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Friedrich Merz
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Ein offener Brief an Friedrich Merz

Gastbeitrag

Offener Brandbrief: Friedrich Merz ist nicht als Bundeskanzler geeignet

Friedrich Merz will sich Mitte Januar zum CDU-Parteivorsitzenden wählen lassen, um Bundeskanzler zu werden. Dabei ist er dafür gänzlich ungeeignet. Ein offener Brandbrief als Gastbeitrag.

  • Friedrich Merz will unbedingt CDU-Vorsitzender und womöglich auch Bundeskanzler werden.
  • Er hat nicht nur Fans - manche vergleichen ihn mit Donald Trump.
  • Die US-amerikanische Juristin Johanna Soll hat Friedrich Merz einen offenen Brief geschrieben.

Sehr geehrter Herr Friedrich Merz,

wie so viele andere Menschen derzeit, zähle ich die Tage, bis Donald Trump endlich das Weiße Haus räumt. Geht es Ihnen auch so? Während wir ihm keine Träne nachweinen werden, können einem die US-Medien geradezu leidtun: Was wird mit ihren Quoten und Auflagen geschehen, wenn sie nicht mehr täglich im Breaking News-Modus über die neusten Tweets und Eskapaden ihres Präsidenten berichten können?

Vielleicht ist dann die Zeit der deutschen Medien gekommen. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Punkt 20 Uhr in Deutschland, der allseits bekannte Gong ertönt, Linda Zervakis begrüßt zur Tagesschau, die erste Meldung: ein ausfallender Tweet gerichtet an die Systemmedien – der Absender: Bundeskanzler Friedrich Merz!

Friedrich Merz könnte Vori werden: Kann er Politik besser als Donald Trump?

Fährt nun womöglich die Retourkutsche dafür vor, dass man sich in Deutschland jahrelang die Haare raufte, ob der Einfältigkeit der Amerikaner, die Donald Trump wählten – wo er doch keinen Hehl aus seiner mangelnden Eignung für das Präsidentenamt gemacht hat? Wie wird Deutschland bei einer möglichen Wahl „Friedrich Merz gegen Robert Habeck“ entscheiden? Vielleicht tritt uns das Schicksal in den Allerwertesten und beschließt, jetzt ist die BRD an der Reihe mit ihrer Version eines „starken Mannes“ mit Alphagebaren und Omegaego.

In letzter Zeit sind bereits des Öfteren Vergleiche zwischen Ihnen, Friedrich Merz, und Donald Trump bemüht worden – völlig zu Recht, wie ich finde. Ich kann auch handfeste Belege anführen: mit der Wirtschaft auf Du und Du bzw. sogar ganz tief drin; das Festhalten an Nebeneinkünften trotz eines politischen Amtes; eine Covid-19-Erkrankung mit relativer Leichtigkeit überwunden und dann sogleich dazu übergegangen, (Steuer-)Erleichterungen für die Wirtschaft zu fordern; die Ich-allein-kann-es-reparieren-Mentalität und zuletzt das ganz besonders alphahafte Lamentieren, dass beachtliche Teile des CDU-Establishments Sie als Parteivorsitzenden verhindern wollen.

Friedrich Merz - kein Donald Trump, aber Gemeinsamkeiten gibt es

Fast schon ein wenig beängstigend, oder? Natürlich sind Sie, anders als Donald Trump, kein niveauloser Kretin – Sie sind Bildungsbürger, ein Mann von Format, aber das eine oder andere habn Sie eben doch mit Trump gemein, z.B. den unerschütterlichen Glauben, dem Land müsse mit einer neoliberalen Wirtschafts- und Finanzpolitik wieder auf die Sprünge geholfen werden – und Sie seien genau der Richtige dafür. Lassen Sie sich dazu eins gesagt sein, Herr Friedrich Merz: Ich lebe hier in den USA Ihren feuchten Traum vom entfesselten Kapitalismus, der sich – Überraschung – als gar nicht so befriedigend entpuppt.

Jetzt sind Sie bestimmt fassungslos und möchten entschieden widersprechen – aber ich bin mit dem Vergleich zwischen Donald Trump und Friedrich Merz noch nicht fertig! Da wäre die Website womenfortrump.com und ihr deutsches Pendant wirfrauenfuermerz.de. Dazu fällt mir nichts mehr ein – außer vielleicht: wirschwarzenfuermerz.de, wirmuslimefuermerz.de, wirhomosexuellenfuermerz.de, wirtransgenderfuermerz.de etc.

„Ich unterstütze Friedrich Merz, weil...“ - Ja, warum eigentlich?

