Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Preise für Benzin, Diesel, Öl und Gas steigen.
+
Die Preise für Benzin, Diesel, Öl und Gas steigen.

Gastbeitrag

„Grüne Inflation“ sozial bewältigen

  • VonRudolf Hickel
    schließen

Auch Klimaschutz treibt die Preise. Menschen mit geringen Einkünften müssen deshalb entlastet werden. Der Gastbeitrag.

Nach einer Inflationsrate nahe Null im vergangenen Corona-Abschwungjahr ist die Geldentwertung von Monat zu Monat bis auf fast sechs Prozent gestiegen. Inflationsängste, die mit der historischen Anspielung auf die Hyperinflation von 1923 geschürt werden, machen sich breit.

Mit den erst einmal überraschend hohen Inflationsraten gerät die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ins Visier. Die Zielinflationsrate der EZB mit zwei Prozent, die als Schmiermittel wirtschaftlicher Dynamik gerechtfertigt wird, löst die Forderung nach dem Tritt auf die geldpolitische Bremse aus.

Die längst tot geglaubten Monetaristen à la Milton Friedman nehmen Einfluss. Der Wirtschaftswisssenschaftler Hans Werner Sinn fordert „das Ende der Geldschwemme“ durch die Erhöhung des Leitzinses und vor allem den Ausstieg aus den Programmen des allgemeinen und pandemiebedingten Ankaufs von Wertpapieren bei den Banken. Den durch die Geldschwemme unterstützten Staatsausgaben per Kreditfinanzierung und den nach der unterstellten Lohn-Preis-Spirale wachsenden Tariflöhnen wird schon mal der Kampf angesagt.

Dass die Notenbank bisher leider ohne Unterstützung durch die Finanzpolitik den ökonomischen Crash des Eurosystems auch in Pandemiezeiten verhindern will, entzieht sich dieser monetaristischen Trugschlussökonomik. Dieser marktradikal getriebene Monetär-Reduktionismus versperrt den Blick auf die Triebkräfte der heutigen Inflation, die in den Lehrbüchern der Ökonomik nicht vorkommen.

Zum einen prägt der Rhythmus der Pandemie die wirtschaftliche Entwicklung. Das gilt auch für die Inflationsdynamik. Nach dem Absturz der Wirtschaft durch die Lockdowns mit einer Inflationsrate in der Nähe der Nullzone im letzten Jahr steigen mit dem „verzögerten Aufschwung“ die Hersteller- und dann die Verbraucherpreise.

Die wieder weltweit wachsende Nachfrage stößt auf zuvor abgebaute Produktionskapazitäten. Im exportdominierten Deutschland kommen die pandemiebedingten Lieferengpässe auch durch Störungen in den weltweiten Logistikketten hinzu. Es rächt sich die gelobte Globalisierung, alles billig irgendwo in der Welt zu produzieren. In Deutschland kam der Unfug mit den für ein halbes Jahr gesenkten Mehrwertsteuersätzen aus dem WUMS-Programm hinzu.

Gegenüber dieser pandemiebedingten Inflationsursache wäre die geforderte geldpolitische Schrumpfkur Gift für die Wirtschaft. Vielmehr werden die pandemiebedingten Faktoren der Inflation im kommenden Jahr auch im Zuge der Beherrschbarkeit der Pandemie an Bedeutung verlieren.

Zum anderen wird der Preis der Umweltpolitik spürbar. Von der Triebkraft „grüne Inflation“ ist die Rede. Es geht um die gewollte Verteuerung der Treibhausgase, die im CO2-Ausstoß zusammengefasst werden. Dazu zählen die gestiegenen Preise für das Recht, CO2 ausstoßen zu dürfen. Politisch gewollt ist der seit diesem Jahr eingeführte Festpreis mit 25 Euro pro Tonne CO2-Äquivalente, durch den die Preise für Benzin, Diesel, Öl und Gas steigen. Nach den 30 Euro im kommenden Jahr ist der Anstieg des Aufschlags auf 55 Euro bis 2025 fixiert. Der Inflationseffekt ist vorprogrammiert.

Allein für dieses Jahr steuert die CO2- Politik bis zu 1,1 Prozentpunkte zur Inflation bei. Dagegen mit Geldverknappung zu reagieren, wäre ökonomisch falsch und ökologisch kontraproduktiv. Grüne Geldpolitik ist die richtige Antwort. Dagegen löst der Einfluss auf den Inflationspreis durch den C02-Preisaufschlag eine neue Herausforderung aus. Die „grüne Inflation“ verschärft die soziale Spaltung der Gesellschaft. Verlierer sind die Beschäftigten im Niedriglohnsektor und die unterschiedlichen Bezieherinnen und Bezieher von Sozialeinkommen.

Die höheren Energiepreise schlagen wegen des knappen Einkommens gegenüber den lebensnotwendigen Ausgaben und nicht vorhandenen Ersparnissen voll durch. Die ökologisch unvermeidbare „grüne Inflation“ muss also sozial abgefedert werden.

Diese grüne Sozialpolitik kommt im AmpelKoalitionsvertrag kaum vor. Verschiedenes muss sofort umgesetzt werden. Dazu gehören Zuschläge bei allen Sozialleistungen, aber auch im Niedriglohnsektor für Aufstockerinnen und Aufstocker von Hartz 4 und beim zu knapp bemessenen Mindestlohn von zwölf Euro. Auch für Pendlerinnen und Pendler wird ein sozial gerechtes Mobilitätsgeld erforderlich.

Da die C02-Aufschläge die unteren und mittleren Einkommen relativ stärker als im oberen Bereich belasten, ist ein genereller sozialer Ausgleich durch einen Klimabonus für alle (nach einem Modell des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung mit 80 Euro pro Einwohner) sinnvoll, der aus den wachsenden CO2-Steuereinnahmen finanziert wird.

Rudolf Hickel ist Forschungsleiter am Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare