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Coronavirus - Schulunterricht zu Hause
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Monatelang lehnten die Jobcenter eine Übernahme der Kosten digitaler Endgeräte für Kinder von Hartz-IV-Bezieherinnen und -Beziehern, die sich im Homeschooling befanden, ab – etwa mit der Begründung, dass es sich dabei nicht um einen laufenden, sondern einen pandemiebedingten Mehrbedarf handle.

Gastbeitrag

Eine gespaltene Generation

  • VonChristoph Butterwegge
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Corona hat viele Familien und deren Kinder noch weiter zurückgeworfen. Ihnen muss geholfen werden. Der Gastbeitrag.

Kontaktbeschränkungen, das Homeoffice vieler Eltern sowie vorübergehende Kita- und Schulschließungen während der Covid-19-Pandemie haben das Familienleben und damit die Kindheit von vielen tiefgreifend verändert. Der wiederholte Lockdown warf die meisten Familien infolge anfangs fehlender Regelungen zu Verdienstausfällen und zum Homeoffice mit gleichzeitig zu leistender Kinderbetreuung und Homeschooling, strengen Kontaktverboten, geschlossenen Spiel- und Bolzplätzen, Freizeittreffs sowie einem weitgehenden Stillstand des öffentlichen Lebens auf sich selbst und ihre eigenen vier Wände zurück.

Die Chancen von Kindern auf eine erfolgreiche Bildung waren schon vor der Covid-19-Pandemie in Abhängigkeit von der sozioökonomischen Lage ihrer Familien höchst ungleich verteilt. Nun wurden Kinder und Jugendliche ohne einen WLAN-Anschluss im Elternhaus und eigene digitale Endgeräte abgehängt, Kinder mit guter technischer Ausstattung und stabiler Internetverbindung zogen sich häufiger in eine virtuelle Welt zurück.

Monatelang lehnten die Jobcenter eine Übernahme der Kosten digitaler Endgeräte für Kinder von Hartz-IV-Bezieherinnen und -Beziehern, die sich im Homeschooling befanden, etwa mit der Begründung ab, dass es sich dabei nicht um einen laufenden, sondern einen pandemiebedingten Mehrbedarf handle. Nur aufgrund mehrerer Urteile der Sozialgerichte wurden Laptops oder Tablets mit Zubehör wie einem Drucker als nicht vom Regelsatz gedeckter Sonderbedarf anerkannt.

Erst im Februar 2021 wies die Bundesagentur für Arbeit ihre Jobcenter an, den Anspruch auf Übernahme der Kosten für digitale Endgeräte anzuerkennen. Wenn diese für das Homeschooling benötigt, aber nicht von den Schulen bereitgestellt wurden, betrug der Zuschuss bis zu 350 Euro. Abgesehen davon, dass dieser Betrag für Geräte von guter Qualität kaum ausreichte, löste er auch ein weiteres Problem sozial benachteiligter Familien nicht: Oft fehlt armen Kindern ein eigenes Zimmer und damit ein ruhiger Arbeitsplatz zum konzentrierten Lernen. Deshalb schuf das Distanzlernen noch mehr Lerndistanz ausgerechnet bei jenen Kindern, die man in der (Medien-)Öffentlichkeit ohnehin als „bildungsfern“ abqualifiziert.

Zum Autor

Christoph Butterwegge hat bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt. Heute erscheint das von ihm und seiner Frau Carolin Butterwegge geschriebene Buch „Kinder der Ungleichheit“ bei Campus.

Die monatelangen Schulschließungen während der Pandemie haben Kinder und Jugendliche noch stärker auf ihre Lebens- und Wohnbedingungen zurückgeworfen, deren Ungleichheit auf die Bildungschancen durchschlugen: Schließlich hielten sich die Schülerinnen und Schüler mehr im eigenen Zimmer oder im Wohnzimmer der Familie als im Klassenraum auf.

Insbesondere sozial benachteiligten Familien fehlten die für eine Unterstützung bei den Hausaufgaben benötigten Ressourcen, als da sind: genügend Freizeit, um sich eingehend mit den Kindern befassen zu können; ausreichend finanzielle Mittel, um erforderliche Nachhilfestunden bezahlen zu können; gute schulische Kenntnisse und pädagogisch-didaktische Kompetenzen.

Spätestens während des zweiten, mehrfach verlängerten und verschärften Lockdowns zeigte sich, dass Laptops und funktionierende Server im Homeschooling die Lehrer beim vor der Pandemie vielleicht kaum geschätzten Präsenzunterricht im Klassenzimmer ebenso wenig ersetzen können wie Videokonferenzen oder Chats den persönlichen Kontakt zwischen Jugendlichen. Erziehung und Bildung im emphatischen Sinn brauchen die Begegnung, den Austausch sowie die Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden.

Hätten die deutschen Schulen ähnlich viel Lehrpersonal wie diejenigen in den skandinavischen Ländern, wo „Teamteaching“ kein Fremdwort ist, weil das gemeinsame Unterrichten einer Klasse durch mindestens zwei Lehrkräfte zum Berufsalltag gehört, und würden hier genauso viele Schulsozialarbeiter und Schulpsychologinnen wie dort beschäftigt, wären nicht bloß geringere Probleme beim Übergang zum Wechselunterricht aufgetreten, sondern auch erheblich weniger Kinder aus sozial benachteiligten Familien durch Fernunterricht gestresst worden oder ganz auf der Strecke geblieben.

Die oft als „Generation Corona“ bezeichnete Jugend ist tief gespalten, ebenso wie unsere Gesellschaft. Nur wenn es gelingt, die manchen Familien, Kindern und Jugendlichen von der Pandemiekrise geschlagenen Wunden zu heilen und mehr Gleichheit zu schaffen, kann das Land hoffen, seine enorme Wirtschaftskraft und das Wohlstandsniveau der Bevölkerung auf Dauer zu sichern.

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