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Wir müssen unsere Ernährung komplett neu denken

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Von: Renate Künast

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Renate Künast, ehemals Landwirtschaftsministerin, heute Sprecherin für Ernährung und Agrar der grünen Fraktion im Bundestag, hat eine klare Vorstellung davon, wohin die Reise in puncto Ernährung gehen muss: „Weg vom Raubbau an der Natur und der Produktion von zu viel Lebensmitteln, die im Müll enden. Hin zu einer Ernährungsumgebung, die die planetaren Grenzen respektiert und es einfach macht, sich im Alltag gesund und nachhaltig zu ernähren“.
Renate Künast hat eine klare Vorstellung davon, wohin die Reise in puncto Ernährung gehen muss. © Christian Thiel/Imago (Archivbild)

Wir essen auf Kosten unserer Lebensgrundlagen. Aber wir können eine Wende einleiten, sagt Renate Künast im Gastbeitrag für die FR.

Die Fakten liegen längst auf der Hand. Einerseits leiden mehr als 820 Millionen Menschen auf der Welt an Hunger. Andererseits haben 2,2 Milliarden Menschen Übergewicht. Ernährungsbedingte Krankheiten gelten weltweit als häufigste Todesursache. Die landwirtschaftliche Produktionsweise unseres Essens und die Art der Flächennutzung ist für ein Viertel aller Treibhausgasemissionen verantwortlich und zentraler Treiber des Verlustes biologischer Vielfalt. Ein Drittel unseres Essens landet in der Mülltonne statt auf dem Teller.

Gleichzeitig hat die Industrie das Ernährungsumfeld vermehrt auf hochverarbeitete Lebensmittel mit viel zu preiswerten Rohstoffen aus der ganzen Welt ausgerichtet. Kurz gesagt: Unsere Ernährungsweise ist schlecht für Gesundheit, Umwelt, Klima. Wir essen auf Kosten unserer Lebensgrundlagen. Warum schaffen wir es nicht, das Ernährungssystem grundlegend zu ändern und ein Ernährungsumfeld zu realisieren, das Mensch und Umwelt gesund erhält? Wir haben kein Wissens-, sondern ein Umsetzungsproblem und beharrliche Kräfte, die Interesse haben, das alte System aufrecht zu erhalten.

Milliarden Menschen können gesund ernährt werden

Doch der gesellschaftliche Druck wächst. Immer mehr machen sich auf den Weg und stoßen die Ernährungswende in ihrem Umfeld an. Dazu gehören Ernährungsräte, Bio-Städte, Kommunen mit nachhaltigem Kita- und Schulessen. Sie treten eine Bewegung los, die zum Gamechanger werden kann.

Die gute Nachricht kommt von der Eat Lancet Kommission, ein Forum internationaler Wissenschaftler. Sie entwickelte 2019 die Planetery health diet. Danach ist es möglich, 10 Milliarden Menschen, die bis 2050 auf der Erde leben, gesund zu ernähren, ohne den Planeten zu zerstören. Wir müssen dazu den Verzehr von Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Nüssen verdoppeln, den von Fleisch und Zucker halbieren, die Lebensmittelverschwendung reduzieren und die Produktion verbessern.

Die Ernährungsbildung muss neu ausgerichtet werden. Denn Wissen führt dazu, dass wir anders essen und anders mit unserer Umwelt umgehen.

Renate Künast

Es ist also im Prinzip klar, wohin die Reise gehen muss: weg vom Raubbau an der Natur und der Produktion von zu viel Lebensmitteln, die im Müll enden. Hin zu einer Ernährungsumgebung, die die planetaren Grenzen respektiert und es einfach macht, sich im Alltag gesund und nachhaltig zu ernähren. Diese Transformation zu schaffen, ist Aufgabe von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Es braucht einen systemischen Ansatz statt Drehen an kleinen Schrauben.

Hilfe beim Aufbau der kleinbäuerlichen Landwirtschaft

Wir brauchen eine Gemeinschaftsverpflegung von Kita bis Krankenhaus, die nachhaltig ausgerichtet ist, wo Essen schmeckt, statt weggeworfen zu werden. Auch die öffentliche Beschaffung muss auf nachhaltigen Kriterien basieren.

Wir werden weniger, aber qualitativ hochwertiges Fleisch herstellen, um mehr Ackerflächen für mehr Vielfalt zu haben und pflanzliche Ernährung massiv unterstützen. Die Ernährungsbildung muss neu ausgerichtet werden. Denn Wissen führt dazu, dass wir anders essen und anders mit unserer Umwelt umgehen.

Zur Person

Renate Künast ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Ernährung und Agrar der Fraktion.

Überproduktion und Lebensmittelverschwendung müssen reduziert werden. In den Privathaushalten, aber auch in der ganzen Produktionskette, die immer noch absurden Schönheitsmodellen für ihre Produkte folgt und ständige Verfügbarkeit zum Ziel hat.

Lieferketten müssen ökologische und soziale Kriterien erfüllen, transparent und rückverfolgbar sein, damit wir sicher sein können, dass unser Essen unter guten Bedingungen hergestellt wurde. Preise müssen die Wahrheit abbilden.

Wir müssen anderen Ländern beim Aufbau ihrer kleinbäuerlichen Landwirtschaft helfen, die am stärksten die Nahrung vor Ort sicherstellt und auch bei uns Stadt und Land neu verbindet. Die Devise heißt: Wandel zu einer nachhaltig und agrarökologisch ausgerichteten Lebensmittelproduktion.

Der russische Angriff auf die Ukraine verschärft die Probleme

Das und noch vieles mehr ist für mich Messlatte für eine Ernährungswende. Sie wird ein Projekt sein, das uns länger als eine Legislatur begleitet. Neue Bündnisse sind Voraussetzung für die ganzheitliche Transformation. Deshalb sind jetzt alle Akteure – Bund, Länder, Krankenkassen, Lebensmittelwirtschaft, Gemeinschaftsküchen – gefragt, Sektor übergreifend die Systemwende einzuleiten.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat verschärft, was vorher schon lange ein Problem war. Der weltweite Aufwuchs der Ackerflächen für Tierfutter und die durch die Klimakrise verursachten Wetterextreme verschlechtern die Ernährungssituation von vielen. Die Hungerkrise lösen wir aber nicht mit alten Methoden, die sie mit verursacht haben. Jetzt müssen wir akut helfen, aber auch unterstützen, sich in Zukunft gut zu ernähren.

Wir werden nicht verzichten, sondern eine neue „Esskultur“ entwickeln, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht kurzfristige wirtschaftliche Interessen. Ziel ist es, dass alle Menschen sich gut, ausgewogen und ihrer Kultur entsprechend ernähren können. (Renate Künast)

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