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Die Menschen, die zu uns kommen, sind kein Problem

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Deutschland als modernes Einwanderungsland? „Schneller, besser und mehr einbürgern“, wie es sich die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung wünscht? Nicht, wenn CDU/CSU es verhindern können.
Deutschland als modernes Einwanderungsland? „Schneller, besser und mehr einbürgern“, wie es sich die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung wünscht? Nicht, wenn CDU/CSU es verhindern können. © Thomas Trutschel/Imago

Die doppelte Staatsbürgerschaft ist ein Grund für Beschäftigte, in Deutschland zu bleiben. Der Gastbeitrag.

Stellen Sie sich ein Deutschland vor, in dem innerhalb von zehn kurzen Jahren 15 Millionen Menschen in unser Land einwandern. Menschen aus allen Teilen der Welt. Menschen mit völlig unterschiedlichen Bräuchen, Sitten, Vorlieben. In Millionen Küchen riecht es anders, als es viele gewohnt sind. Auf der Straße und beim Bäcker: Die Gesichter der Menschen sind unterschiedlich: Fahl-weiß, rosig, alle Schattierungen von Braun. Wie radikal würde sich Deutschland von dem Land unterscheiden, in dem wir heute leben?

Es würde sich überhaupt nicht unterscheiden. Ich spreche nicht über die Zukunft, sondern über die Vergangenheit: In den zehn Jahren von Anfang 2012 bis Ende 2021 sind rund 15 Millionen Menschen nach Deutschland gekommen. Haben Sie gewusst, dass es so viele sind? Ist unser Land für Sie jetzt weniger schön und weniger lebenswert als es vor fünf Minuten war?

Die Menschen, die zu uns kommen, sind kein Problem. Ein Problem sind die Menschen, die gehen. Im gleichen Zeitraum haben 10,3 Millionen Menschen Deutschland verlassen. Wenn zwei von drei Menschen, die mit Hoffnung nach Deutschland kamen, frustriert wieder fortgehen, ist das ein katastrophales Ergebnis.

Unternehmen sollten das Ziel haben, Menschen dauerhaft zu binden

Jedes Unternehmen weiß, es ist billiger einen Beschäftigten zu halten, als eine neue einzustellen. Es ist leichter, eine Kundin oder einen Kunden glücklich zu machen, als einen neuen Kunden zu überzeugen. Eine Firma, die so schnell guten Willen verbrennt, wie wir es tun, wäre bald bankrott. Unser wichtigstes Ziel muss sein, dass ein möglichst großer Prozentsatz der Menschen, die unser Land „ausprobieren“, sich dauerhaft für uns entscheidet.

Seit elf Jahren unterstütze ich internationale Fachkräfte bei der Jobsuche in Deutschland. Jedes Jahr schreiben mir Tausende Menschen, die sich für eine Karriere bei uns interessieren oder Deutschland kennen und enttäuscht zu neuen Ufern aufbrechen. Was mir auffällt: Es gehen gerade die besten Leute. Jene, die auch andere Optionen haben.

Zwei Dinge können wir tun, um Menschen an uns zu binden. Als 2009 in kurzer Zeit Hunderttausende Menschen aus Spanien, Griechenland und Italien nach Deutschland kamen, erhofften sich viele eine spürbare Entlastung des Fachkräftemangels. Untersuchungen zeigten jedoch: Die meisten unserer europäischen Mitbürgerinnen und Mitbürger verließen Deutschland schon nach drei Monaten wieder. Ein Grund dafür ist, dass nur etwa ein Prozent aller deutschen Firmen Stellen auf Englisch ausschreibt. Und die Hälfte aller englischsprachigen Stellenangebote in Deutschland stammt von nur 350 Arbeitgebern.

Internationale Fachkräfte haben zwei Möglichkeiten

Als internationale Fachkraft haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie bewerben sich bei einem rein deutschsprachigen Unternehmen und werden wegen „fehlender Sprachkenntnisse“ abgelehnt – oder Sie bewerben sich bei den wenigen englischsprachigen Firmen und stehen im Wettbewerb mit Tausenden anderen.

Wer Beschäftigte auf Englisch einstellt und sie Deutsch „on the job“ lehrt, kann sich die Bewerberinnen und Bewerber aussuchen. Zalando in Berlin erhält 100 000 Bewerbungen pro Jahr. Trivago in Düsseldorf jeden Monat 40 000. Als ich noch als Headhunter für die Unternehmen tätig war, bekamen selbst kleinere Firmen bis zu 100 Bewerbungen auf offene Stellen. „Fachkräftemangel“ ist kein englisches Wort. Internationale Fachkräfte kommen für ihre Karriere nach Deutschland. Bieten wir ihnen keine Arbeitsplätze, in denen sie sofort anfangen können, gehen sie.

Zweitens kommen Menschen für Jobs, aber sie bleiben, wenn sie hier glücklich sind. Es hat einen Grund, dass Einwanderungsländer Neuankömmlinge rasch zu Staatsbürger:innen machen – und dabei die mehrfache Staatsbürgerschaft erlauben.

Deutschland kommt bei Gastfreundschaft auf den drittletzten Platz

In einer weltweiten Untersuchung fragt die Expats-Organisation Internations jedes Jahr: „Wie willkommen fühlst Du Dich in Deinem Gastland?“. Deutschland schneidet dabei ab wie bei der Eurovision: 52 Teilnehmer, Deutschland auf dem drittletzten Platz.

Unser Staat verlangt, dass Einwanderinnen und Einwanderer alles, was sie geprägt hat, verleugnen und ihren alten Pass aufgeben, bevor sie Deutsche werden „dürfen“. Das ist das Gegenteil von Wertschätzung. Es offenbart übrigens auch ein bedenkliches Demokratieverständnis.

Denn Deutschland ist weder Partei noch Sekte. Wir sind eine Demokratie: Unterschiedliche Menschen übernehmen Verantwortung füreinander. Darum ist es richtig, dass die Bundesregierung die mehrfache Staatsbürgerschaft ermöglicht. Das wäre der Anfang einer neuen Kultur der Wertschätzung.

Chris Pyak ist Coach für internationale Fachkräfte. Er schrieb das Buch „How To Win Jobs & Influence Germans“.

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