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Eine Atempause für die Unternehmen

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Von: Ulrich Walwei

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Der Schriftzug „Wir schliessen“ steht am Schaufenster eines Geschäftes.
Der Schriftzug „Wir schliessen“ steht am Schaufenster eines Geschäftes. © Martin Gerten/dpa

Die staatlichen Hilfsangebote wegen Corona sind richtig. Trotzdem wird die Zahl der Insolvenzen steigen. Der Gastbeitrag.

Im Zuge des zweiten Lockdowns verzeichnen erneut viele Betriebe massive Nachfragerückgänge. Besonders stark betroffen sind die Bereiche Groß- und Außenhandel mit einem guten Drittel der Betriebe der Branche sowie die Wirtschaftsbereiche Verkehr und Lagerei und Gastgewerbe mit jeweils knapp zwei Drittel der jeweiligen Betriebe. Nur ein Drittel der Betriebe gibt in einer Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) an, grundsätzlich über ausreichende finanzielle Mittel zu verfügen. Und doch kann derzeit niemand seriös sagen, wie viele Unternehmen tatsächlich pleitegehen und wie viele Arbeitsplätze es treffen wird.

Was man jetzt schon sagen kann: Nicht alle Unternehmen, die „wegen Corona“ in die Insolvenz gehen, werden im engeren Sinne Opfer des Lockdowns sein. Häufig wird dahinter gar nicht so sehr der unmittelbar durch den Lockdown ausgelöste Umsatzausfall stecken, sondern vor allem die nach der Pandemie nicht wiederkehrenden Einnahmen. Verantwortlich hierfür ist der durch Corona massiv beschleunigte Strukturwandel. Durch die fortschreitende Digitalisierung wachsen aufseiten der Kunden die Optionen, und es kann zu Verhaltensänderungen kommen.

Während die unmittelbaren Folgen eines Lockdowns durch Kurzarbeitergeld und weitere staatliche Stützungsmaßnahmen zu einem erheblichen Teil abgefedert werden können, entwickelt sich gleichzeitig eine Dynamik, die nicht aufzuhalten sein wird. Am deutlichsten ist das beim Einzelhandel sichtbar: Digitale Geschäftsmodelle wie die der großen Online-Händler boomen. Viele Menschen, die vorher eher einen Bogen um diese Händler gemacht haben, stellen jetzt fest, wie bequem das Ganze mit dem Online-Versandhandel ist – und werden auch nach dem Lockdown häufiger im Online-Handel einkaufen als zuvor.

zur Person

Ulrich Walwei ist Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Viele Bereiche des stationären Einzelhandels in den Innenstädten werden damit unter verschärftem Druck stehen, wenn die Geschäfte wieder öffnen können. Nicht wenige Händler haben schon im ersten Lockdown oder bereits vorher begonnen, ihr traditionelles Geschäftsmodell durch einen Online-Versandhandel zu ergänzen. Aber bezüglich der Auswahl beim Angebot oder der Effizienz und Geschwindigkeit bei der Abwicklung des Kaufprozesses mit den großen Online-Händlern mitzuhalten ist nicht leicht, und der Preisdruck kommt noch hinzu. Gute, fachkundige Beratung und spannende Einkaufserlebnisse können ein Trumpf des stationären Einzelhandels sein – allerdings ist nicht jeder Kunde dazu bereit, dafür angemessen zu bezahlen. Diese Probleme sind nicht neu, sie wurden durch die Covid-19-Pandemie jedoch massiv verschärft, und sie werden nach Corona für viele Händler deutlich größer sein als zuvor.

Die Veranstaltungsbranche, insbesondere die Fachmessen, aber auch die Reisebranche, wird ebenfalls nach Corona mit wesentlich größeren Herausforderungen konfrontiert sein als zuvor. Viele Unternehmen haben festgestellt, dass manche Dienstreise durch eine Online-Teilnahme an einer Veranstaltung entfallen kann, dass eine Videokonferenz oft ähnlich gut funktioniert wie eine Besprechung vor Ort mit Hunderten Kilometern Reiseweg. Wenn Geschäftsreisen reduziert werden, wirkt sich das natürlich auch auf das Hotel- und Gastgewerbe aus. Hier gilt wiederum: Die unmittelbar mit einem Lockdown verbundenen Umsatzausfälle kann der Staat zumindest teilweise kompensieren, die Verhaltensänderungen werden aber ihre Spuren dauerhaft hinterlassen.

Weil der Gesundheitsschutz an erster Stelle stehen muss, waren die Einschränkungen unausweichlich. Deshalb waren und sind im Lockdown die staatlichen Stützungsmaßnahmen, beispielsweise die großzügiger ausgestalteten Kurzarbeitergeldregelungen oder die weiteren finanziellen Hilfsangebote für die von der Krise massiv betroffenen Unternehmen, im Grundsatz völlig richtig. Bei Details der Ausgestaltung und Umsetzung kann man natürlich immer unterschiedlicher Meinung sein.

Keinesfalls sollte man diese Ausgaben als verschwendete Mittel betrachten, weil einzelne Unternehmen vielleicht doch noch irgendwann insolvent werden. Die staatlichen Gelder haben auch den vom beschleunigten Strukturwandel betroffenen Unternehmen eine Atempause verschafft und geben ihnen die Chance, ihre Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln oder sogar umzustellen. Viele Unternehmen werden sich in Zeiten des Wandels neu erfinden müssen. Wenn dies gelingt, wird die Pleitewelle deutlich kleiner ausfallen als vielfach befürchtet, und so könnten auch Arbeitsplätze dauerhaft gesichert werden.

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