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Erwachsenenbildung für die ganze Welt

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Von: Ernst Dieter Rossmann

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Schon seit über 50 Jahren engagiert sich das Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV International) für Lebenslanges Lernen in aller Welt – in über 30 Ländern in Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa.
Schon seit über 50 Jahren engagiert sich das Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV International) für Lebenslanges Lernen in aller Welt – in über 30 Ländern in Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa. © Arne Dedert/dpa

Volkshochschulen stehen für weltoffenen Humanismus. Selbst in Afghanistan halten sie Strukturen für Frauen aufrecht.

In der Weihnachtsausgabe 2021 einer großen deutschen Tageszeitung war über die Volkshochschulen zu lesen, dass sie die „deutscheste aller Institutionen“ seien: „zuverlässig, belächelt, vor allem aber unterschätzt“ Die Zuverlässigkeit nimmt der größte Verband der Erwachsenenbildung in Deutschland gerne auf seine Habenseite. Das Belächeln dürfte mehr über die freundlich Urteilenden aussagen als über die Lebendigkeit der VHS. Was das „Deutsche“ betrifft, wird deren Internationalität allerdings fast sträflich unterschätzt.

Tatsächlich sind die Volkshochschulen sehr vielfältig aufgestellt und werden weiter an Internationalität zunehmen. Nirgendwo werden mehr Sprachen gelehrt als an den Volkshochschulen. Mit der Durchführung von fast 45 Prozent aller Kursangebote im Gesamtprogramm Sprache des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) leisten sie seit Jahren den tragenden Beitrag bei der Vermittlung deutscher Sprachkenntnisse für die Menschen, die aus aller Welt in unser Land kommen. Das galt 2015/2016 für die über eine Million Schutzsuchende aus Syrien, Afghanistan und dem Irak genauso wie es aktuell es für die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine gilt. Die anstehende Einführung des Chancenaufenthaltsrechts wird weiteren Zehntausenden Menschen die Sprachförderung an den VHS ermöglichen.

Wenn der Bundestag jetzt die Mittel für Integrationskurse für 2023 um 153 Millionen Euro erhöht hat, ist das deutlich mehr als nichts. Aber es wird nicht ausreichen, um die benötigten Kursangebote bereitzustellen wie auch die Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte und die Umsetzung durch Bildungsträger angemessen abzusichern. Hier ist ein neues Nachdenken beim Bund wie bei den Ländern notwendig. Und das bitte rechtzeitig! Abwarten hilft nicht!

Zuwendung zu Europa und zur Welt und Offenheit im Inneren werden von den deutschen Volkshochschulen gleichzeitig in einer Weise gelebt, wie es für eine Organisation der Weiterbildung in Deutschland und Europa einmalig ist. Die vielfältigen Angebote interkultureller Begegnung in allen Programmbereichen stehen für einen weltoffenen Humanismus, der zum Identitätskern der Volkshochschulen gehört. Im europäischen Spitzenverband für Erwachsenenbildung EAEA setzen sich die Volkshochschulen für einen Bildungsraum Europa 2025 ein, den EU-Kommissions-Präsidentin von der Leyen bei ihrer Wahl im Jahr 2019 zum gemeinsamen Ziel erklärt hat.

Schon seit über 50 Jahren engagiert sich das Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV International) für Lebenslanges Lernen in aller Welt, aktuell mit mehr als 200 zivilgesellschaftlichen, staatlichen und wissenschaftlichen Partnern in über 30 Ländern in Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa. Etliche der rund 850 VHS in Deutschland sind direkt an Partnerschaftsprojekten beteiligt. Mit dem „Rita-Süssmuth-Preis“ für die Internationale Volkshochschule werden Innovationen ausgezeichnet.

Konkrete Schwerpunkte der Arbeit liegen in der Alphabetisierung und Grundbildung. DVV International war hier an vorderster Stelle in Afghanistan aktiv und hält Strukturen aufrecht, wo immer dieses möglich ist. Über 70 000 Menschen konnten so im vergangenen Jahr trotz der widrigen Rahmenbedingungen wieder als Lernende erreicht werden, darunter viele Mädchen und Frauen. Auch an anderen Konfliktpunkten wie in der Ukraine und in Mali gibt es unter schwierigsten Bedingungen Bildungsangebote und Strukturberatung.

Berufliche Bildung, Umweltbildung und Gesundheitspflege gehören in der internationalen Erwachsenenbildung genauso dazu wie Konfliktprävention und politische Bildung. Und dies immer auf die Bedürfnisse und Bedarfe in den jeweiligen Ländern abgestimmt. Finanziert wird diese Zusammenarbeit aus den zuständigen Ministerien des Bundes, der Europäischen Union sowie weiterer Förderer. Sie ist konzeptionell eingebettet in die UN-Ziele für die nachhaltige Entwicklung, in die globale Bildungsagenda 2030 und in die Unesco-Weltkonferenzen zur Erwachsenenbildung.

Erwachsenenbildung muss zentraler Teil der auswärtigen Bildungs- und Kulturpolitik in Verbindung mit den klassischen Instrumenten der ökonomischen und der soziokulturellen Entwicklungsarbeit sein. Sie hat das Potenzial, den bürgerschaftlichen Diskurs über die drängenden Themen in der Mitte der jeweiligen Gesellschaften zu führen. Globales Denken für lokales Handeln und lokales Denken für globales Handeln gehören in der „Zeitenwende“ zwingend zusammen. So muss auch die internationale Bildungsarbeit gestaltet werden.

Ernst Dieter Rossmann

ist Sozialdemokrat

und war bis 2021 Bundestagsabgeordneter.

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