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Energiewende jetzt!

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In der PCK-Raffinerie GmbH wird überschüssiges Gas in der Rohölverarbeitungsanlage verbrannt.
In der PCK-Raffinerie GmbH wird überschüssiges Gas in der Rohölverarbeitungsanlage verbrannt. © Patrick Pleul/dpa

Der Krieg in der Ukraine muss der letzte sein, der mit Geld aus Öl- und Gaslieferungen bezahlt wird. Der Gastbeitrag von Dennis McGinn.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine dauert bereits über 100 Tage an und hat auf schmerzhafte Weise offengelegt, welche Gefahr die Abhängigkeit von russischen Öl- und Gasimporten darstellt. Russland schien keinen nennenswerten Widerstand seitens der Europäischen Union zu befürchten, solange es Gas- und Öllieferungen kontrolliert. Doch die Antwort der europäischen Staaten – nunmehr sechs Sanktionspakete, darunter Embargos auf Kohle und zuletzt Öl – vermittelt trotz einiger Zugeständnisse eine klare Botschaft über die Zukunft der Energiesicherheit: Wir können es uns nicht länger leisten, wegen fossiler Energieeinkäufe an Staaten wie Russland gekettet zu sein.

Vor allem Deutschland ist durch seine Abhängigkeit von russischem Gas weiter Preismanipulationen ausgeliefert. Die Kontrolle über die Energieversorgung in den Händen eines instabilen Regimes zu wissen, stellt ein nationales Sicherheitsrisiko dar. Wir erleben dies auch in den USA. Der russische Einfluss auf die globalen Öl- und Gaslieferungen belastet unsere Energiemärkte und treibt die Preise in die Höhe. Und dies obwohl die Regierung sämtliche Öl-, Gas- und Kohleimporte aus Russland innerhalb von zwei Wochen stoppte.

Neuen Zahlen des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) zufolge hat Deutschland allein in den ersten hundert Tagen seit Kriegsbeginn über zwölf Milliarden Euro in die russische Kriegskasse eingezahlt. Die mit diesen gewaltigen Beträgen verbundenen Sicherheitsrisiken sind nicht länger hinnehmbar. Das Land muss alle verfügbaren Mittel einsetzen, um die Abhängigkeit von Russland schnellstmöglich zu beenden und eine nachhaltige, saubere und sichere Energieversorgung zu garantieren.

Von Washington aus beobachten wir den wachsenden europäischen Konsens über eine klimaverträgliche Energieversorgung mit einem gewissen Neid. Während der US-Kongress in einer Pattsituation verharrt, beweist Europa mit dem EU-Programm neue Ambition beim Ausbau erneuerbarer Energien. Warum es einen unbegründeten, blutigen Angriffskrieg dafür gebraucht hat und nicht etwa die alleinige Motivation, bei der nächsten Weltklimakonferenz COP27 in Ägypten wieder Führungsstärke zu beweisen, ist eine Frage, die sich Entscheidungsträger gefallen lassen müssen.

Es haben sich neue Fronten gebildet, entlang derer die Bündnispartner des Globalen Nordens den Weg zum Frieden durch Dekarbonisierung und die Diversifizierung der Energieversorgung suchen. Der Krieg in der Ukraine macht es noch sinnvoller, dass wir uns mit Nachdruck für eine unabhängige, zuverlässige, krisenfeste und bezahlbare Energieversorgung einsetzen.

Dieser Krieg muss der letzte sein, der mit blutigem Geld aus Öl- und Gaslieferungen bezahlt wird. Dies muss das letzte Mal sein, dass Grenzen überschritten und Menschen getötet werden, weil wir süchtig nach fossilen Brennstoffen sind. Dieser muss der letzte fossile Krieg sein.

Eine Energiewende umfasst einen breiten Energiemix, Innovationen bei der Energiespeicherung und – ganz entscheidend – lokal erzeugte erneuerbare Energie. Dies wird unweigerlich die Gier der letzten fossilen Diktatoren rund um den Globus schwächen und die von ihnen ausgehende Gefahr verringern. Je diversifizierter die Energieversorgung, umso unwahrscheinlicher werden Kriege.

Kurzfristig kann Europa Öl und Gas aus den USA und anderen Ländern beziehen, um unmittelbare Versorgungsengpässe zu überbrücken. Langfristig sind andere Lösungen erforderlich. Mit dem Bau neuer Gasterminals in europäischen und amerikanischen Häfen hängen wir uns nur noch länger an den Tropf kriegslüsterner Regime. Wir dürfen die Abhängigkeit von Russland nicht durch die Abhängigkeit von anderen Autokraten und noch teureren fossilen Brennstoffen ersetzen.

Mittelfristig müssen die USA und die EU die Energiewende umsetzen, um die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten zu verringern und die geopolitische Bedeutung Russlands zu schwächen. Deutschland hat bereits angekündigt, bis 2024 aus russischen Gasimporten aussteigen zu wollen, und sich auf 100 Prozent erneuerbaren Strom bis 2035 festgelegt – ein vielversprechender erster Schritt. Doch die USA und Europa sollten auch anderen Teilen der Welt helfen, auf fossile Brennstoffe zu verzichten, und somit Demokratie und Menschenrechte fördern.

Langfristig gibt es keine Alternative: Nur echte Energiesicherheit sorgt für einen lebenswerten Planeten, stärkere Volkswirtschaften, mehr Nahrungsmittelsicherheit und ein größeres Potenzial für Industrie und Menschen. Wenn wir klimafreundliche Energietechnologien intelligent entwickeln und gerecht verteilen, sorgt dies vielleicht auch irgendwann für Frieden zwischen den Nationen.

Dennis McGinn ist Admiral und ehemaliger Stellvertretender Sekretär der US-Marine für Energie, Anlagen und Umwelt. Er war über 30 Jahre bei der Navy und engagiert sich jetzt für internationale Sicherheit und Energiepolitik.

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