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Keine Wahl in Deutschland wurde bisher so massiv von Desinformations-Kampagnen im Internet beeinflusst wie diese Bundestagswahl.
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Keine Wahl in Deutschland wurde bisher so massiv von Desinformations-Kampagnen im Internet beeinflusst wie diese Bundestagswahl.

Gastbeitrag

Die Wurzeln der Desinformation

  • VonAlexandra Geese
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Mit dem „Digital Services Act“ können wir in der EU gegen Hetze und Täuschungen im Internet vorgehen.

Keine Wahl in Deutschland wurde bisher so massiv von Desinformations-Kampagnen im Internet beeinflusst wie diese Bundestagswahl. Das belegt auch eine neue Studie der zivilgesellschaftlichen Organisation Avaaz: Gezielte Kampagnen haben die breite Mehrheit erreicht.

Obendrein ist eine massive russische Einflussnahme nachweisbar. „RT DE“ überholte etablierte deutsche Medien wie Tagesschau, „Der Spiegel“ oder „Bild“ deutlich bei den Interaktionen auf Facebook – obwohl der russische Staatssender, der schon mit Desinformation über Covid-19 für Aufsehen sorgte, viel weniger Follower hat.

Wie kann das sein? Wie gefährlich ist das für unsere Demokratie und was können wir dagegen tun? Grundsätzlich sind Falschmeldungen kein neues Phänomen. Aber sie können inzwischen ernsthaft Wahlen beschädigen, weil Internetgiganten wie Google und Facebook uns unbemerkt ausforschen, indem sie mit jedem Klick persönliche Daten abgreifen.

Die so erstellten Datenprofile werden im Sekundentakt bei Auktionen Werbetreibenden und Datenhändlern angeboten – jedes Mal, wenn wir eine Website laden. Alles, was wir suchen, lesen oder liken fließt unbemerkt in ein Profil von uns ein und ermöglicht sehr genaue Vorhersagen über unsere Gefühlslage, unseren Charakter und unsere politische Einstellung. Sind gläserne, rund um die Uhr gezielt ansteuerbare Menschen mit Demokratie vereinbar?

Selbst Auskünfte über unsere Schwächen und Ängste werden verkauft und können für Schmutzkampagnen schamlos ausgenutzt werden: Haltlose Behauptungen oder Anschuldigungen erhalten zuerst Personengruppen, die aufgrund ihrer Profilmerkmale empfänglich dafür sind. Diese wiederum verbreiten die Inhalte in ihrem Freundes- und Followerkreis. Dadurch sind die Inhalte nicht mehr als bezahlte Werbung erkennbar und werden unreflektierter geteilt.

Zur Autorin

Alexandra Geese ist Grünen-Europaabgeordnete und als Schattenberichterstatterin für den „Digital Services Act“ zuständig.

Wir müssen deshalb über die Kehrseite des zurzeit dominanten Werbemodells reden. Denn Werbung ist kein Nischenthema, sondern das Geschäftsmodell des Internets. Große Plattformen wie Google und Facebook verdienen ihr Geld damit, sie sind durch personalisierte Werbung zu den größten und mächtigsten Konzernen der Welt geworden – und sie haben ein handfestes wirtschaftliches Interesse daran, Milliarden von umfangreichen Profilen über uns zu nutzen, um uns lange auf ihren Seiten zu halten, damit sie uns noch mehr Anzeigen zeigen können. Das funktioniert am besten mit polarisierenden Botschaften.

Je länger die Verweildauer der Nutzer:innen, desto höher die Werbeeinnahmen. Studien belegen, dass sich Falschnachrichten um ein Vielfaches schneller verbreiten als sachliche Informationen. Seit den Enthüllungen einer Facebook-Whistleblowerin über die Macht der Algorithmen auf den Plattformen wissen wir auch warum: Ein internes Punktesystem beeinflusst die Sichtbarkeit von Posts. Negative Posting-Reaktionen werden fünf Mal höher bewertet als positive.

Auch Posts mit langen Kommentaren bekommen mehr Punkte. Sie stammen aber erfahrungsgemäß oft von Leuten, die dagegen sind. Das führt in der Summe dazu, dass Posts, die polarisierende Botschaften enthalten, von den Plattformen deutlich stärker verbreitet werden.

Gegen diese Wucht ist auch das grundsätzlich wichtige Fact-Checking machtlos. Was bleibt, ist eine tiefe Verunsicherung der Nutzer:innen aufgrund der Unmöglichkeit, bei einer Vielzahl der Postings zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Das schadet unserer Demokratie.

Die gute Nachricht: Wir sind diesem Geschäft auf Kosten unserer Persönlichkeitsrechte und des Zusammenhalts in der Gesellschaft nicht hilflos ausgeliefert, sondern können in Europa den Nährboden für Wählertäuschungen, Hetzkampagnen und Zwietracht entziehen.

Wenn wir mit dem „Digital Services Act“ die Werbebranche neu regeln, eröffnen wir Chancen für die europäische Wirtschaft. Heute kontrollieren Facebook und Google mehr als 70 Prozent des Online-Werbemarktes in Deutschland. In den USA laufen zwölf Verfahren gegen sie wegen Kartellbildung zur Festsetzung von möglichst hohen Anzeigepreisen.

Dieser Werbebetrug schadet gerade kleinen und mittelständischen Unternehmen, die dem Duopol wehrlos ausgeliefert sind. Gute Alternativen zum derzeit dominanten Tracking gibt es allemal: Kontextwerbung hat unsere Medien, denen seit Jahren die Werbeeinnahmen wegbrechen, jahrzehntelang auskömmlich finanziert. Auch sie würden finanziell profitieren und fundierter Journalismus ist das beste Gegengift, um den Weg zurück zur Wahrheit einzuschlagen.

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