Gastbeitrag

Ernährung: Das Schweinesystem muss ein Ende haben

  • vonBernd Riexinger
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Die Produktion von Fleisch stinkt zum Himmel. Wir brauchen faireLöhne und bessere Bedingungen für die Beschäftigten. Aber genügt das?

Nackensteak, frischer Spargel und Erdbeerkuchen gehören für viele hierzulande zur kulinarischen Tradition im Frühsommer. Doch brutale Arbeitsbedingungen, verschimmelte, gesundheitsgefährdende Sammelunterkünfte und mickrige Löhne der überwiegend aus Osteuropa stammenden Schweinezerleger, Spargelstecherinnen und Erdbeerpflücker empören mittlerweile eine Mehrheit der Bevölkerung.

Immer mehr Menschen hinterfragen ihr Konsumverhalten. Besonders beim Thema Fleisch prallen die Lebensrealitäten in einer sozial tief gespaltenen Gesellschaft aufeinander.

Wenn Fleisch-Mogule wie Tönnies mit kriminellen Geschäftsmodellen die Gefahr einer zweiten Corona-Welle nach oben schnellen lassen, sieht sich auch die Bundesregierung zum Handeln gezwungen. Doch das von ihr beschlossene Aussetzen der Werkverträge ab dem nächsten (!) Jahr reicht angesichts des Ausmaßes an systematischer Gesundheitsgefährdung und Ausbeutung nicht aus.

In den Schlachthöfen werden unbefristete Arbeitsverträge mit höheren Löhnen sowie flächendeckende Tarifverträge benötigt, und zwar sofort. Die Wanderarbeitskräfte brauchen reguläre Wohnungen und sichere Aufenthaltsrechte, damit sie nicht von den Unternehmen erpressbar sind.

Klar ist auch, Tönnies ist letztendlich nur ein Symptom für ein System, das völlig falsche Anreize setzt. Die Veränderungen in der Landwirtschaft müssen sehr viel weiter gehen als die – wenn auch sehr wichtige – Debatte um Arbeitsrechte. Tierwohl, Klima- und Umweltschutz sowie Arbeitsrechte müssen bei der Produktion von Fleisch gleichermaßen verbessert werden.

Das regelt sich nicht einfach nur über den Preis. Eine Preiserhöhung erhöht die Gewinne der Unternehmen, eine Tierwohlabgabe macht Fleischprodukte zu einem Privileg für einige wenige. Beides ist keine befriedigende Antwort. Bewusster Konsum alleine kann die strukturellen Probleme nicht lösen, sondern schafft vor allem hochpreisige Marktsegmente. Faire Arbeitsbedingungen, gesunde Ernährung und Klimaschutz dürfen aber kein Privileg sein. Klimagerechtigkeit und eine Perspektive für die Beschäftigten auf ein besseres Leben gehören untrennbar zusammen.

Die sich anbahnende tiefe Krise sollten wir zum Anlass nehmen, die Weichen für neue Wirtschafts- und Lebensweisen zu stellen. Das Geschäftsmodell in der Fleisch- und Nahrungsmittelindustrie stinkt insgesamt zum Himmel: klimaschädliche Produktion und tierquälerische Massentierhaltung, ein Preiskampf marktbestimmender Konzerne auf Kosten kleinerer Landwirte, Herumdoktern an Symptomen reicht nicht.

Wer Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion vom Kopf auf die Füße stellen will, muss auf der einen Seite die Macht der großen Supermarktkonzerne brechen. Der Reichtum der Aldi-Familien und des Lidl-Gründers Schwarz ist auch durch die schlechten Bedingungen in riesigen Schlachthöfen erwirtschaftet. Die Supermarktkonzerne erzeugen mittels ihrer Marktmacht bei den Produzenten von der Landwirtschaft bis zur Verarbeitung einen enormen Preisdruck.

Um dem etwas entgegenzusetzen, braucht es flächendeckende Tarifverträge und verbindliche soziale wie ökologische Produktionsstandards. Die Politik muss unter Mitwirkung von Gewerkschaften, Umweltverbänden und Verbraucherschützern diese sozialen und ökologischen Standards schaffen.

Auf der anderen Seite müssen statt der großen Betriebe genossenschaftliche, lokale Strukturen in der Landwirtschaft gestärkt werden. In diesen Netzwerken ließe sich zum Beispiel auch Überproduktion vermeiden. Die Teilhabe von Produzierenden und Konsumierenden hätte, neben den staatlichen Vorgaben, einen positiven Einfluss auf Arbeitsbedingungen und die Auswirkungen von Schlachthöfen oder Lebensmittelfabriken auf die Umwelt.

Diese Transformation lässt sich über die Landwirtschaft hinaus denken. Sie bräuchte ein Investitionsprogramm für sinnvolle und gut bezahlte Arbeit für alle. Ein solcher Green New Deal müsste systematisch auch Genossenschaften und regionale Wirtschaftskreisläufe stärken. So könnten Hunderttausende klimafreundliche Arbeitsplätze in kurzer Vollzeit um die 30 Stunden herum geschaffen werden – mit Löhnen, die für ein gutes Leben reichen.

Gesunde und fair produzierte Lebensmittel, Zeit fürs Kochen und kulinarischer Genuss dürfen kein Privileg der Besserverdienenden sein. Es ist an der Zeit, in unserer gespaltenen Gesellschaft neue Brücken für ein soziales wie ökologisches Wohlstandsmodell zu bauen.

Bernd Riexinger ist Vorsitzender der Linkspartei sowie Gewerkschafter und Hobbykoch.

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