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Deutschland verschenkt sein Potenzial

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Dieser Aktenkoffer könnte einer oder einem Ostdeutschen gehören.
Dieser Aktenkoffer könnte einer oder einem Ostdeutschen gehören. © dpa/(Symbolbild)

Menschen aus Ostdeutschland sind hierzulande zu selten in führenden Positionen. Der Gastbeitrag.

Diese Zahlen müssen aufrütteln: Nur 3,5 Prozent der Elitepositionen in Deutschland werden von Ostdeutschen besetzt. Am Bundesverfassungsgericht sitzt gerade mal eine ostdeutsche Richterin – die einzige seit 1990. Nur zwei von 247 Dax-Vorständen stammen aus dem Osten. Und nur eine der 100 größten Hochschulen im Land wird von einem Ostdeutschen geleitet. Dabei kommt in Deutschland jeder Fünfte gebürtig aus dem Osten, rund 20 Prozent der Bevölkerung.

In nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen stoßen hochqualifizierte Ostdeutsche auf dem Weg nach oben an Decken aus Panzerglas. Dafür gibt es viele Gründe. So sind Vorurteile gegenüber Ostdeutschen noch immer weit verbreitet. Zugleich dominieren nach wie vor westdeutsche Netzwerke – die Eliten rekrutieren sich aus sich selbst heraus. Das ist ungerecht, und wir verschenken dadurch wertvolles Potenzial. Denn vielfältige Teams entwickeln kreativere und innovativere Lösungen.

Wir Ostdeutschen haben uns zu lange mit zu wenig zufriedengegeben. Wir haben gehofft, dass sich das Problem herauswachsen wird. Doch eine ostdeutsche Bundeskanzlerin bedeutet noch nicht die gleichberechtigte Teilhabe von Ostdeutschen an der Gestaltung des Landes. Das wollen wir ändern. Das Bundeskabinett beschließt heute ein Konzept, mit dem sich die Regierung verpflichtet, den Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen der Bundesverwaltung zu steigern.

Dafür hat die Regierung in den vergangenen Monaten eine fundierte Datengrundlage geschaffen. Die Ressorts haben die Geburtsorte von knapp 4000 Führungskräften in 94 Bundesbehörden, vier Verfassungsorganen und den fünf Bundesgerichten erhoben. Dabei gilt als „ostdeutsch“, wer in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen geboren ist. Da Führungspositionen im Bund in der Regel von einem Alter von 35 Jahren an eingenommen werden, lässt sich noch heute eine gute Zuordnung nach Ost und West vornehmen.

Das Ergebnis dieser Erhebung: Ostdeutsche sind in Führungspositionen der Bundesverwaltung mit 13,5 Prozent unterrepräsentiert. Wird Berlin herausgerechnet, fällt der Anteil gar auf 7,4 Prozent. Hinzu kommt: Je höher eine Führungsposition ist, desto weniger Ostdeutsche bekleiden sie. Von 2391 Referatsleiterinnen und Referatsleitern sind nur 196 in Ostdeutschland geboren, also 7,1 Prozent (ohne Berlin). Von 184 Abteilungsleitungen stammen spärliche fünf aus dem Osten, also 2,7 Prozent. Mit Berlin gerechnet sind es 8,7 Prozent, also immer noch weniger als die Hälfte des Bevölkerungsanteils.

Diese Zahlen sind nicht hinnehmbar. Es besteht dringender Handlungsbedarf. Klar ist aber auch: Den einen Weg zur Lösung des Problems gibt es nicht. Vonnöten ist ein Bündel von Maßnahmen. Die Bundesregierung wird ein jährliches Monitoring einrichten, um die Entwicklung der Zahlen im Blick zu behalten.

Parallel sind die Bundesministerien aufgefordert, ihre Personalverantwortlichen und Führungskräfte für das Thema zu sensibilisieren und Ostdeutsche gezielt zu ermutigen, sich zu bewerben. Auch Mentoring-Programme oder die Unterstützung von Ost-Netzwerken sind geplant. Außerdem wird die Bundesregierung die Ursachenforschung für alle gesellschaftlichen Sektoren vorantreiben. Dazu haben wir einen „Elitenmonitor“ entwickelt.

Mit dem Bundeskonzept wollen wir Vorreiter sein für andere gesellschaftliche Bereiche – nicht zuletzt im Osten selbst. Denn auch dort, wo zu etwa 80 Prozent Ostdeutsche leben, herrscht eine eklatante Schieflage. In den Leitungspositionen der 100 größten ostdeutschen Unternehmen arbeiten nur 27 Prozent Ostdeutsche.

Oder nehmen wir die Landesregierungen: Von den Staatssekretärinnen und -sekretären der ostdeutschen Landesregierungen wurde nur jeder zweite in Ostdeutschland geboren. Zugespitzt formuliert: Noch immer wird der Osten von Westdeutschen gestaltet.

Dem „Deutschland-Monitor“ zufolge sind nur noch 39 Prozent der Ostdeutschen zufrieden mit der Demokratie, so wie sie in Deutschland funktioniert. Gerade einmal 32 Prozent von ihnen glauben, dass Politikerinnen und Politiker das Wohl unseres Landes wichtig sei. Und zwei Drittel sind der Meinung, Ostdeutsche würden häufig als Menschen zweiter Klasse behandelt.

Diese Einstellungen liegen auch an der fehlenden Repräsentanz. Dass zu wenige Ostdeutsche, aber auch Menschen mit Migrationsgeschichte und Arbeiterkinder in Führungspositionen vertreten sind, untergräbt das Vertrauen in unsere Demokratie.

Wer sich nicht repräsentiert fühlt, entwickelt Distanz zum Gemeinwesen. Ohne Chancengerechtigkeit und Teilhabe gibt es keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb ist das Bundeskonzept ein Baustein zur Stärkung unserer Demokratie.

Carsten Schneider ist Staatsminister beim Bundeskanzler und Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland.

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