Gastbeitrag von Alexander Kriwoluzky

„Riskanter Preisrutsch“ – die kontroverse Strategie der Europäischen Zentralbank in der Wirtschaftskrise

Wenn es keine Inflation mehr gibt, wächst die Gefahr einer schweren Krise. Was lässt sich dagegen tun? Die Europäische Zentralbank orientiert sich im Krisenmodus an der „Fed“ aus den USA.

  • Das europäische Preisniveau sinkt wegen der aktuellen Wirtschaftskrise.
  • Experten warnen – es droht steigende Arbeitslosigkeit.
  • Die Europäische Zentralbank (EZB) reagiert nach Vorbild der US-Zentralbank.

Berlin/Frankfurt – In der vergangenen Woche hat die Europäische Zentralbank (EZB) die monatliche Inflationsrate für August bekannt gegeben. Im Vergleich zum August des Vorjahres sind die Preise im Euroraum um 0,2 Prozent gesunken. Zwar war in den letzten Jahren die Inflation meist sehr gering, aber im negativen Bereich war sie seit der Einführung des Euro bisher nur vier Mal. Auf den ersten Blick freuen sich vor allem die Verbraucherinnen und Verbraucher, wenn die Preise sinken. Den Crashpropheten, die nicht müde werden, vor einer Hyperinflation wie im Jahr 1923 zu warnen, nimmt es den Wind aus den Segeln. Eine gute Nachricht also – könnte man zumindest meinen.

Zentrale:Frankfurt am Main
Gründer:Europäische Gemeinschaften
Gründung:1. Juni 1998
Präsidenten:Christine Lagarde, Luis de Guindos, Philip R. Lane
Vorläufer: Oesterreichische Nationalbank
Tochterunternehmen:Regierungsrat der Europäischen Zentralbank

Wirtschaftskrise in Europa – geringes Preisniveau sorgt für gefährliche Schuldenspirale

Aber lassen wir uns nicht vorschnell täuschen: Diese Nachricht ist tatsächlich eher besorgniserregend. Fallende Preise haben einen fatalen Effekt, wie uns die Zeit der Großen Depression in den Jahren 1929 bis 1933 vor Augen geführt hat. Fallende Preise können nämlich eine Wirtschaftskrise, wie wir sie momentan erleben, drastisch verschärfen. Das war damals der Fall – mit bekanntem Ausgang – und könnte uns auch heute wieder auf die Füße fallen.

Grund sind die hohen Schulden, die in einer Wirtschaftskrise aufgenommen werden. Während steigende Preise den realen Wert der Schulden reduzieren – mit nominal steigendem Einkommen lassen sich nominal festgeschriebene Schulden leichter zurückzahlen –, haben fallende Preise den umgekehrten Effekt. Sie führen dazu, dass es für die Schuldner, ob es nun Regierungen, Unternehmen oder private Haushalte sind, schwieriger wird, die Schulden zu bedienen. Die Schulden gewinnen mit fallenden Preisen an Wert.

Fallende Preise sind nur auf den ersten Blick eine positive Nachricht für die Wirtschaft.

In der Großen Depression Anfang der 30er-Jahre hatte das zur Folge, dass massenweise Kredite nicht mehr bedient wurden, was wiederum zum Konkurs von Geschäftsbanken führte. Diese Konkurse und die ausgefallenen Kredite bremsten die Kreditvergabe der Banken und dadurch auch die Investitionstätigkeit der Firmen. Die Konsequenz waren eine steigende Arbeitslosigkeit, der weitere Rückgang der Nachfrage und damit wiederum ein Rückgang der Preise. Um dieser Deflationsspirale zu entkommen, bedurfte es damals drastischer Maßnahmen, wie zum Beispiel der Aufgabe des Goldstandards.

Der Autor

Alexander Kriwoluzky ist Leiter der Abteilung Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie an der Freien Universität Berlin.

US-Zentralbank reagiert mit gesenktem Inflationsziel auf aktuelle Wirtschaftskrise

Die US-amerikanische Zentralbank Federal Reserve (Fed) hat die aktuell drohende Gefahr einer Deflation erkannt und mit einer Veränderung ihrer geldpolitischen Strategie darauf reagiert. Das Inflationsziel muss künftig nur noch im Durchschnitt bei zwei Prozent liegen, kann also über einen längeren Zeitraum schwanken, ohne Reaktionen seitens der Zentralbank erforderlich zu machen. Sobald die Preissteigerungen ein Inflationsziel übersteigen, muss die Fed nun nicht mehr sofort die Geldpolitik anziehen, also die Zinsen erhöhen. Zumindest dann nicht, wenn die Preise in der Zeit davor nur schwach angestiegen oder sogar gefallen sind.

Diese Maßnahme und die damit verbundenen Freiheiten für die Zentralbank haben in der jetzigen Situation mehrere Vorteile. Sie führen dazu, dass die Marktteilnehmer erwarten, dass die Inflation künftig ansteigt, weil sie eher zugelassen wird. Da diese Erwartungen die Grundlage der Unternehmen für das Setzen der Preise und die Verhandlung über Löhne bilden, werden die Preise und Löhne steigen. Die dadurch verursachte Inflation erleichtert das Abzahlen der nominalen Schulden und verhindert eine Deflationsspirale.

Europäische Zentralbank prüft kontroverse Geldpolitik gegen Wirtschaftskrise

Diese neue Strategie, so wird vielfach laut, sollte sich auch Europa zum Vorbild nehmen. Tatsächlich überprüft die EZB derzeit, ob sie ihre geldpolitische Strategie ebenso ausrichten soll. Allerdings werden die von der Hyperinflation des Jahres 1923 traumatisierten Deutschen mit Recht auf die Gefahren dieser Strategie hinweisen. Sollten die Preissteigerungsraten längere Zeit über zwei Prozent liegen, könnten viele Haushalte und Firmen nicht mehr darauf vertrauen, dass die EZB auch wirklich zwei Prozent im Durchschnitt anstrebt und notfalls entschieden die Zügel anzieht. Stattdessen würden sie anfangen, noch höhere Inflationsraten zu erwarten – ein Problem, das in eine Inflationsspirale mündet und das die EZB dann nur noch schwer einfangen kann.

Ihre Glaubwürdigkeit wäre schnell verspielt, wenn die Notenbank nicht immer die Inflationsrate durchschnittlich bei zwei Prozent oder niedriger hält. Die EZB wandelt deswegen in den kommenden Jahren auf einem schmalen Grat — zwischen der Notwendigkeit, die Deflationsspirale zu vermeiden, auf der einen Seite und dem Aufkommen zu hoher Inflationserwartungen, die sich nicht mehr bei zwei Prozent verankern lassen, auf der anderen Seite. Der EZB unter Christine Lagarde steht also eine schwierige Entscheidung bevor. Im Frühling gab es bereits Lob für die Wirtschaftspolitik der EZB. Aktuell ist nur sicher, dass sie irgendwann auf die negative Inflation reagieren muss.

Von Alexander Kriwoluzky

Rubriklistenbild: © dpa/Arne Dedert

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