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Das Dekret der Taliban tötet Menschen

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Die Geschichte wiederholt sich. Wieder sind die Taliban an der Macht und haben Mädchen von den Sekundarschulen und Frauen von der Universität verbannt.
Die Geschichte wiederholt sich. Wieder sind die Taliban an der Macht und haben Mädchen von den Sekundarschulen und Frauen von der Universität verbannt. © Mohammad Jan Aria/dpa (Archiv)

Unsere Gastautorin erzählt von einer Kindheit in Afghanistan, dem Glück der Chance auf Schulbesuch und Ausbildung – und wie die Taliban das Leben von Frauen und Mädchen erneut zerstören.

Ende Dezember haben mir die Taliban verboten, für Save the Children zu arbeiten. Ich bin Lehrerin und liebe meinen Beruf mehr als alles andere auf der Welt. Sie haben mich als afghanische Frau zur Untätigkeit verdammt – mit der Begründung, weibliche Helferinnen brauche man nicht. Ich war schockiert, empört, untröstlich.

Unsere Schülerinnen und Schüler stecken mitten in den Prüfungen. Die werden sie jetzt vielleicht nicht abschließen und in die nächste Klasse versetzt werden können. Ein ganzes Schuljahr wäre dann vergeudet.

Für Mädchen und Frauen in Afghanistan ist es nichts Neues, lange und hart für ihre Rechte zu kämpfen. Für ihr Recht zu lernen, sich frei zu bewegen, zu existieren. Ich selbst erfuhr überhaupt erst mit neun Jahren, was eine Schule ist. Ich konnte weder lesen noch schreiben. Ich wusste nicht einmal, wie ein Schulhaus aussieht. In meiner Gemeinde gab es keine Schulen; alle waren Analphabeten.

Eines Tages baute eine türkische Organisation eine Schule in der Nähe unseres Hauses – und mein ganzes Leben änderte sich. Damals waren die Taliban zum ersten Mal an der Macht und hatten Mädchen den Schulbesuch verboten. Doch mein mutiger Vater widersetzte sich ihnen und anderen Männern in unserer Gemeinde, die nicht glaubten, dass Mädchen ein Recht auf Bildung hätten.

Mein Vater begleitete meine Schwester und mich jeden Tag zum Unterricht und war fest entschlossen, uns im Leben jede Chance zu eröffnen. Er wollte nicht, dass wir mit Männern verheiratet wurden, die älter waren als unsere Großväter – ein Schicksal, das viele Mädchen aus meinem Dorf traf. Dieser Widerstand war gefährlich; das Leben meines Vaters wurde bedroht. Aber wir haben es geschafft. Wir waren die ersten Mädchen in unserer Gemeinde, die zur Schule gingen.

Ich war auch das erste Mädchen in meiner Gemeinde, das eine Universität besuchte. Zuerst wollte ich Hebamme werden, entschied mich später aber für den Beruf als Lehrerin. Ich wollte sicherzustellen, dass alle Mädchen die Chance auf Bildung bekommen.

Springen wir ins Heute: Die Geschichte wiederholt sich. Wieder sind die Taliban an der Macht und haben Mädchen von den Sekundarschulen und Frauen von der Universität verbannt. Sie haben uns den Zutritt zu Parks und Fitnessstudios untersagt und das Reisen allein verboten. Sie verbieten uns, unser Leben zu leben.

Das jüngste Dekret, das es afghanischen Frauen untersagt, für nationale und internationale und Nichtregierungsorganisationen zu arbeiten, schränkt nicht nur weiter ihre Rechte ein. Es wird auch Menschenleben kosten. Denn ohne weibliche Kräfte können Organisationen wie Save the Children weder sicher noch effektiv in Afghanistan arbeiten, denn Frauen und Mädchen in unseren Gemeinschaften dürfen außerhalb ihrer Familien ebenfalls nur mit Frauen und Mädchen in Kontakt kommen.

Das heißt, dass nur Frauen als Hebammen, Ärztinnen und Krankenpflegerinnen arbeiten können. Unsere Mädchen können nur von Lehrerinnen unterrichtet werden. Haushalte, die von Frauen geführt werden, können nur dann Bargeld- und Nahrungsmittelhilfe erhalten, wenn eine weibliche Mitarbeiterin bei der Verteilung anwesend ist. Durch das Beschäftigungsverbot werden Kinder und Familien von lebenswichtiger Unterstützung abgeschnitten – und das zu einer Zeit, in der wir mit der schwersten Wirtschaftskrise aller Zeiten konfrontiert sind.

Ich rufe die Welt auf, uns beizustehen. Für uns einzutreten, ihre Stimme für uns zu erheben und zu fordern, dass dieses Verbot rückgängig gemacht wird. Unser Leben hängt davon ab.

Die Autorin Fatima arbeitet als Lehrerin für Save the Children in Afghanistan (Name zum Schutz geändert).

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