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Das Opfer Pakistan als warnendes Beispiel

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Eine von der Flut betroffene Binnenvertriebene badet ihr Kind in einem Behelfslager in der Stadt Mehar. Im Bezirk Dadu in der Provinz Sindh hatte es heftige Monsunregenfälle gegeben.
Eine von der Flut betroffene Binnenvertriebene badet ihr Kind in einem Behelfslager in der Stadt Mehar. Im Bezirk Dadu in der Provinz Sindh hatte es heftige Monsunregenfälle gegeben. © Aamir Qureshi/afp

Das asiatische Land muss nach der Klimakatastrophe Überlebenskünstler werden. Der Gastbeitrag.

Pakistan steht unter Wasser – einer der schlimmsten Monsunregenfälle der jüngeren Geschichte hat ein Drittel des Landes verwüstet. Und das, nachdem drei Monate zuvor noch mörderische Hitze mit Temperaturen über 50 Grad herrschte. Zwei dicht aufeinanderfolgende Krisen der Superlative, beide begleitet von dringlichen Appellen der Staats- und Regierungschefs, dem globalen Klimanotstand mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Doch für den gebeutelten südasiatischen Staat kommt der Aufruf zu spät. Das Land ist Opfer einer Klimakatastrophe – und muss zum Überlebenskünstler werden. Was heute in Pakistan geschieht, kann morgen jeden anderen Ort der Erde treffen, wenn sich die Verursacher der Klimakrise weiter derart ignorant verhalten.

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Die pakistanische Regierung ist bemüht, den 33 Millionen von der Flut betroffenen Menschen zu helfen. Doch zwei so furchtbare Ereignisse kurz nacheinander waren kaum vorherzusehen. Die Verwüstungen, die Pakistan derzeit erlebt, sind beispiellos in der Geschichte des Landes.

Es gehört zu den tragischen Realitäten, dass ausgerechnet einkommensschwache Familien am meisten unter den Schäden leiden, die die Wassermassen anrichten. Sie sind am wenigsten geschützt und am schlechtesten gerüstet, solche Krisen zu bewältigen. Nach Schätzungen von Save the Children waren von den rund 16 Millionen betroffenen Kindern fast zwei Drittel schon vor der Flut arm. Sie lebten in baufälligen Häusern mit Lehmböden oder in informellen Siedlungen; bei weitem nicht alle konnten eine Schule besuchen.

Aus Erfahrung wissen wir, wie sehr Naturkatastrophen Armut und Ungleichheit weiter verschärfen. Wenn das Wasser zurückweicht, heißt es neu anfangen, neu aufbauen. Doch viele Menschen werden hierzu weder die Mittel noch die Kraft haben.

Diese Ungleichheit setzt sich auf globaler Ebene fort. Die einkommensschwächsten Nationen sind am wenigsten für die Klimakrise verantwortlich – zahlen aber den höchsten Preis für Katastrophen, die der Energiehunger der Industriestaaten zum Großteil mitverursacht hat. Pakistan, das gerade einmal ein Prozent der weltweiten Emissionen erzeugt, ist hier das beste Beispiel.

Weltweit werden Kinder, die im Jahr 2020 geboren wurden, im Laufe ihres Lebens fast dreimal so viele Überschwemmungen und Dürren erleben wie die Generation ihrer Großeltern. Das errechnete Save the Children vergangenes Jahr mit führenden internationalen Klimaforschenden. In Pakistan könnten es der Erhebung zufolge sogar sechsmal so viele Extremwetterereignisse sein. Der Bericht „Born into the Climate Crisis“ („Geboren in die Klimakrise“) geht dabei sogar davon aus, dass die aktuellen Klimaziele eingehalten werden.

Jetzt geht es um Nothilfe – in Pakistan wie am Horn von Afrika, in Afghanistan oder dem Jemen, wo durch Dürren und Sturzfluten täglich mehr Menschen Hunger leiden. Gleichzeitig aber müssen die Verursacher dieser Krisen zur Verantwortung gezogen und die Erderwärmung gestoppt werden. Dazu gehört, dass Emissionen schärfer begrenzt werden.

Wir müssen die Menschen vor Ort befähigen, sich dem Klimawandel besser anzupassen. Erst zu reagieren, wenn die Katastrophe eintritt, fordert nicht nur viele unschuldige Opfer, sondern schadet auch der Wirtschaft in den betroffenen Gebieten. Jüngsten Schätzungen zufolge sind bisher aber weniger als zehn Prozent der Klimafinanzierung für lokale Maßnahmen bestimmt. Weniger als fünf Prozent der humanitären Hilfe gehen direkt an lokale Gemeinschaften und indigene Gruppen und weniger als zwei Prozent an lokale Partner.

Schließlich dürfen wir uns nicht länger weigern, Kompensationszahlungen an Staaten zu leisten, die der Klimakrise schuldlos ausgesetzt sind. Schätzungen zufolge haben deren verheerende Folgen Länder mit niedrigem Einkommen bereits mehr als eine halbe Billion US-Dollar gekostet. In Pakistan etwa entstanden zwischen 1998 und 2017 klimabedingte Schäden in Höhe von 77 Milliarden Dollar. Auf der UN-Klimakonferenz 2021 in Glasgow fiel das Thema unter den Tisch. Hier müssen im November in Ägypten unbedingt Fortschritte erzielt werden.

Es ist an der Zeit, dass die Weltgemeinschaft zusammensteht und im Kampf gegen die Auswirkungen der Klimakrise all ihre Kräfte mobilisiert. Wir sind es den Kindern in Pakistan und überall auf der Welt schuldig.

Yolande Wright ist Globale Direktorin für Kinderarmut und Klima bei Save the Children International.

Rajib Ghosal leitet als Senior Technical Advisor das Team Klimawandel und Kinderarmut für die Asien-Pazifik-Region bei Save the Children International.

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