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Den Mangel an Lehrkräften beseitigen

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 Wir dürfen den dramatischen Lehrkräftemangel in Deutschland nicht achselzuckend hinnehmen.
Wir dürfen den dramatischen Lehrkräftemangel in Deutschland nicht achselzuckend hinnehmen. © Bernd Weißbrod/dpa

Bund und Länder können eine Katastrophe an Schulen verhindern. Der Gastbeitrag von Maike Finnern.

Nein, nein und nochmals nein. Wir dürfen den dramatischen Lehrkräftemangel in Deutschland nicht achselzuckend hinnehmen. Die Leidtragenden sind die Kinder und Jugendlichen. Die junge Generation erhält nicht die Bildung, die sie verdient und braucht, um in dieser Gesellschaft gut Fuß fassen zu können. Und die Leidtragenden sind die engagierten Lehrkräfte, die alles daransetzen, ein gutes Unterrichtsangebot aufrechtzuerhalten. Sie werden von der Politik alleingelassen und werden diesen Kampf nicht gewinnen können. Sie bezahlen ihr Engagement mit ihrer Gesundheit.

Und nein: Weder die Corona-Krise noch der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine haben diese Situation verursacht. Wissenschaftler:innen und Gewerkschaften warnen seit Jahren mit Blick auf die demografische Entwicklung und die Pensionierungswelle bei den Lehrkräften vor einem drohenden Fachkräftemangel.

Die Pandemie und die große Zahl geflüchteter ukrainischer Kinder und Jugendlicher, die jetzt in Kitas und Schulen integriert werden, haben den Mangel verschärft. Ursächlich ist jedoch, dass die Länder die Augen vor der Entwicklung verschlossen haben und die Kultusministerkonferenz ihre Aufgabe, strategisch zu planen und die Arbeit der Länder zu koordinieren, vernachlässigt hat.

Und das in einer Zeit, in der die gesellschaftlichen Anforderungen, die Schule angehen und lösen soll, wachsen. Als Stichworte seien die Herausforderungen der Digitalisierung, der Klimakrise, der Inklusion oder der Ausbau des Ganztags genannt. Um dies zu stemmen, ist mehr pädagogisches Personal notwendig. Doch woher nehmen?

Die Arbeitsbedingungen an Schulen, aber auch an Kitas sind für viele junge Menschen nicht attraktiv genug, um sich für diese wunderbaren Berufe zu entscheiden. Deshalb müssen die Bildungs- und Kultusministerien ihren Kurs ändern, sichere und gut ausgestattete Arbeitsplätze anbieten. Sie müssen kontinuierlich eine große Anzahl Lehrkräfte ausbilden, um aus den Zyklen von Lehrkräftemangel und -überhang auszubrechen. Das reicht nicht. Neue Lehrkräfte fallen nicht vom Himmel, ihre Ausbildung dauert rund sieben Jahre. Schauen wir deshalb auf die Lage zu Beginn des Schuljahres und Maßnahmen, die notwendig sind, damit die Situation nicht aus dem Ruder läuft.

In diesem Sommer können verglichen mit dem Vorjahr noch einmal weniger Stellen mit ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden. Die GEW schätzt auf Grundlage der Daten des Deutschen Schulportals, dass bis zu 25 000 Stellen offen bleiben werden.

Zur Person

Maike Finnern ist Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Die Zahl der Quer- und Seiteneinsteiger:innen wächst – vorausgesetzt diese sind noch verfügbar. Auch hier ist der Arbeitsmarkt oft leer gefegt. Der Lehrkräftemangel trifft in einigen Bundesländern einzelne Schularten, insbesondere Förder- und Grundschulen, oder einzelne Fächer, insbesondere im Mint-Bereich. In immer mehr Bundesländern herrscht jedoch flächendeckend Lehrkräftemangel.

Deshalb müssen endlich die Ursachen des Lehrkräftemangels bekämpft werden. Die Arbeitsbedingungen der Lehrer:innen sind dringend zu verbessern. Das heißt unter anderem: weniger Pflichtstunden und kleinere Klassen. Wenn die Politik sagt, dass sie die Arbeitszeit nicht senken könne, weil es zu wenige Lehrkräfte gebe, wird genau andersherum ein Schuh daraus: Mit abschreckenden Arbeitsbedingungen kann man nicht locken! Die Folge: Es gibt noch weniger personellen Spielraum für bessere Arbeitsbedingungen. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden.

Gleichzeitig müssen Arbeit und Personal an Schulen besser aufgestellt werden. Lehrkräfte sind keine Verwaltungsbeamt:innen und auch keine IT-Fachkräfte. Die Schulen brauchen mehr Fachkräfte, die diese nichtpädagogischen Arbeiten übernehmen.

Zudem müssen viel mehr multiprofessionelle Teams gebildet werden. In diesen arbeiten Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter und -pädagogen sowie Erzieher:innen zusammen. Insbesondere mit Blick auf den Ganztag muss diese Entwicklung konsequent vorangetrieben werden.

Dazu gehört dann auch, dass es Zeiten für Kooperation geben muss, jede berufliche Kooperation gehört zur Arbeitszeit. Um die hohen Aussteigerquoten bei den Quer- und Seiteneinsteiger:innen zu reduzieren, ist es notwendig, dass Länder, Hochschulen, Lehrkräfteseminare und Gewerkschaften diese Gruppe ab sofort berufsbegleitend mit der Perspektive einer echten Anerkennung qualifizieren.

Parallel müssen die Hochschulen ihre Ausbildungskapazitäten für Lehrämter hochfahren. Die Länder sind noch gefordert, mehr Referendariatsplätze zur Verfügung zu stellen. Zudem müssen sie die Begleitung des Nachwuchses in Studium und Referendariat verbessern, auch hier gibt es zu hohe Abbrecherquoten. Außerdem ist es ein (schlechter) Treppenwitz der Geschichte, dass immer noch auf sehr vielen Grundschullehramtsstudiengängen ein hoher Numerus clausus (NC) liegt. Der muss weg!

Maike Finnern ist Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

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