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Europa muss den Dschungel schützen

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Abgeholzte Flächen im Amazonas-Regenwald in Acre, Brasilien.
Abgeholzte Flächen im Amazonas-Regenwald in Acre, Brasilien. © Greg Armfield/dpa

Die EU darf die Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten nicht verwässern.

Jährlich verlieren wir weltweit 10,2 Millionen Hektar Wald – eine Fläche etwa so groß, wie der aktuelle deutsche Waldbestand. Gerade Tropenwälder müssen weichen, und das buchstäblich für unseren Rohstoffhunger: Rund 90 Prozent der Entwaldung in den Tropen ist auf die Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen zurückzuführen.

Flächen für Rohstoffe, die in enormen Mengen in die EU importiert werden: Die Union steht nach China auf dem zweiten Platz, wenn es um importierte Entwaldung geht. Deutschland führt innerhalb des Staatenverbunds das Ranking an. Insgesamt eine Katastrophe für die Tropenwälder, die Biodiversität und den Klimaschutz, denn die Umwandlung der Wälder in Agrarflächen trägt zur Emission von Treibhausgasen bei.

Allerhöchste Zeit also, regulatorisch einzugreifen. Am 17. November 2021 hat die EU-Kommission einen Verordnungsvorschlag präsentiert, der den Handel mit Entwaldung behafteten Rohstoffen und Produkten stoppen soll.

Gelten soll die Verordnung für Soja, Rindfleisch und Leder, Palmöl, Kaffee, Kakao und Holz sowie viele daraus hergestellte Produkte. Firmen, die diese Waren einführen oder damit handeln, müssen mittels Sorgfaltspflichterklärung und Rückverfolgbarkeit bis zur Produktionsfläche sicherstellen, dass sie damit nicht zu Waldverlusten oder Waldschädigung beigetragen haben. Ein Meilenstein! Eigentlich.

Der Verordnungsvorschlag klingt ambitioniert. Er zeigt aber einige Lücken auf und essentielle Punkte drohen zudem bereits in der ersten Verhandlungsrunde weiter abgeschwächt zu werden, insbesondere im EU- Ministerrat.

Die Verordnung bezieht sich nicht nur auf Entwaldung, sondern schließt auch Walddegradierung ein. Das ist für die Holzwirtschaft relevant, einen Sektor, der auch in der EU sehr aktiv ist. Da die Verordnung auch Waren berücksichtigt, die aus der EU exportiert werden, sorgt dieses Thema für viel Diskussion.

Viele EU-Staaten wollen Degradierung daher ganz aus der Verordnung streichen oder eine besonders schwache Definition nutzen, um die eigene Wirtschaft zu schonen. Dies aber würde auch einer Degradierung der Tropenwälder Tür und Tor öffnen und somit einer Entwaldung in Häppchen. Degradierter Wald ist viel anfälliger für die Folgen der Klimakrise – auch in Europa.

Die Verordnung lässt viele biodiversitätsreiche und stark gefährdete Ökosysteme außer Acht. Der Großteil der wichtigsten südamerikanischen Gras- und Savannenlandschaften wird mit der Walddefinition nicht abgedeckt – dabei leiden gerade diese Gebiete massiv unter der Ausweitung von Sojaflächen und Rinderweiden.

Wissenschaftliche Studien belegen den umgelagerten Nutzungsdruck auf diese Ökosysteme und somit die Notwendigkeit, sie in die Verordnung einzuschließen. Doch der Umweltrat möchte ihre Berücksichtigung auf die erste Revision in frühestens zwei Jahren verschieben. So wird wertvolle Zeit vergeudet, die für unzählige Arten das Aus bedeuten könnte.

Ein Akteur wird zudem nicht in die Pflicht genommen: der Finanzsektor, der über Kredite und Investitionen für Agrarkonzerne Raubbau oft ermöglicht. Viele Studien haben ergeben, dass in der EU ansässige Banken, darunter auch deutsche, in Milliardenhöhe Unternehmen finanzieren, die Entwaldung weiter antreiben. Die Argumentation der Kommission, die Verantwortung wäre mit der EU-Taxonomie für nachhaltige Investitionen abgedeckt, ist Augenwischerei. Die Einhaltung der Taxonomiekriterien ist freiwillig.

Die Liste der Lücken könnte an dieser Stelle noch umfassend erweitert werden, etwa um fehlende Rohstoffe und Produkte wie Naturkautschuk oder die fehlende Beachtung international anerkannter Menschenrechte. Gerade indigene und traditionelle Völker, die als Erste unter der Zerstörung zu leiden haben und die Wälder am stärksten schützen, benötigen besondere Aufmerksamkeit.

Im weiteren Verlauf wird sich zeigen, wie ernst die EU-Staaten den im November bei der Klimakonferenz versprochenen Entwaldungsstopp wirklich meinen. Die EU hat die einmalige Gelegenheit, Verantwortung für den eigenen Konsum zu übernehmen und mit einem starken, wasserdichten Gesetz die Tropenwälder weltweit zu schützen. Diese Gelegenheit nicht zu nutzen, wäre in Anbetracht der Klima- und Biodiversitätskrisen mehr als fahrlässig.

Im Juli entscheidet der Umweltausschuss im EU-Parlament darüber, wie die Verordnung noch angepasst werden soll, im September wird im Plenum abgestimmt. Beide Institutionen gehen dann mit der Kommission im Herbst 2022 in den Trialog.

Lioba Schwarzer und Nathalie Grychtol arbeiten bei der Tropenwaldstiftung OroVerde zu entwaldungsfreien Lieferketten.

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