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Die zusätzlichen zwei oder drei Jahre an vorgezogener Rente sind ein Privileg, das hauptsächlich gutverdienenden Männern mit vollständiger Versicherungsbiografie zugutekommt.
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Die zusätzlichen zwei oder drei Jahre an vorgezogener Rente sind ein Privileg, das hauptsächlich gutverdienenden Männern mit vollständiger Versicherungsbiografie zugutekommt.

Gastbeitrag

Renten in Deutschland: Hände weg von der Altersgrenze

Wer die Regelaltersgrenze für die Rente erhöht, behandelt viele Betroffene ungerecht. Nicht alle Beschäftigten können bis zum Renteneintritt arbeiten.

Dass bei wachsender Beitragslast die Altersgrenzen in der Rentenversicherung erhöht werden könnten, um die Renten zu finanzieren, leuchtet auf den ersten Blick ein. Wenn die Menschen länger leben und auch länger gesund bleiben, müsste es doch möglich sein, dass alle ein oder zwei Jahre länger arbeiten – so scheint es.

Genau das ist aber ein Kurzschluss. Trotz des Anstiegs der allgemeinen Lebenserwartung und des im Schnitt besseren Gesundheitszustandes wird es immer einen gewissen Anteil von Menschen geben, die gesundheitsbedingt nicht bis zur Altersgrenze arbeiten können.

Altersgrenze bei der Rente: Wer hat, dem wird gegeben

Dieser Anteil aber wird – und das ist der entscheidende Punkt – zwangsläufig immer größer, je weiter das Renenalter hinausgeschoben wird. Von steigender Lebenserwartung und allgemeiner Verbesserung des Gesundheitszustandes profitieren also nicht alle Beschäftigten im gleichen Maß. Vielmehr zeigen die empirischen Befunde, dass der Gesundheitszustand und die Fähigkeit bis zur Altersgrenze oder gar darüber hinaus zu arbeiten und auch im fortgeschrittenen Alter einen neuen Arbeitsplatz zu finden, eng mit dem sozialen Status, dem Bildungsniveau, den Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt mit dem Einkommen korreliert sind.

Folglich gibt es, wenn also die Altersgrenzen erhöht werden, ein Gerechtigkeitsproblem: Versicherte mit guten Arbeitsbedingungen und höheren Einkommen können verhältnismäßig problemlos länger arbeiten oder notfalls die Abschläge in Kauf nehmen. Solchen mit schlechten Arbeitsbedingungen, niedrigem Einkommen und kleineren Renten, die nicht länger arbeiten können, tun die Abschläge weh – oder sie arbeiten auf Kosten ihrer Gesundheit weiter oder werden arbeitslos.

Renten: Mehr Absicherung für alle, die nicht bis zur Altersgrenze arbeiten können

Wie umgehen mit diesem Gerechtigkeitsproblem, wo es doch durchaus auch Gründe für die Verlängerung der Lebensarbeitszeit gibt? Hierzu zwei Empfehlungen. Erstens sollte man keinesfalls die bestehenden Altersgrenzen antasten, bevor sichergestellt ist, dass wirklich alle, die aus Gesundheitsgründen nicht bis zur Altersgrenze arbeiten können, eine angemessene Erwerbsminderungsrente erhalten.

Genau diese Bedingung ist heute aber nicht erfüllt, spätestens seit die rot-grüne Koalition vor 20 Jahren die soziale Sicherung bei Erwerbsminderung weitgehend demontiert hat. Die Erwerbsminderungsrenten werden durch Abschläge um bis zu 10,8 Prozent gekürzt.

Zum Autor

Thomas Ebert war Rentenexperte der SPD-Bundestagsfraktion und Abteilungsleiter im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Er schrieb das Buch „Die Zukunft des Generationenvertrages“ (Bundeszentrale für politische Bildung).

Wer nicht mehr in Vollzeit, aber noch sechs Stunden täglich arbeiten kann, bekommt unabhängig von seinem Gesundheitszustand überhaupt keine Rente mehr, und die frühere Berufsunfähigkeitsrente wurde ersatzlos abgeschafft. Wieder einen funktionierenden sozialen Schutz bei Erwerbsminderung – einschließlich der Berufsunfähigkeit – aufzubauen, ist ohnehin dringend, aber die Altersgrenzen zu erhöhen, ohne dies zuvor getan zu haben, wäre nicht zu verantworten.

Vorgezogene Renten: Privileg, das vor allem gutverdienende Männer auf Kosten anderer genießen

Zweitens sollte man nicht die allgemeine „Regelaltersgrenze“ über 67 Jahre hinaus erhöhen, sondern lediglich die „vorgezogenen Altersgrenzen“ (mit 63 oder 65 Jahren) einschränken. Denn dabei handelt sich um Leistungen, die über das Beitragsäquivalent hinausgehen: Wer nicht nur 25 oder 30, sondern 35 oder gar 45 Jahre lang Beiträge gezahlt hat, erhält nach der bestehenden Rentenberechnungsformel bereits eine entsprechend höhere Rente und damit den vollen Gegenwert seiner Beiträge.

Die zusätzlichen zwei oder drei Jahre an vorgezogener Rente sind hingegen ein Privileg, das hauptsächlich gutverdienenden Männern mit vollständiger Versicherungsbiografie zugutekommt und von Versicherte mit Lücken und niedrigen Einkommen, also hauptsächlich von Frauen, mitfinanziert wird.

Renteneintritt in Deutschland: Vorgezogene Renten lassen Vorschusskostenberg wachsen

Entgegen der allgemeinen Auffassung reichen auch die Abschläge auf die vorgezogenen Altersrenten nicht aus, um die Kosten der Rentenkassen für die verlängerte Rentenzahlung abzudecken. Die vorgezogenen Renten werden zunächst von den Rentenkassen vorfinanziert und dann von den Berechtigten über die gesamte Rentenlaufzeit in Form von Abschlägen abgezahlt. Weil jedes Jahr zusätzliche Versicherte die vorgezogenen Altersrenten in Anspruch nehmen, schiebt die Rentenversicherung trotz der Abschläge beträchtliche Vorfinanzierungskosten dauerhaft vor sich her.

Fazit: Höhere Altersgrenzen nur, wenn erstens zugleich die Erwerbsminderungsrenten verbessert werden und zweitens nicht bei der Regelaltersgrenze, sondern bei den vorgezogenen Altersrenten. (Thomas Ebert)

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