Katastrophe im Hafen

Libanon: Explosion in Beirut - Das war kein Unfall

  • vonOmid Nouripour
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Die korrupte Elite in Beirut ist verantwortlich für die Katastrophe. Die Zivilgesellschaft braucht unsere Hilfe beim Aufbau des Libanon. Ein Gastbeitrag.

Beirut - Über eine Woche nach der schlimmsten Explosion, die Beirut je erschüttert hat, ist das Geschehene immer noch nicht zu begreifen - das Ausmaß der Zerstörung genauso wenig wie die hohe Zahl der Opfer: 220 Tote, 7000 Verletzte und rund 300 000 Wohnungslose. Stadtteile sind zerstört. Die belebten Gegenden Gemmayze und Mar Mikhael mit ihren Szenebars, Cafés, Boutiquen und Galerien liegen in Schutt und Asche.

Während es hier noch vor kurzem Musik, lautes Lachen und gutes Essen gab, überkommt einen nun nur noch ein dumpfes Gefühl. Die meisten Gebäude in der Gegend hat die Explosion schwer mitgenommen, überall hat sie die Fenster und Türen herausgerissen, ganze Wohnungen sind in sich zusammengefallen.

Beirut und die Explosion: In ärmeren Vierteln am Hafen sieht es noch schlimmer aus

In den ärmeren Vierteln am Hafen wie Karantina oder Dora sieht es noch schlimmer aus. Hier leben vor allem Marginalisierte wie Geflüchtete, queere Menschen, Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die es schon vor der Explosion nicht leicht hatten und in den vergangenen Monaten schwer unter der Last der Wirtschaftskrise leiden mussten.

Seit Jahren befindet sich das Land in einer schweren Wirtschaftskrise, die sich vor allem in den letzten Monaten zugespitzt und mit der globalen Pandemie ihren Höhepunkt erlebt hat. Der Libanon ist einer der höchst verschuldeten Staaten der Welt, im März verkündete Premier Hassan Diab den Staatsbankrott. Die libanesische Lira befindet sich im freien Fall und hat in den vergangenen Monaten etwa 85 Prozent ihres Wertes verloren. Zigtausende haben ihre Jobs verloren, die Hyperinflation brachte eine drohende Hungers- und Wohnungsnot mit sich.

Libanon, Beirut: Ein Mann sitzt vor den Trümmern seines Hauses, Tage nach der schweren Explosion im Hafen Beiruts.

Libanon: Das Land ist nicht von Pech verfolgt - Bevölkerung vermutet Anschlag

Das kleine Land am Mittelmeer ist nicht vom Pech verfolgt, vielmehr sind die dramatischen Entwicklungen der letzten Monate das Ergebnis von jahrelangem Missmanagement, Korruption und einer politischen Elite, bestehend aus Warlords des Bürgerkriegs, die lediglich die eigenen Interessen im Blick haben.

Kurz nach der Explosion wurde bekannt, dass im Hafen 2750 Tonnen Ammoniumnitrat ungesichert lagerten, angeblich ohne das Wissen der Verantwortlichen. Nach neuen Informationen der Nachrichtenagentur Reuters wussten Staatspräsident Michel Aoun, Premier Hassan Diab und weitere Regierungsmitglieder jedoch vom Ammoniumnitrat – sowie um das große Risiko einer Explosion. Erst im Juli wurden sie erneut in einem Brief von den Sicherheitsbehörden auf die Gefahr einer Explosion hingewiesen. So machten sie sich zu den Schuldigen dieses Unglücks. Die libanesische Bevölkerung wertet die Explosion auch nicht als einen Unfall, sondern als einen Anschlag der korrupten politischen Klasse auf die Bevölkerung.

Beirut: Libanesinnen und Libanesen demonstrieren gegen Regierung

Statt mit einem Nothilfeplan, Anteilnahme und Unterstützung reagierte die politische Führung wieder einmal mit Desinteresse auf das Unglück. Auf den ersten Schock folgte schnell die Wut, Tausende Libanesinnen und Libanesen trieb es erneut auf die Straße, wo sie gegen die Regierung demonstrierten. Und wieder reagierte die Politik lieber mit Tränengas, Gummigeschossen und brutaler Polizeigewalt als mit Empathie für die ausweglose Situation der eigenen Bevölkerung.

Noch immer ist der Grund der Explosion nicht bekannt und Versuche, mit einer internationalen Untersuchungskommission aufzuklären, was genau geschehen ist, wurden von Staatspräsident Michel Aoun als „Zeitverschwendung“ bezeichnet.

Libanon: Schnelle, unabhängige Aufklärung nötig - Explosion war kein Zufall

Was es jetzt braucht, ist eine schnelle Aufklärung der Geschehnisse mit einer unabhängigen, internationalen Untersuchungskommission. Die internationale Gemeinschaft hat schnell mit Soforthilfen reagiert. Darüber hinaus wurden auf einer internationalen Geberkonferenz Millionen von Euro an Hilfen versprochen. Wichtig ist nun, dass das Geld anstatt in die Taschen einzelner Politiker in die Hände der Zivilbevölkerung kommt und zum Wiederaufbau der Hauptstadt beiträgt.

Dafür gibt es in keinem Land der arabischen Welt so viele unabhängige NGOs wie im Libanon, dem Land der eigentlich blühenden Zivilgesellschaft. Und genau diese braucht jetzt unsere Hilfe. Die Explosion war kein Unfall, sondern der Tiefpunkt eines systematischen Versagens einer ignoranten und selbstsüchtigen Führungsriege. (von Ginan Osman und Omid Nouripour )

Ginan Osman studiert an der American University in Beirut und engagiert sich im Libanon. Sie war Vorsitzende der Grünen Jugend Hessen. Omid Nouripour ist Grünen-Bundestagsabgeordneter und außenpolitischer Sprecher der Fraktion.

Rubriklistenbild: © Marwan Naamani/dpa

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