Gastbeitrag

Ein neues europäisches Bauhaus

Die Zahl Singlehaushalten ist in den vergangenen 30 Jahren bundesweit um fast 50 Prozent gestiegen.

Eine neue Wohnbewegung setzt auf Sicherheit und Nachbarschaft und weniger auf Eigentum. Der Gastbeitrag.

Die Immobilienpreise und Mieten für Wohnungen in den großen Städten steigen auch in der Corona-Krise weiter. Eine Ursache ist die Zunahme von Singlehaushalten. Ihre Zahl ist in den vergangenen 30 Jahren bundesweit um fast 50 Prozent gestiegen. In Städten wie Frankfurt oder Berlin wohnt fast die Hälfte der Menschen in einem Einpersonenhaushalt. Zunehmen wird auch die Zahl der Älteren.

Werden die größeren Städte zu Orten von Singles, Seniorinnen und Senioren? Die Nachfrage nach kleineren Wohneinheiten und gemeinschaftlichem Wohnen wird in Zukunft steigen, auch weil sich die Menschen nach Corona nach mehr Gemeinschaft und Schutz sehnen. Gefragt sind innovative Antworten und neues Denken.

Mehr Singles und Senioren führen zu neuen sozialen Herausforderungen: Die Einsamkeit nimmt vor allem unter den Jüngeren und den Älteren zu. Betroffen sind vor allem die um die 30-Jährigen und die über 80-Jährigen. Wohnen wird zur doppelten sozialen Frage: Neben bezahlbaren Mieten geht es um attraktive Quartiere und Nachbarschaft.

Eine Antwort auf den Trend der Singlehaushalte ist verdichtetes und vernetztes Wohnen. „Tiny-Living“ begann in den 90er Jahren in den USA. Es geht um kleine, flexible Wohneinheiten mit großer Lebensqualität. Die Generationen Y und Z, aber auch die Babyboomer wollen anders wohnen und leben.

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Ihnen geht es um mehr Gemeinschaft, Sharingangebote, Möglichkeiten etwas zu teilen. Aus Büros wird Co-Working, aus Autobesitz Co-Mobility, aus Gärtnern Co-Gardening und aus Küchen und Wohnzimmern Co-Living. Das neue urbane Bauen reagiert auf ein neues Bedürfnis der Stadtbewohner: Teilen statt Eigentum. Ihre neuen Organisationsformen sind die alten: Genossenschaften und (Bau-)Gemeinschaften.

zur Person

Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspolitik. Sein neues Buch heißt: „Zukunftsintelligenz. Der Corona-Effekt auf unser Leben“.

Damit setzt sich die Idee der Circular City durch: Menschen und Dinge zu verbinden, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören. Es geht um sozialen Austausch und um die Weiter- und Wiederverwendung von Dingen. Aus Bewohnerinnen und Bewohnern werden Nachbarn.

Gemein ist den neuen Projekten, dass es ihnen nicht in erster Linie um „gutes Wohnen“, sondern um den Aufbau guter Nachbarschaften geht. Bisherige Wohnkonzepte sind introvertiert und nach innen gerichtet und wollen die äußere Welt in der privaten Wohnung abbilden: „Meine Garage, mein Auto, meine Familie, mein Garten.“ Die neuen Konzepte sind eine Antwort auf das Bedürfnis nach Nachbar- und Gemeinschaft und den Trend, die Welt zu erobern, indem man die eigenen vier Wände verlässt.

Das neue gemeinwohlorientierte Wohnen richtet sich nicht nur an Menschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen wie der traditionelle soziale Wohnungsbau, sondern an alle sozialen Milieus und Lebensstile. Der Erfolg der neuen Projekte und Quartiere liegt im „Cluster- und Co-Living“: alleine wohnen innerhalb einer Gemeinschaft. Es ist erst die Vielfalt an Wohn- und Lebensformen, die eine Großstadt lebenswert und attraktiv macht.

Co-Living wird zum neuen Wohnmodell, nicht nur für Studierende und junge Leute. Populärer werden auch Wohngemeinschaften für Berufstätige und Ältere sowie Mehrgenerationenhäuser. Alters-WGs verbinden das Bedürfnis der Älteren, möglichst lange in den eigenen vier Wänden und nicht in einem Heim zu leben, mit der Notwendigkeit, sie gut und effizient zu betreuen. Unterstützt werden die WGs durch technologische Fortschritte im Bereich des Ambient Assisted Living (AAL) und des Smart Home. Langfristig lösen Alters-WGs die Altenheime ab.

Vor 100 Jahren stellte sich die Bauhaus-Bewegung der Frage, wie Gebäude designt sein sollten, damit sie einen sozialen Dienst an der Gesellschaft leisteten. Heute geht es um Lösungen, welche die urbane Infrastruktur miteinbeziehen. Auf 15 bis 20 Quadratmetern im Stadtraum zu wohnen, funktioniert nur, wenn es gut ausgestattete Bibliotheken, Räume der Begegnung und Angebote zum Teilen gibt.

Den Trend hat auch die EU-Kommission entdeckt. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat jüngst ein „neues europäisches Bauhaus“ vorgeschlagen. Europaweit sollen zunächst fünf Projekte entstehen, die dem Ziel der Nachhaltigkeit verpflichtet sind. Es geht um die Zukunftsthemen naturnahe Baustoffe und Energieeffizienz, Kunst und Kultur, Demografie, neue Mobilitätsformen und ressourcenschonende digitale Innovationen.

„Die Menschen, nicht die Häuser machen die Stadt“ sagte Perikles, als er vor mehr als 2000 Jahren die Akropolis in Athen neu bauen ließ. Nach Corona gilt das mehr denn je.

von Daniel Dettling

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