Kinder in Kabul:  2020 werden laut einer Studie zusätzliche 150 Millionen Kinder in extreme Armut gedrängt.
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Kinder in Kabul: 2020 werden laut einer Studie zusätzliche 150 Millionen Kinder in extreme Armut gedrängt.

Gastbeitrag

Corona-Pandemie: Es trifft vor allem die Kinder

  • vonSusanna Krüger
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Die Folgen der Corona-Pandemie sind für viele Kinder weltweit dramatisch. Langfristige und systematische finanzielle Hilfen könnte ihre Zukunft retten. Der Gastbeitrag von Susanna Krüger („Save the Children“).

Die gute Nachricht: Kinder wachsen heute an vielen Orten der Welt besser beschützt auf als früher. Doch diese Fortschritte droht Covid-19 zunichtezumachen. Es ist der Weltgemeinschaft in den vergangenen 30 Jahren gelungen, die Zahl der Mädchen und Jungen, die pro Jahr vor ihrem fünften Geburtstag sterben, mehr als zu halbieren, von 12,5 auf 5,2 Millionen Kinder. Jetzt bringt das Coronavirus alles Erreichte ins Wanken. Das besorgt mich zutiefst. Zwar ist Covid-19 für die meisten Kinder nicht direkt lebensgefährdend. Aber die Folgen sind dramatisch.

Corona trifft die Jüngsten in unvorstellbaren Größenordnungen

Eine Studie von Unicef und Save the Children zeigt, dass 2020 zusätzliche 150 Millionen Kinder in extreme Armut gedrängt werden. Prognosen warnen gar, dass innerhalb von nur sechs Monaten bis zu 1,2 Millionen Kinder in Niedrig- und Mitteleinkommensländern sterben könnten. Weil durch die Pandemie die Nahrungs- und Gesundheitsversorgung kollabiert. Das sind unvorstellbare Größenordnungen. Doch dahinter steht immer ein Kind, mit seinem Recht auf ein unversehrtes Leben. Besonders verheerend ist die Lage in Regionen, die durch Gewalt und Bürgerkrieg vorher schon instabil waren. So sind in der Sahelzone 50 Millionen Menschen akut gefährdet. Auch hier gilt: Es trifft vor allem die Kinder.

Um die Zukunft von Kindern weltweit zu retten, braucht es Geld. Viel Geld. Erst recht in der Pandemie. Seit langem fordern wir, dass Deutschland endlich das einhält, was vor 50 Jahren, im Oktober 1970, versprochen wurde: 0,7 Prozent der Wirtschaftskraft in die weltweite Armutsbekämpfung zu investieren. Laut OECD sind es mittlerweile 410 Milliarden Euro, die Deutschland durch das Unterschreiten des 0,7-Prozent-Ziels nicht bezahlt hat. Wir sollten halten, was wir versprechen – um der Kinder willen.

Corna-Krise heißt auch: Lokaler denken

Aber in der Entwicklungszusammenarbeit geht es nicht nur um die bloßen Summen, es geht auch um das Wie. Regierungen und NGOs wie Save the Children müssen noch stärker reflektieren, was mit den Mitteln geschieht und wie sie noch langfristiger wirken können. Wir müssen den Mut haben, unsere Arbeit immer wieder neu zu überdenken und aus Praxiserfahrungen schneller zu lernen. Dafür ist die Partizipation der Kinder und Jugendlichen ein entscheidender Baustein. Wir können nicht über ihre Köpfe hinweg helfen. Wir müssen zuhören, was für die Mädchen und Jungen in ihren Ländern am wichtigsten ist.

Ebenso wichtig ist es, lokaler zu denken. Wir brauchen bei der Steuerung der Finanzierungsströme weniger Mittlerorganisationen im globalen Norden, sondern mehr lokale Organisationen – die auch von ihren jeweiligen Regierungen Rechenschaft einfordern. Zudem muss die internationale Entwicklungszusammenarbeit stärker erkennen, welche administrativen Strukturen es vor Ort bereits gibt, zum Beispiel in Afghanistan. Diese Strukturen mögen uns Europäern fremd sein, sind aber eine unverzichtbare Basis für nachhaltige Veränderungen. Von außen unsere Systeme „überzustülpen“, hat nie geklappt. Und es wird nie klappen.

Nothilfe in der aktuellen Corona-Krise

Um das Geld effizient einzusetzen, ist es wichtig, die Ärmsten zu priorisieren, und die, die am weitesten am Rand stehen. Das tut Save the Children in der Corona-Krise in 87 Ländern weltweit, indem wir helfen, Gesundheitsdienste aufrechtzuerhalten und Lernangebote schaffen, um den Schulausfall zu kompensieren. So haben wir in Sierra Leone gemeinsam mit der Regierung ein „Radio Teaching Program“ aufgesetzt. Mehr als 40 Lehrkräfte unterrichten von morgens bis abends über das Radio. So können wir 2,6 Millionen Kinder erreichen, Kinder, die in ländlichen Regionen keinen Zugriff auf Internet oder Fernsehen haben.

So ein Projekt ist eine wichtige Nothilfe in der aktuellen Krise. Aber wir brauchen mehr als das. Wir brauchen jetzt erst recht eine langfristige, systemische Unterstützung. Damit die Länder mit geringem Einkommen ihre Kinder schützen und fördern können, müssen die Schuldendienstzahlungen, die Bedienung der Kredite, jetzt ausgesetzt werden. Denn diese Zahlungen nehmen in den nationalen Haushalten vieler afrikanischer Staaten mehr Raum ein als Investitionen in Bildung, Gesundheit oder soziale Sicherheit.

Wie die Industrienationen ihre gesamte Kraft darauf richten, die Herausforderungen der Corona-Krise zu meistern und möglichst gestärkt daraus hervorzugehen, müssen auch die Entwicklungs- und Schwellenländer dies tun können. Dabei können und dabei müssen wir helfen. Denn das Wohl von Millionen Kindern steht auf dem Spiel. Was könnte wichtiger und drängender sein? (Susanna Krüger ist seit 2016 Vorstandsvorsitzende von Save the Children Deutschland)

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