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Die Geduld der Gläubigen mit den Machenschaften ihrer „geistlichen Herren“ geht ganz offensichtlich zu Ende.
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Die Geduld der Gläubigen mit den Machenschaften ihrer „geistlichen Herren“ geht ganz offensichtlich zu Ende.

Gastbeitrag

Die Mauern bröckeln

Missbrauch, Macht und Zölibat: Die katholische Kirche hat sich in ihren Männerbastionen verschanzt. Aber es gibt Hoffnung auf ein gutes Ende. Der Gastbeitrag des Theologen Ludger Verst.

Katholisch sein heißt heute Verlierer sein. Hohn und Spott jedenfalls, wenn klar wird, dass ich „für diesen Laden“ auch noch arbeite: in einem „Verein zur Förderung von Kindesmissbrauch“, wie mir zuletzt jemand bescheinigte. Liegt so jemand damit wirklich so falsch …?

Wut und Entsetzen, Aggression und Ratlosigkeit liegen in der Luft. Alles gleichzeitig. Die Atmosphäre atmet Gift. Katholisches Gift.

Was schon lange währt und partout nicht enden will, tritt als moralische Pest immer ruchloser zutage: die sexualisierte Gewalt an Kindern, wie gerade jetzt durch jahrzehntelang getarnte Missbrauchspriester in Diensten des Erzbistums Köln. Sie sind Teil einer schier ins Unendliche ausgreifenden Krise kirchlicher Glaubwürdigkeit.

Wieder hat die Kirche Täter geschützt und Taten vertuscht. Durch Tricksereien im Umgang mit unliebsamen Gutachten läuft sie nun Gefahr, die Opfer ein weiteres Mal zu missbrauchen. Seit Wochen schon steht der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki unter Druck: Er soll wegen gegen ihn erhobener Vertuschungsvorwürfe zurücktreten.

Die Geduld der Gläubigen mit den Machenschaften ihrer „geistlichen Herren“ geht ganz offensichtlich zu Ende. Das spüre ich in diesen Tagen. Es sind die Katholikinnen und Katholiken selbst, die kein Verständnis mehr haben für eine Männerkirche, die sexualisierte Gewalt nicht nur ermöglicht, sondern auch ungestraft verdrängt angesichts einer Sexualmoral, die menschliche Bedürfnisse auf extrem wenige lebbare Varianten beschränkt oder eben ganz verbietet.

Die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche sind Gewaltszenarien mit System. Im Grunde hausgemacht. Pflichtzölibat und Pädophilie mögen keine logischen Geschwister sein, aber sie grüßen aus der Ferne als notleidende Verwandte.

Die gemeinsame Not entspringt einer mehr oder weniger pathologisierenden Vita vieler Täter. Priester sollen ein Leben lang ohne Sex sich Gott im Dienst am Nächsten weihen. Die Verpflichtung zu sexueller Enthaltsamkeit selektiert nicht nur die ohnehin spärliche Kandidatenschaft fürs Priesteramt; sie nötigt die Verbliebenen zur Verdrängung und Abspaltung elementarer Triebe und Gefühle.

Mutter Kirche aber bietet solcherart Geprägten mit ihrem klaren Bild vom Auserwähltsein zum Weiheamt ein über alle Eventualitäten hinaus verlässliches und bruchloses Selbstbild an. Selbst als subjektiv schuldig Gewordener vermag der kirchliche Täter sich schnell konzeptionell zu objektivieren: „Ich bin Priester auf ewig.“ Das verinnerlichte Priesterbild bietet keine Zeit und erst recht keinen Anlass für Ambivalenzen: „Ich bin okay, auch wenn ich missbrauche.“

Die Gründe für den fundamentalen Glaubwürdigkeitsverlust der katholischen Kirche liegen nicht allein am Umgang mit sexualisierter Gewalt. Die Liste der Gründe ist lang. Es sind nicht Managementfehler, die gemacht wurden. Und auch Gott ist nicht tot. Es sind das Verständnis und die Handhabung eigener Macht und Gewalt. Hier liegt das Kernproblem einer Kirche, die wirkt, als hätte sie vergessen, dass sie auf die Botschaft einer ganz und gar gewalt- und machtlosen Gründungs- und Identifikationsfigur zurückgeht.

An die Stelle des Jesus von Nazareth rückte von Beginn an die Bastion einer Männermacht, die sich in allem Pragmatismus beim Gang durch die Zeit als freiheitsresistent erwies; die als Antwort auf die Freiheitsforderungen der philosophischen Aufklärung schließlich die Schutzmauern eines bigotten Klerikalismus errichtete, in deren Innerem der Klerus nun selbst zu ersticken droht: programmatisch, moralisch und kommunikativ ein Desaster.

Der Umgang mit der Machtfrage entpuppt sich als eine einzige naiv getarnte, große Scheinheiligkeit. Die in den Gewändern klerikaler Sprachspiele verborgene Arroganz der Macht offenbart sich in einem Verständnis von Gesetz und Gehorsam, das selbst vor der Kernbotschaft von Weihnachten nicht haltmacht: dass nämlich Gott Mensch werden will in der Gestalt eines wehrlosen Kindes wie dem von Bethlehem. Diese humanisierende Botschaft wird entwertet, wenn Missbrauchende sie in den Mund nehmen; sie wird entwertet, wenn Missbrauch systematisch vertuscht wird.

Die jahrhundertelange Spiritualisierung von Macht hat dazu geführt, sich gegenüber Kritik wie gegenüber der Forderung nach Begrenzung, Kontrolle und Rechenschaftspflicht nachhaltig zu immunisieren. Dies hat bleibende Schäden verursacht. Die Wirksamkeit solcher Immunisierung aber ist nun vorbei.

Es bedarf keiner mutigen Prophezeiung mehr: Diese Machtgestalt von Kirche wird in absehbarer Zeit an ihr Ende kommen. Auch eine Art Advent: „Wenn das Haus durchsichtig wird, gehören die Sterne mit zum Fest“ (Hugo von Hofmannsthal).

Ludger Verst ist katholischer Theologe und Journalist.

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