Deutsche Staatsgrenze bei Aachen.
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Grenzen überwinden.

Gastbeitrag

Grenzen dürfen die EU nicht trennen

Bürgerinnen und Bürger haben die EU stärker mitgestaltet als viele denken. Die „Grenzstürmer“ sind ein Beispiel. Ein Gastbeitrag von Historiker Bastian Matteo Scianna.

Die Wahrnehmung der Europäischen Union (EU) wird häufig von langen Gipfeltreffen in Brüssel bestimmt. Das ist historisch kein Novum, doch dadurch gerät die Rolle der Bürgerinnen und Bürger in den Hintergrund. Ein Blick in die Geschichte der europäischen Integration offenbart jedoch Beispiele aktiver Bürgerbeteiligung, die nicht in Vergessenheit geraten sollten.

Vor 70 Jahren fand eine der spektakulärsten Bürgeraktionen statt. Am 6. August 1950 stürmten rund 300 junge Erwachsene den deutsch-französischen Grenzübergang bei St. Germanshof und Wissembourg. Diese Grenzregion war ein historisch umkämpftes Gebiet, weshalb sie sich besonders für diese symbolische Aktion eignete.

Anlass des sogenannten Grenzsturms war die Einweihung des Europa-Hauses in Straßburg, in dem die Beratende Versammlung des Europarates tagte. Die Bundesrepublik war im Juli 1950, nach langen Debatten, immerhin assoziiertes Mitglied dieses damals bedeutendsten europäischen Integrationsforums geworden. Nur fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg war dies ein wichtiger Schritt zurück in die europäische Völkerfamilie.

Der friedliche „Grenzsturm“ war gut vorbereitet. Die Leiter, Marcel Mille, ein Sprachlehrer aus Paris, und Michel Mouskhély, Professor in Straßburg, hatten mit verschiedenen Organisationen, Verbänden und Studentengruppen akribische Vorarbeit geleistet. Die Aktion stand zudem im Zeichen des Ost-West-Konflikts. Der „Kampf um die Jugend“ im Kalten Krieg war untrennbar mit dem Werben um die europäische Einigung verbunden. Die Organisatoren hatten Studenten aus neun Ländern für die Aktion gewinnen können und die zahlreich erschienene Presse sandte die Botschaft der „Grenzstürmer“ nach ganz Europa aus.

Die eigentliche Aktion in St. Germanshof begann mit einer List. Eine Studentin täuschte einen Schwächeanfall vor, woraufhin die Zöllner ihr halfen. Hiernach stürmten die Gruppen von der deutschen und französischen Seite auf die Grenzstelle zu und zersägten, demontierten oder verbrannten die Grenzsymbole, was eine Straftat war.

Die Teilnehmer fielen sich in die Arme, sangen und hielten Reden. Es war eine gelöste, von Verbrüderung getragene Stimmung. Die „Grenzstürmer“ trugen umfassende föderalistische Pläne zur Gestaltung Europas vor und riefen die Politikerinnen und Politiker der westeuropäischen Staaten zu verstärktem Handeln auf.

Nach dem 6. August folgten weitere Grenzaktionen, doch viele der Forderungen blieben Wunschträume; andere, wie etwa ein europäischer Pass oder der Abbau der Grenzkontrollen, wurden erst Jahre später umgesetzt. Trotz seines visionären Charakters, scheint der „Grenzsturm“ heute weitestgehend vergessen.

Der Autor

Bastian Matteo Scianna ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Potsdam und habilitiert zur Entstehungsgeschichte des Schengener Abkommens.

Erst 2007 wurde in St. Germanshof durch eine Initiative ein Denkmal errichtet. Weitere zehn Jahre später kaufte ein hochbetagter, ehemaliger Teilnehmer der Aktion das frühere deutsche Zollhaus, worin ein Museum oder eine Gedenkstätte entstehen soll.

Staatliche Stellen beiderseits der Grenze und auch die EU hielten sich bei der Förderung jedoch zurück, weshalb die Gedenkarbeit mühselig durch Spenden finanziert werden muss. Auf französischer Seite – keine 150 Meter Luftlinie von dem Denkmal entfernt – wurde im selben Jahr ein Soldatenfriedhof aufwendig erneuert, auf dem französische und alliierte Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Dies verdeutlicht, wie schwer es oftmals immer noch ist, eine gemeinsame europäische Erinnerung herzustellen.

Wer auf die durchaus aktive europäische Kulturpolitik schaut, muss sich fragen, was die EU, die einzelnen Mitgliedstaaten, regionale Stellen oder Parteien beitragen, um die wenigen physischen Erinnerungsorte der europäischen Einigung den Bürgern (be)greifbar zu machen. Die Beseitigung der Schlagbäume und das Zusammenwachsen der Grenzregionen ist eine zentrale Errungenschaft der europäischen Einigung, die in die politische Bildungs- und Gedenkarbeit einbezogen werden muss.

Zumal die Grenze im innereuropäischen Miteinander wieder zu etwas Trennendem zu verkommen scheint. Im Zuge der Covid-19 Pandemie wurden auch die deutsch-französischen Grenzübergänge geschlossen und es kam zu Übergriffen auf französische Grenzgänger.

Es braucht im Schengenraum keine „Grenzstürmer“ mehr. Nötig sind Initiativen - privat oder staatlich gefördert -, um europapolitische Errungenschaften zu sichern und Beispiele aktiver Bürgerbeteiligung in der europäischen Einigung hervorzuheben.

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