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Höchste Zeit für Investitionen in Pflege und Betreuung

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Mehr als 9,1 Millionen Menschen in der EU – 90 Prozent davon Frauen – sind derzeit in der Pflegebranche tätig.
Mehr als 9,1 Millionen Menschen in der EU – 90 Prozent davon Frauen – sind derzeit in der Pflegebranche tätig. © Imago (Symbolbild)

Hochwertige, zugängliche und erschwingliche Pflege ist eine Investition für die Gesellschaft. Der Gastbeitrag.

Tage vor der Rede der Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zur Lage der Union erinnern wir an eine wichtige Zusage aus der Vorjahresrede: eine Europäische Strategie für Pflege und Betreuung, damit jeder die bestmögliche Pflege erhalten und die bestmögliche Balance zwischen Familie und Beruf finden kann.

Wir alle benötigen im Laufe unseres Lebens Pflege oder Betreuung oder müssen jemand anderen pflegen oder betreuen. Schätzungsweise ein Drittel aller Europäerinnen und Europäer haben Betreuungs- oder Pflegepflichten, und mehr als 9,1 Millionen Menschen – in der Mehrzahl Frauen – sind im Pflegesektor beschäftigt.

Eine hochwertige, zugängliche und erschwingliche Pflege und Betreuung bietet Frauen einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt und erlaubt ihnen, im Arbeitsmarkt zu verbleiben und ihren Berufswünschen nachzugehen. Derzeit werden rund 7,7 Millionen Frauen und 450 000 Männer in der Europäischen Union (EU) durch informelle Pflege- und Betreuungspflichten an der Ausübung einer Erwerbstätigkeit gehindert. Investitionen in Kinderbetreuung und Langzeitpflege sind daher eine Investition in die Gleichstellung der Geschlechter.

Es bedarf hochwertiger Pflege und Betreuung auf allen Lebensstufen. Frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung fördern die Entwicklung von Kindern, senken das Risiko der sozialen Ausgrenzung und ermöglichen einen gleichberechtigten Start ins Leben. Mehr passende Pflege- und Betreuungsmöglichkeiten in Europa werden dazu beitragen, Familien von Kindern mit Behinderungen zu entlasten, von denen derzeit die Hälfte ausschließlich von ihren Eltern betreut wird.

Im Zuge der am 7. September vorgestellten neuen Europäischen Strategie für Betreuung und Pflege schlägt die Europäische Kommission vor, die Barcelona-Ziele für Kinderbetreuung zu ändern. Künftig sollen statt wie bisher 33 Prozent mindestens 50 Prozent der Kinder unter drei Jahren an frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung teilnehmen. In Deutschland liegt die Teilnahmequote bei 31 Prozent. Obwohl in den letzten 20 Jahren auf EU-Ebene Fortschritte erzielt wurden, bestehen nach wie vor enorme Unterschiede zwischen den EU-Staaten, mit Teilnahmequoten zwischen sechs Prozent und 66 Prozent.

Unsere Europäische Strategie für Betreuung und Pflege sieht außerdem konkrete Empfehlungen für eine verbesserte Langzeitpflege vor. Die Covid-19-Pandemie hat gezeigt, dass es ohne ein krisentaugliches Pflegesystem nicht geht.

Angesichts des erheblichen demografischen Wandels in Europa und der zunehmenden Bevölkerungsalterung dürfte die Zahl der Pflegebedürftigen von rund 30 Millionen im Jahr 2019 auf fast 40 Millionen im Jahr 2050 steigen. Rund 52 Millionen Europäerinnen und Europäer leisten informelle Langzeitpflege für Familienangehörige oder Freunde.

Eine hochwertige und erschwingliche Langzeitpflege kommt insbesondere älteren Menschen und Menschen mit Behinderungen zugute, weil sie Autonomie und ein Leben in Würde ermöglicht. Der personenzentrierte Ansatz der Strategie zielt daher darauf ab, den Menschen bedarfsgerechte Dienstleistungen anzubieten.

Wir erwarten von den EU-Staaten, dass sie professionelle Langzeitangebote wie häusliche Pflege, gemeindenahe Pflege und Heimbetreuung ausbauen und breiter aufstellen. Gut in die Gesundheitsversorgung eingebundene Langzeitpflegedienste können zur Entlastung von Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen beitragen.

Angesichts des dramatischen Arbeitskräftemangels in der Pflege müssen wir die Ursachen des Problems angehen und für bessere Arbeitsbedingungen, Entlohnung und Ausbildung sorgen. Mehr als 9,1 Millionen Menschen in der EU – 90 Prozent davon Frauen – sind derzeit in der Pflegebranche tätig. Bis 2050 braucht es mindestens 1,6 Millionen zusätzliche Pflegekräfte, um die Langzeitpflege auf dem derzeitigen Niveau zu halten, das bekanntlich nicht immer ausreichend ist.

Um das Ziel einer gleichberechtigten und gerechten Gesellschaft zu erreichen, müssen wir umdenken und den Menschen die entsprechenden Möglichkeiten bieten. Sie müssen ihre beruflichen und familiären Pflichten schließlich unter einen Hut bringen können. Jedes Kind muss Zugang zu hochwertiger Kinderbetreuung erhalten. Jede ältere Person und jede Person mit Behinderung muss die passende Unterstützung und hochwertige Pflegeangebote erhalten. Die Tätigkeit der Pflegekräfte muss anerkannt werden.

Die Menschen brauchen vernünftige Optionen für eine lebenswerte Zukunft. Investitionen in Pflege und Betreuung lohnen sich. Es ist höchste Zeit.

Dubravka Šuica ist Vizepräsidentin für Demokratie und Demografie.

Nicolas Schmit ist EU-Kommissar für Beschäftigung und soziale Rechte.

Helena Dalli ist EU-Kommissarin für Gleichheitspolitik.

Dubravka Šuica ist Vizepräsidentin für Demokratie und Demografie.

Nicolas Schmit ist EU-Kommissar für Beschäftigung und soziale Rechte.

Helena Dalli ist EU-Kommissarin für Gleichheitspolitik.

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