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Das unterschätzte Angebot

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Ein Hinweisschild mit dem Schriftzug „Bundeswehr“ steht auf dem Gelände einer Bundesliegenschaft.
Ein Hinweisschild mit dem Schriftzug „Bundeswehr“ steht auf dem Gelände einer Bundesliegenschaft. © Stefan Sauer/dpa

Der Freiwilligendienst des Bundes fördert Beteiligung und Demokratie. Es sollte mehr Plätze geben. Der Gastbeitrag.

Gesellschaftliche Partizipationsasymmetrien manifestieren hierzulande eine sich fragmentierende Gesellschaft und gefährden das demokratische Zusammenleben. Studien zufolge nehmen gerade Menschen aus den unteren Einkommensschichten und prekären Milieus immer seltener von der Möglichkeit Gebrauch, wählen zu gehen oder sich anderweitig zu beteiligen.

Da Demokratie eine Staatsform ist, die erlernt werden muss, kommt der politischen Bildung eine bedeutende Rolle zu. Ziel der politischen Bildung ist eine auf Mündigkeit basierende aktive gesellschaftliche Beteiligung – und Demokratie lebt von Beteiligung. Zentral ist dabei die Frage, wie zur Partizipation, unabhängig von Einkommen und Milieuzugehörigkeit, motiviert werden kann.

Der Bundesfreiwilligendienst ist ein gesellschaftlicher Engagementdienst, der zum Beispiel im Krankenhaus, in der Schule oder in einer Kindertagesstätte absolviert werden kann und in dessen Rahmen Bundesfreiwillige politische Bildungsseminare besuchen.

Die Studie „Politische Partizipation im Bürgerbewusstsein von Bundesfreiwilligen“ zeigt, dass die politische Partizipationsbereitschaft und das tatsächliche Engagement von Bundesfreiwilligen gegenüber Jugendlichen, die in anderen Studien wie etwa der Shell Jugendstudie befragt wurden, stärker ausgeprägt sind.

Bundesfreiwillige haben mehr Erfahrungen mit politischen Aktionen als andere Jugendliche gemacht. Das alleine muss nicht unbedingt verwundern – sind sie doch alleine schon in Form ihres Dienstes aktiv – wenngleich das Ergebnis im Kontext der Partizipationsförderung Potenziale eröffnet.

Erstaunlich ist vielmehr, dass das Haushaltseinkommen bei Bundesfreiwilligen nicht nachweisbar im Zusammenhang mit einem Engagement steht. Insgesamt scheinen bei Bundesfreiwilligen die eigene soziale Verortung und der ökonomische Hintergrund weniger stark als bei anderen Jugendlichen darüber zu entscheiden, ob man sich einbringt.

Die in der Studie interviewten Bundesfreiwilligen weisen ausgeprägte Vorstellungen über soziale Ungleichheiten, Partizipationsasymmetrien und eine diskurszentrierte Demokratie auf. Ihnen zufolge ist es für demokratische Prozesse entscheidend, dass alle am Diskurs teilhaben – Vorstellungen, die für ein demokratisch-partizipatives Zusammenleben fruchtbar sind. Basierend auf den Erkenntnissen über den Bundesfreiwilligendienst muss er als ein positives Wirkungsfeld im Hinblick auf die Partizipations- und Demokratieförderung verstanden werden.

Der Bundesfreiwilligendienst ist ein Engagement, das auf Freiwilligkeit basiert. Die Frage nach einem verpflichtenden sozialen Jahr ähnlich dem früheren Zivildienst als Alternative zur heute ausgesetzten Wehrpflicht für jeden wird immer wieder diskutiert. Die dargestellten Ergebnisse könnten diese Argumentation des erzwungenen Engagements auf den ersten Blick stützen. Allerdings bildet der Zwang zum Engagement einen Widerspruch in sich; und eine demokratische Teilhabe lässt sich ebenso wenig erzwingen.

Vielmehr spielt die Motivation zu einem selbstbestimmten Engagement die entscheidende Rolle. Zur Motivation gehört, dass junge Menschen bereits in der Schule und im sozialen Umfeld selbstbestimmte politische Engagementerfahrungen machen und Selbstwirksamkeit erfahren, die im Rahmen der politischen Bildung kritisch reflektiert, begleitet und eingeordnet werden.

Da Bundesfreiwillige stärker engagiert sind als andere, sich politisch eher einbringen und die Beteiligung unabhängiger vom sozioökonomischen Hintergrund erfolgt als bei anderen Jugendlichen, muss die Motivation von jungen Erwachsenen zur Durchführung eines solchen freiwilligen Engagementdienstes eine entscheidende gesellschaftliche Aufgabe zur Demokratiestärkung darstellen.

Der Bundesfreiwilligendienst bietet gute Voraussetzungen, um eine nachhaltig auf Mündigkeit basierende aktive Bürgerschaft mit einem Blick für gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu fördern. Allerdings muss neben der Motivation zum Engagement auch der Rahmen für ein solches Engagement gewährleistet sein; das heißt, dass jeder, der einen solchen Freiwilligendienst machen möchte, ihn auch machen kann. Dafür müssen entsprechende Angebote gewährleistet sein.

Philipp Legrand ist Sozialwissenschaftler und lehrt an der Kommunalen Hochschule für Verwaltung in Niedersachsen. Im vergangenen Jahr ist seine Studie „Politische Partizipation im Bürgerbewusstsein von Bundesfreiwilligen“ erschienen.

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