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Wie dringend die Natur unserer Hilfe bedarf, schildert der Ornithologe Peter Berthold in seinem Buch „Auerhuhn.
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Wie dringend die Natur unserer Hilfe bedarf, schildert der Ornithologe Peter Berthold in seinem Buch „Auerhuhn.

Analyse

Die Hühnermörder

  • Stephan Börnecke
    VonStephan Börnecke
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Die EU-Staaten müssen mehr tun, um Klima und Arten zu schützen. Die Analyse.

Das Ziel ist ehrgeizig und mitten in der alles beherrschenden Diskussion um den Klimawandel als Hilfeschrei zu verstehen: Bis zum Jahr 2030 sollen weltweit mindestens 30 Prozent der für die Artenvielfalt bedeutsamen Landflächen und Meere geschützt werden.

Das wollen die knapp 200 Vertragsstaaten der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) bei ihrer 15. UN-Biodiversitätskonferenz (Cop 15) beschließen, die Mitte Oktober im chinesischen Kunming beginnt. Ein Ziel, das von einigen Milliardären wie dem Schweizer Hansjörg Wyss und seiner Campaign for Nature oder Amazon-Chef Jeff Bezos mit zehnstelligen Dollar-Beträgen gestützt wird.

Ursprünglich für den Herbst 2020 angesetzt und wegen der Corona-Pandemie verschoben, soll ein Abkommen den dramatischen Verlust von Arten bremsen oder sogar stoppen. 2050, so die kühne Hoffnung der Leiterin des Sekretariats der UN-Konvention CBD, Elizabeth Maruma Mrema, soll die Welt wieder im Einklang mit der Natur leben können.

Bereits vor zehn Jahren machte das Stockholmer Resilience Centre klar: Artenschwund und Klimawandel bedrohen die Menschheit gleichermaßen. Nur funktionierende Ökosysteme, gleich ob Regen- und andere Wälder, Ozeane, Flüsse oder Seen garantieren sauberes Wasser und frische Luft sowie die nötige Bestäubung von Nutzpflanzen.

Gleichzeitig sichern sie, dass Kohlenstoff gespeichert wird. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES und der Weltklimarat IPCC haben diese Erkenntnis im Sommer bekräftigt: Klima und Naturräume der Erde beeinflussen sich gegenseitig, „wir können sie deshalb nicht isoliert voneinander betrachten“, sagt Professor Hans-Otto Pörtner, Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut.

Aber kommt dies in der Politik an? EU-Präsidentin Ursula von der Leyen legte, nachdem die Union mit ihren Biodiversitätszielen bisher scheiterte, zwar den viel beachteten Green Deal vor: 50 Prozent weniger Pestizide bis 2030, mehr Ökolandbau, Reduzierung der Stickstoffverluste beim Düngen. Statt diese Ziele in die Reform der EU-Agrarpolitik zu integrieren, beschloss die EU ein „Weiter-so“. Neue euphemistische Begriffe wie der Eco-Schemes vernebeln, dass die Subventionspolitik der Union auf den Artenschwund auch in den nächsten sieben Jahren zu wenig Rücksicht nimmt.

Wie dringend die Natur unserer Hilfe bedarf, schildert der Ornithologe Peter Berthold in seinem Buch „Auerhuhn. Ein Urvogel verschwindet“. Deutschland wurde, so der frühere Chef der Vogelwarte Radolfzell, zu einem Land der „Hühnermörder“.

Die Hühnervögel spiegeln das Ausmaß des Artenschwunds: Das Rebhuhn, Bewohner der Felder, sackte mit seiner Population seit 1980 um 94 Prozent ab. Ein Absturz, geschuldet einer Landwirtschaft, die dem Huhn Deckung und Insekten-Nahrung raubt. Das Birkhuhn, einst zu Hause in heute trockengelegten Mooren, fand zwar Refugien auf Truppenübungsplätzen oder im Gebirge. Doch angesichts einer gerade in Corona-Zeiten weiter zunehmenden, permanenten Störung durch Wanderer oder Mountainbiker wird es bald verschwunden sein.

Das Auerhuhn ist ebenfalls Opfer solch Freizeitverhaltens – sowie einer allein auf Holzeinschlag erpichten Forstwirtschaft. Die hierzulande fast ausgestorbenen Tiere sind zudem Opfer von Landwirtschaft und Verkehr. Denn Emissionen aus Stall und Auspuff überdüngen die Wälder. Die Folge: Balzplätze überwuchern und Küken verheddern sich in einer undurchdringlichen Krautschicht.

Was tut Berlin? Das im Sommer abgesegnete Insektenschutzpaket wird das Desaster nicht beenden. Das Programm mutierte nach Ansicht der Nabu zum „Papiertiger“. Die Pestizid-Reduktion findet auf gerademal 0,5 Prozent der Landwirtschaftsfläche statt.

Was also ist vom Schock geblieben, den die Krefelder Entomologen 2016 auslösten, als sie den dramatischen Insektenschwund belegten? Änderten initiierte Volksbegehren etwas? Wie das in Bayern? Rettet die Bienen, hieß es, doch die Umsetzung des Volkswillens sei „sehr ernüchternd, in einzelnen Punkten sogar erschreckend schlecht“, beobachtet der Bund Naturschutz. Zumal Bayern an der zentralen Ursache des Artensterbens, der Agrarpolitik, nichts ändert.

Derweil droht neues Ungemach: So muss sich die Weltnaturschutzorganisation IUCN mit der Frage befassen, ob gentechnische Methoden wie die „Gene-Drives-Technologie“ in der Wildnis eingesetzt werden. Etwa um Schädlinge oder invasive Arten zu zügeln, oder, um Arten an den Klimawandel anzupassen.

78 europäische Umwelt-, Agrar-, Tierschutz- und Entwicklungsorganisationen riefen die EU-Kommission auf, die Freisetzung solcher Organismen zu ächten. Die Gentechnik könne Tierpopulationen ausrotten. Die EU solle sich bei der Biodiversitätskonferenz in China für ein globales Moratorium starkmachen.

Ähnlich sieht das Georg Schwede, Europachef der Campaign for Nature: „Wir sollten uns darauf konzentrieren, die Ursachen des Artensterbens zu bekämpfen“, statt „Zeit und Geld für Gene-Drive-Technologien aufzuwenden, die mit neuen Risiken verbunden und deren Erfolgsaussichten mehr als fraglich sind“.

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