Wenn Sie schon die unsägliche Identitätspolitik aus den USA nach Deutschland importieren wollen, dann sollten auch wirklich sämtliche marginalisierte Gruppen repräsentiert werden, um nicht als Diskriminierer dazustehen. Haben Sie sich mal angesehen, welch hanebüchenen Optionen man auf wirfrauenfuermerz.de unter „Ich unterstütze Friedrich Merz, weil ...“ wählen kann? Sie behaupten zwar, Sie hätten nichts mit dieser Fraueninitiative zu tun, dennoch brüsten Sie sich damit.

Es ist schon so lange her, aber soweit ich mich erinnern kann, ist Angela Merkel auch ohne eine Website maennerfuermerkel.de Kanzlerin geworden.

Friedrich MerzPolitiker, Lobbyist und Jurist
Geburtsdatum11. November 1955 (65 Jahre)
GeburtsortBrilon, Nordrhein-Westfalen
EhepartnerinCharlotte Merz, geb.: Gass (verh. seit 1981)
ParteiChristlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)
Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion2000 bis 2002
Vizepräsident des Wirtschaftsrats der CDUSeit 2019

Friedrich Merz reagiert auf Kritik mit Relativierung oder (Neu-)Kontextualisierung

Um es Frau Merkel gleichzutun, müssen Sie noch einige Klippen umschiffen, aber bisher haben Sie sich, mit Verlaub, nicht besonders gut angestellt auf der hohen See der Politik, und das eine oder andere Mal Schiffbruch erlitten. Wenn Friedrich Merz dann für seine Äußerungen medial zur Verantwortung gezogen wird, ist Ihre Reaktion immer dieselbe: Empörung über diese ungeheuerliche Fehlinterpretation Ihrer Aussage; relativieren oder neu kontextualisieren jener Aussage; Rückzug in die Opferrolle des ewig falsch Verstandenen.

Das wirkt sehr dünnhäutig und nicht sonderlich souverän, dabei sind jedoch die gegenteiligen Eigenschaften für einen guten Kanzler unerlässlich. Sie dagegen lassen, ganz in Borniertheit à la Friedrich Merz, aber auch keinen Fettnapf aus: nach eigenen Angaben gehobener Mittelschichtler mit einem Jahreseinkommen von rund einer Million Euro, Arbeitnehmer-Bashing, Klima- und Energieverzögerungspolitik, vermeintliche Homophobie, Privatisierungsphantasien, Leitkultur-Debatten und 2008, mitten in der Finanzkrise, ein Buch mit dem Titel „Mehr Kapitalismus wagen – Wege zu einer gerechten Gesellschaft“.

Die Wirtschaft als Marktplatz? Au contraire, Herr Friedrich Merz!

Die Wirtschaft als Marktplatz, auf dem Angebot und Nachfrage sich gegenseitig austarieren. Staatliches Eingreifen braucht es kaum, denn die Wirtschaft als heilige, sich selbst erhaltende und regulierende Mutter Gottes könnte dadurch auf unkeusche Art befleckt werden. Au contraire, Herr Friedrich Merz! Diese Theorie übersieht die ungleichen Machtverhältnisse der Marktteilnehmer, weshalb staatliche Eingriffe dringend geboten sind, damit die Schere zwischen Arm und Reich ihre Schenkel nicht noch weiter spreizt.

Johanna Soll

Juristin, Jahrgang 1982, als Tochter einer Afroamerikanerin und eines weißen Deutschen in Hamburg aufgewachsen. Seit 2019 lebt die doppelte Staatsbürgerin in Boulder, Colorado, davor war sie in München als Rechtsanwältin tätig.

Juristin Johanna Soll

Eigentlich würde Ihre wirtschaftliche Ausrichtung viel besser zur FDP passen – schon mal über einen Parteiwechsel nachgedacht? Ich kann aber verstehen, dass es Sie nicht zu einer mickrigen Miniatur-Partei mit Fünf-Prozent-Hürde-Sorgen hinzieht, dass Sie nach Höherem streben, nach mehr Macht und Einfluss. Deshalb ist es in den Augen eins Friedrich Merz sinnvoll, den Vorsitz der großen Volkspartei zum Ziel zu haben und damit natürlich auch die Kanzlerkandidatur. Sie wollen als neuer Kapitän das Ruder des CDU-Boots erst an sich und dann herumreißen, um sodann hart Steuerbord einen rechten Kurs einzuschlagen.

Aber nur zu, lassen Sie sich von den 1001, womöglich politisch umnachteten Delegierten Mitte Januar zum Parteivorsitzenden wählen. Die Grünen wetzen derweil die klimaschonend hergestellten, fair gehandelten Messer. Bonne Chance, Herr Friedrich Merz!

Hochachtungsvoll, Johanna Soll

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