnen Fragen. Fragenstellen ist eine Art Machtdemonstration: Diejenigen, die fragen, bestimmen die Richtung einer Konversation, während die anderen ihnen scheinbar Antworten schuldig sind.

Anschlag von Hanau: Keinerlei Zeichen von Scham, Reue oder Trauer

Wie sollte sich ein Vater, dessen Sohn aus Rassismus neun Menschen ermordet hat, den Hinterbliebenen und Überlebenden gegenüber am besten verhalten? Für die Menschen in Hanau kann ich nicht sprechen, aber mein Verstand sagt mir: Er sollte die Familien und Überlebenden wenigstens in Ruhe lassen und im besten Fall einfach aus Hanau wegziehen. Damit vielleicht der Prozess der Heilung beginnen kann.

Der Vater des Hanau-Attentäters betritt im September den Verhandlungssaal am Landgericht in Hanau.
Der Vater des Hanau-Attentäters betritt im September den Verhandlungssaal am Landgericht in Hanau. © dpa

Hier ist aber keinerlei Zeichen von Scham, Reue oder Trauer zu sehen: Nach dem Anschlag seines Sohnes beleidigte Hans-Gerd R. die Hinterbliebenen, wofür er verurteilt wurde. Er forderte, die Bekennerwebsite seines Sohnes wieder online zu nehmen und dessen Tatwaffen zu erhalten.

Zur Person

Sibel Schick ist Autorin und feministische Journalistin

Seine jüngsten Nachstellungen, Bedrohungen und Beleidigungen dürfen nicht losgelöst von alldem betrachtet werden. Sein Verhalten verhindert die Heilung aktiv und deutet vielmehr an, die Gewalt seines Sohns fortführen zu wollen. Der Mann ist eine tickende Zeitbombe.

Sibel Schick
Sibel Schick. © Cihan Cakmak

Warum schlägt das keine bundesweiten Wellen? Und vielleicht taucht im einen oder anderen Kopf auch mal die Frage auf: Wie kann sich ein Mensch so verhalten, ist das überhaupt normal?

Auch bei seinem Sohn beschäftigte sich die Öffentlichkeit zuerst einmal lange und ausführlich mit der Frage, ob der Täter schuldfähig war. Es ist denkbar, dass dieselbe Frage auch in Bezug auf den Vater auftaucht. Es ist allerdings irrelevant, wieso er tut, was er tut. Das Problem ist, dass er es offensichtlich kann. In einem Gespräch sagte mir Serpil Temiz Unvar, die Mutter von Ferhat Unvar: „Der Mann ist nicht dumm. Er weiß ganz genau, wie man mit Ängsten und Schmerzen anderer spielt.“

Nun, das ist ein Mann, der offensichtlich ein Weltbild mit seinem Sohn teilt – von ihm kann man nicht viel erwarten. Aber was ist mit dem Rest der Gesellschaft? Was mit der Justiz? Unser Rechtssystem schreitet erst ein, wenn Straftaten bereits stattgefunden haben. Vorbeugende Schutzmaßnahmen werden strukturell vernachlässigt. Dass Menschen nicht verurteilt werden, bevor sie tätig werden, hat einen guten Grund.

Das Problem ist die unzureichende Prävention, denn sie führt zu Gewalttaten. Außerdem sinkt bei politischen Straftaten die Hürde, wenn die Tat nicht gesellschaftlich stigmatisiert wird. Darum geht es jetzt in Hanau: Der öffentliche Aufschrei bleibt aus, was nicht nur das Gefühl erhöht, dem Vater des Täters ausgeliefert zu sein, sondern auch die reale Gefahr, die von ihm ausgeht. Schweigen bedeutet absegnen – das weiß man in Deutschland, und das weiß auch Hans-Gerd R.

Es ist an der Zeit, die Menschen in Hanau zu schützen

Deshalb ist es wichtig, dass die Mehrheitsgesellschaft bei rassistischer Gewalt mit all ihrer Kraft konsequent reagiert: Diese Reaktion schützt Leben. Es ist an der Zeit, die Menschen in Hanau zu schützen.

Überlebender von Anschlag in Hanau: „Ich hatte das Leben geliebt und jetzt ist es vorbei“

Die Polizei verhängte gegen Hans-Gerd R. bereits ein 14-tägiges Annäherungs- und Kontaktverbot zu Serpil Temiz Unvar – die Justiz sollte das auf Lebenszeit verlängern und auf alle Betroffenen erweitern. Die Betroffenen fordern, ihm den Schäferhund zu entziehen und auch den Führerschein, weil diese ebenfalls als Waffen missbraucht werden können – die Justiz muss diese Forderung ernstnehmen. Zudem sollte die Polizei Hans-Gerd R. permanent beobachten und von den Betroffenen fernhalten, damit er ihnen keine weiteren Schäden zufügt.

Es geht nicht um Symbolik, sondern um konkrete Menschenleben, die dringend geschützt werden müssen. Und zwar schnell, bevor es zu spät ist. (Sibel Schick)

Auch interessant

Kommentare