die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Natur dürfen dabei nicht systematisch ausgeklammert werden.
+
Die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Natur dürfen nicht systematisch ausgeklammert werden.

Gastbeitrag

Die Pandemie kommt nicht von außen

Die Corona-Krise lässt sich nicht mit Konjunkturpaketen lösen. Es braucht umfassendere Konzepte wie den New Green Deal. Der Gastbeitrag.

Haben die ökonomischen Folgen der Corona-Krise etwas mit ihrer Ursache zu tun? Wenn ja, dann müssen die Wirtschafts- und Ausgabenprogramme zur Krisenbekämpfung auf die Beseitigung der Ursachen hinwirken. Im deutschen Sprachgebrauch ist die Rede von „Konjunkturprogrammen“ im angelsächsischen sind es die Begriffe „Recovery Program“ oder noch nichtssagender „Stimuli Program“ .

Hinter diesen Begriffen steht die Vorstellung, es gehe um die Bekämpfung eines „externen Konjunkturschocks“ für dessen Überwindung massive staatliche Ausgabenprogramme notwendig sind, um möglichst eine V-förmige Wiederbelebung der Wirtschaft zu erreichen: Der „extern“ verursachte Wirtschaftsabschwung wird mit möglichst steilem Anstieg zurück zum „alten Wachstumspfad“ geführt.

Die Corona-Krise wäre demnach kein Anlass, um über den „alten Wachstumspfad“ als Ausdruck nicht nachhaltiger Produktions- und Lebensweisen nachzudenken. Das ist in doppelter Hinsicht problematisch: Zum einen ignoriert die Erklärung durch einen „externen“ Schock von vornherein Fragen nach endogenen Krisenursachen und nach der Wechselwirkung zwischen multiplen sozialen und ökologischen Krisen des globalen Kapitalismus.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Zwang zur Kapitalverwertung und sozialer Ungleichheit, dem Klimawandel, dem Raubbau an natürlichen Ressourcen, der Vernichtung von Artenvielfalt und der Verbreitung von Zoonosen (das Überspringen von Krankheitserregern von Tieren auf den Menschen) durch Zerstörung von Habitaten? Zum anderen verführt die Vorstellung eines „Konjunktur“-programms zu einer kurzfristigen und rein quantitativen Eindämmungsstrategie. Die Frage, inwieweit wirklich nachhaltige „Recovery“-Programme mit sozial-ökologischer Ausrichtung helfen, multiple Krisen zu entschärfen, wird erst gar nicht ernsthaft diskutiert.

Von welcher Krise sprechen wir also, wenn wir über die Pandemie diskutieren? Sie ist definitionsgemäß global. Kann sie dann in Bezug auf das „globale Wirtschaftssystem“ von „außen“ kommen? Eher nicht. Dann hätte „das Wirtschaftssystem“ mit den Ursachen und der Ausbreitung der Pandemie nichts zu tun. Vergleichbar einem globalen Naturereignis, das nicht vorhersehbar und durch anthropogene Einwirkung beeinflussbar ist, wie etwa der Einschlag eines Meteoriten.

Die Systemabgrenzung in Bezug auf externe oder endogene Variablen macht für abstrakte Wirtschaftsmodelle Sinn. Aber die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Natur dürfen dabei nicht systematisch ausgeklammert werden.

Die Ursachen der Corona- Pandemie sind noch nicht abschließend geklärt. Aber eines ist sicher: Sie implizieren in jedem Fall einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhang. Das zeigt sich am deutlichsten, wenn die Ausbreitungsgeschwindigkeit und –wege berücksichtigt werden, wie aus einem zunächst lokalen Infektionsereignis in der chinesischen Provinz Wuhan eine globale Pandemie werden konnte.

Die Hyper-Globalisierung der Produktionsketten, der Verkehrssysteme, der Kommunikationswege, der Reise- und Touristikformen, sind immanente (endogene) Wirkkräfte eines expansiven Weltwirtschaftssystems, das die universelle und extrem schnelle Ausbreitung der Pandemie erst möglich gemacht hat.

Wenn Nachhaltigkeit kurz und prägnant definiert wird als nicht auf Kosten von Um-, Mit- und Nachwelt zu leben, dann bedeutet dies auch, dass eine Systemabgrenzung – hier ein exogener Schock durch eine globale Pandemie und dort das vom Schock betroffene Wirtschaftssystem – in der Theorie und in der Realität keinen Sinn macht.

Unter dem Eindruck der Pandemie hat die Umweltschutzorganisation WWF den Begriff „One Health“ geprägt. Menschliche Gesundheit ist eng verbunden mit einer gesunden Umwelt und einer gesunden Tierwelt. Das heißt: Die anthropogen verursachte Vernichtung der Artenvielfalt kann in der Form einer Pandemie auf das Wohlergehen und die Gesundheit der Weltgesellschaft zurückschlagen. Drohen bei unveränderten Trends Pandemien häufiger und der Klimawandel katastrophaler zu werden, dann muss ein Richtungswechsel erfolgen.

Die Corona-Pandemie sollte als ein Weckruf verstanden werden, die Naturvergessenheit insbesondere ökonomischer Theorien zu revidieren und nicht nachhaltige Wirtschafts-, Produktions- und Lebensweisen auf den Prüfstand zu stellen. Ein New Green Deal, wie ihn die EU im Ansatz plant ist kein „nice to have“, sondern ein Imperativ für mehr Nachhaltigkeit. „Konjunkturprogramme“ mit Maßnahmen auf Kosten von Um-, Mit- und Nachwelt sind ein „no go“.

Peter Hennicke ist Mitglied im Club of Rome und war Präsident des Wuppertal Instituts.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare