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Die energiepolitische Heuchelei der EU

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Das 33. Gipfeltreffen der Afrikanischen Union (AU) fand Anfang Februar 2022 in Addis Abeba, der äthiopischen Hauptstadt, statt.
Das 33. Gipfeltreffen der Afrikanischen Union (AU) fand Anfang Februar 2022 in Addis Abeba, der äthiopischen Hauptstadt, statt. © Prime Minister Office/dpa

Brüssel sprach sich im Februar beim Gipfel der Afrikanischen Union (AU) gegen den Ausbau von fossilen Energien in Afrika aus. Dann brach der Krieg aus. Nun brauchen die Europäer Gas. Der Gastbeitrag.

Die auf dem G7-Gipfel verabschiedeten Klimabeschlüsse sind auf Kritik bei Umwelt- und Entwicklungsgruppen gestoßen. Auch wissenschaftliche Kreise sehen einen Rückschritt im Bemühen, das herrschende Wirtschaftssystem der Industrieländer radikal umzubauen, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Der Vorwurf wird vor allem besonders an der Begründung festgemacht, an fossilen Energien festzuhalten, um den Übergang zu erneuerbaren Energien zu garantieren.

Aus afrikanischer Perspektive hat der Beschluss noch einen anderen bitteren Beigeschmack. Vor dem EU-Afrika-Gipfel im Februar 2022 bat der senegalesische Staatschef und Präsident der Afrikanischen Union (AU), Macky Sall, auch im Namen seiner Amtskollegen die Europäische Union (EU) und ihre Mitglieder darum, die Staaten Afrikas darin zu unterstützen, ihre fossilen Energiequellen mit möglichst geringen Umweltbelastungen zu fördern.

Macky Sall begründete es mit der kontinentalen Energiearmut und notwendigen Rohstoffeinnahmen, um selbst Investitionen in eine Zukunft erneuerbarer Energien zu finanzieren, auf der Grundlage von Sonne, Wind und Wasser. Macky Sall berief sich dabei auf das Pariser Klimaabkommen, das Entwicklungsländern das Recht einräumt, länger als Industriestaaten fossile Rohstoffe zur Energieproduktion zu verwenden.

Die Antwort der EU auf den Vorschlag von Macky Sall war eindeutig: Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, und der amtierende EU-Ratsvorsitzende Emmanuel Macron ließen ihn in einem belehrenden Ton wissen, dass die Zeit von Investitionen in fossile Energien für die EU vorbei sei. Sie sei nur noch bereit in erneuerbare Energien zu investieren.

Diese Perspektive beherrschte den gesamten EU-AU-Gipfel, was Energie- und Klimapolitik angeht. Ein paar Wochen danach beschloss die EU, Atom und Gas für Investoren als nachhaltige Energien zu taxieren, und nun ein G7-Beschluss, der ganz unverblümt das tut, was Afrika verwehrt wird.

Aber Afrika darf künftig „grüne“ Energien produzieren und aus großen Anlagen von Sonne, Wind und Wasser grünen Wasserstoff für die europäische Schwerindustrie herstellen. Afrika bekommt auch was ab gegen seine Energiearmut, aber das Gros dürfte in Industrieländer gehen. Afrikanische Rohstoffe mit afrikanischer Energie sollen Arbeitsplätze und Wohlstand bei uns sichern. Verwundert es, wenn in Afrika von einem „grünen“ Neokolonialismus gesprochen wird?

Natürlich haben auch in Afrika fossile Energien keine Zukunft und zumindest die Stromproduktion hat in Afrika günstige und billigere Voraussetzungen als Erdöl oder Gas. Die Kritik von Klimaktivist:innen in Afrika richtet sich gegen Investitionen in Gasfelder (Senegal) oder eine beheizte Pipeline in Uganda. Im Mittelpunkt steht dabei die Zurückweisung der Exportabhängigkeit, die nur dann Investoren anlockt. Warum soll Afrika weiter der Energiehinterhof des Nordens bleiben?

Besonders beäugt wurde der Bettelbesuch des „Klimakanzlers“ Olaf Scholz im Senegal. Nach der russischen Aggression bat er auf einmal Macky Sall bei der Förderung des Gasfeldes auch seine „europäischen Freunde“ nicht zu vergessen. Wie die Ampelregierung versucht auch Scholz, nicht die Krise zu nutzen, um schneller aus fossilen Energien auszusteigen.

Für Afrika wäre es gefährlich, der EU auf den Leim zu gehen, sie würden so lange afrikanisches Gas kaufen, bis die Investitionen amortisiert sind. Denn hoffentlich recht bald gehört der fossile Verbrauch der Vergangenheit an. Etwas anderes ist es, wenn bestehende Gas- oder Ölfelder ausschließlich zur wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas genutzt würden, um die dringend benötigten Arbeitsplätze in Industrie und Dienstleistungen von Millionen Jugendlicher zu garantieren.

Nicht jedes neue fossile Projekt wird dafür gebraucht. Dennoch wird ein Teil der Überschussexporte notwendig sein, um Investitionen in erneuerbare Energien zu finanzieren, ohne wieder in Schuldenfallen zu geraten oder abhängig zu sein von der Gnade europäischer Mittel der Entwicklungszusammenarbeit.

Eines darf auch nicht vergessen werden, die Hälfte des afrikanischen Energieverbrauchs ist nicht für die Stromherstellung, sondern für den Transport. Schon heute sind über die Hälfte der afrikanischen Fahrzeuge importierte Gebrauchtwagen. Bis der letzte Verbrennermotor in Afrika gegen ein E-Auto aus Europa ausgetauscht wird, vergehen Jahrzehnte.

Viele applaudierten der EU im Februar laut für ihren angeblichen Einsatz für den Klimaschutz durch Zurückweisung der afrikanischen Bitte. Die Heuchelei wurde nicht bemerkt, geschweige denn kritisiert.

Boniface Mabanza Bambu gehört zur Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika/Werkstatt Ökonomie in Heidelberg.

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