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Geraderücken statt querdenken

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Unter Stichworten wie Industrie 4.0, Digitalisierung und Dekarbonisierung krempelt die Transformation große Unternehmen und ganze Branchen um. Je unsichtbarer und ungreifbarer diese Hand des Marktes für die einzelnen Beschäftigten ist, desto mehr Ängste und Ohnmacht produziert sie.
Unter Stichworten wie Industrie 4.0, Digitalisierung und Dekarbonisierung krempelt die Transformation große Unternehmen und ganze Branchen um. Je unsichtbarer und ungreifbarer diese Hand des Marktes für die einzelnen Beschäftigten ist, desto mehr Ängste und Ohnmacht produziert sie. © Silas Stein/dpa (Archiv)

Das Narrativ der Demokratie auf Augenhöhe bröckelt. Dagegen brauchen wir Betriebsräte und eine handfeste Bildungs- und Beteiligungsstrategie. Der Gastbeitrag von Irene Schulz (IG Metall) und Thomas Krüger (Bundeszentrale für politische Bildung).

Respekt, Teilhabe, Mitbestimmung – Gleichberechtigung, Augenhöhe, Partizipation: Gerne versammeln wir uns hinter diesen Worten. Doch ob wirtschaftliche Krisen oder handfeste Kriege: Erst bei Erschütterungen zeigt sich, dass die Stabilität dieser demokratischen Werte keine Selbstverständlichkeit ist.

Die IG Metall hat mit ihren Mitgliedern in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr ordentliche Tariferhöhungen durchsetzen können, auch qualitative Errungenschaften wie den Einstieg in mehr Selbstbestimmung der Beschäftigten über ihre Arbeitszeit. Gleichzeitig aber wachsen unter den Eindrücken des brutalen Angriffskrieges in der Ukraine auch hierzulande nicht nur die solidarischen Unterstützungsangebote an Geflüchtete, sondern auch die Bedarfe nach Arbeitsplatzsicherheit und bezahlbaren Preisen für Bürgerinnen und Bürger.

Bundesweit wählten Beschäftigte jetzt neue Betriebsräte. Diese müssen künftig noch mehr Fragen beantworten können, noch mehr Lösungen finden. Wesentlicher Treiber ist die Transformation, die unter den Stichworten Industrie 4.0, Digitalisierung und Dekarbonisierung große Unternehmen und ganze Branchen umkrempelt. Je unsichtbarer und ungreifbarer diese Hand des Marktes für die einzelnen Beschäftigten ist, desto mehr Ängste und Ohnmacht produziert sie. Jede*r Zweite kann laut einer IG- Metall-Umfrage keine Strategie bei seinem Arbeitgeber entdecken. Zu Zukunfts- kommen Alltagssorgen: Welche Spuren hinterlässt der Ukraine-Krieg im Geldbeutel der Beschäftigten?

Für die politische Ordnung sind Transformationsphasen destabilisierende Prozesse mit offenem Ende, wenn sie nicht aktiv und zukunftsorientiert gestaltet werden. Mitbestimmung ist der wesentliche Erfolgsfaktor. Studien des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und der Hans-Böckler-Stiftung haben in einem europäischen Vergleich festgestellt, dass eine starke wirtschaftliche Mitbestimmung auch die politische Demokratie stabilisiert.

Schaffen wir es nicht, die Komplexität des Wandels zu ordnen und der Unsicherheit eine überzeugende, demokratisch legitimierte Antwort entgegenzustellen, schwindet die Legitimität der bestehenden politischen Systeme und ihrer Institutionen. Der rechte Rand, die Verschwörungserzähler*innen und all die anderen mit den vermeintlich einfachen Lösungen gewinnen an Attraktivität.

Dem müssen wir positiv besetzte, demokratische Lebens- und Arbeitsentwürfe entgegensetzen. Das gelingt jedoch nur mit einer aktiven Beteiligung der Beschäftigten – auch in wirtschaftlichen Zukunftsfragen der Unternehmen.

Auf erhöhte Anforderungen an Betriebsräte reagieren wir mit passgenauen Bildungsangeboten. Sei es mit Onlineschulungen zu Verschwörungsmythen oder kompakten Wochenangeboten zum besseren Verständnis ökonomischer Grundlagen – immer die Kompetenzentwicklung der Akteur*innen im Blick.

Mehr, auch wirtschaftliche Mitbestimmung in den Unternehmen, mehr Respekt der Unternehmensbesitzer vor den Bedürfnissen der Beschäftigten, mehr Demokratie in den Betrieben stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unsicheren Zeiten. Denn sie schützt unsere gemeinsame Demokratie vor ihren Feinden am rechten Rand.

Weil die Transformation so viel umkrempelt, müssen viele gesellschaftliche Akteure Antworten auf viele Fragen finden, getragen von mehr Respekt und mehr Mitbestimmung.

Uns eint die Sorge, dass antidemokratische Tendenzen im Zuge der Transformation noch stärker werden. Die Bildung der verschiedensten Akteure ist das Lebenselixier von Demokratie. Deswegen fördert die Bundeszentrale für politische Bildung mit ihrer jüngeren Klientel Pilotprojekte für Demokratie in Betrieben, Schulen und im Netz. Die IG Metall beteiligt sich hier aktiv und bringt ihre Expertise in politischer Bildung mit ein. In Sachsen sollen erste Projekte initiiert und später auch bundesweit ausgeweitet werden.

Demokratie bedeutet Anpacken. Und Anpacken erfordert Bildung. Denn nur gelebte Mitbestimmung rückt gerade, wo andere lediglich an sich und querdenken.

Irene Schulz ist geschäftsführendes Vorstandmitglied der IG Metall und verantwortet unter anderem die gewerkschaftliche Bildungsarbeit

Thomas Krüger ist Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung

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