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Bei einer Demonstration von „Querdenkern“ in Stuttgart kam es erneut zu Gewalt gegen Journalisten.
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Bei einer Demonstration von „Querdenkern“ in Stuttgart kam es erneut zu Gewalt gegen Journalisten.

„Querdenken“

Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner immer gewaltbereiter: „Es ist verdammt ernst“

  • vonStephan Anpalagan
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Verschwörungstheoretiker, Corona-Leugner und Rechtsextreme werden auf Corona-Demonstrationen immer gefährlicher. Ein Gastbeitrag von Stephan Anpalagan.

Ein Virus hat die Gesundheitssysteme der wohlhabendsten Länder dieser Erde zusammenbrechen lassen. Das soziale Leben ist durch das Coronavirus zum Stillstand gekommen. In den Nachrichten waren Bilder aus Italien zu sehen, wo das Militär  die Coronatoten aus Bergamo abtransportierte, weil die örtlichen Friedhöfe überfüllt waren. In New York sterben die Menschen derart schnell, dass Strafgefangene Massengräber ausheben müssen. In deutschen Krematorien stapeln sich die Särge. Standesamtmitarbeiterinnen müssen an Weihnachten arbeiten, um im Akkord Sterbeurkunden ausstellen zu können.

Es ist ernst. Verdammt ernst. Inmitten all dieser Geschehnisse marschieren Menschen durch die Innenstädte Deutschlands und protestieren gegen Maßnahmen gegen das Coronavirus, die diese Pandemie eindämmen könnten. Sie marschieren in grober Missachtung des Infektionsschutzgesetzes. Ohne Abstand. Ohne Maske.

Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner tanzen Polonaise

Es gibt Bilder, in denen man Menschen sieht, die eine Polonaise bilden. Dazu singen sie „Ein bisschen Sars muss sein“. Attila Hildmann, der vegane Kochbuchautor, ist einer ihrer Gewährsmänner. Zudem der Sänger Xavier Naidoo und der Schlagerstar Michael Wendler. Fragt man die Menschen, was es mit diesen Corona-Demonstrationen auf sich habe, was sie fordern, wen sie für was verantwortlich machen, sagen sie unter anderem: „Herr Gates propagiert einen Impfstoff, der in das ... ähm ... Genom, in das genetische ... wie nennt man das ... in das RNS .... in das RNA. Also er greift in das genetische Material ein von uns. Höchst bedenklich.“

Corona-Demos: Bill Gates als Feindbild von Corona-Leugnern

Ein anderer Demonstrationsteilnehmer wird deutlicher: „Wenn ihr Bill Gates beschützt, seid ihr Mittäter. Eure Eltern werden sich schämen, eure Kinder werden sich schämen.“ Die Rede ist von dem Gründer und ehemaligen Vorsitzenden des Microsoft-Konzerns, der sich seit mittlerweile zwölf Jahren dem Kampf gegen Malaria und Polio verschrieben und bereits vor fünf Jahren vor der Gefahr einer Virusepidemie gewarnt hat.

Fragt man weiter, erzählen die Demonstrierenden, dass eine weltumspannende gesellschaftliche Elite Kinder entführen, missbrauchen, deren Blut trinken und deren Fleisch essen würde. Diese Elite würde dem Satan huldigen und arbeite daran, den Rest der Menschheit zu versklaven. Und Bill Gates sei einer von ihnen. Einige Schritte weiter ruft ein Demonstrant: „Weg mit diesem System. Weg mit dieser BRD. Weg mit diesem Verbrecherpack. Wir wollen unseren Kaiser zurück. Wir wollen zurück auf Ehrlichkeit, auf Menschlichkeit. Nicht mehr.“ Auf die Frage, wer dieser Kaiser denn sei, antwortet der Mann: „Friedrich von Preußen“. Neben diesen Menschen marschieren Neonazis, Rechtsextreme, Reichsbürger.

Mehr zum Thema Coronavirus erfahren Sie in den Corona-News.

Verschwörungstheorien: Corona-Demonstrationen werden von Rechtsextremen unterwandert

Zuweilen sieht man Politiker der AfD, die Flyer verteilen. Jemand hat auf einem Plakat den Virologen Christian Drosten neben dem nationalsozialistischen Massenmörder Josef Mengele abgebildet. Immer wieder tauchen Bilder von Anne Frank auf, mit der sich die Demonstrierenden identifizieren, daneben gelbe Judensterne mit der Aufschrift „ungeimpft“. Es bleibt nicht bei diesen wirren Worten und den absurden Verschwörungstheorien. Vor den Räumlichkeiten des Leibniz-Instituts in Berlin-Mitte explodiert im Oktober 2020 eine Bombe, Unbekannte werfen einen Brandsatz auf ein Gebäude des Robert-Koch-Instituts in Berlin-Tempelhof. An einer Weserbrücke im nordrhein-westfälischen Minden wird, ebenfalls im Oktober 2020, eine Schaufensterpuppe mit der Aufschrift „Presse“ an einem Galgen aufgehängt. Hunderte Demonstranten stürmen im August 2020 mit Reichsflaggen die Treppe des Reichstagsgebäudes.

Es ist verdammt ernst. Der eklatante Verstoß gegen Infektionsschutzmaßnahmen, die Verharmlosung des Holocaust, die Unterwanderung der Anti-Corona-Demonstrationen durch Rechtsextreme, die Explosion von Bomben, der Sturm auf die Treppe des Reichstagsgebäudes – man könnte meinen, nun endlich würden Polizei, Politik und Justiz in einer gemeinsamen Kraftanstrengung all diese Grenzüberschreitungen mit der vielbeschworenen „Härte des Gesetzes“ kompromisslos in die Schranken weisen.

Corona-Demos: Verharmlosung des Holocausts und Ignorieren der Corona-Schutzmaßnahmen

Gerade diejenigen, die bei jeder Gelegenheit die Durchsetzung von Recht und Gesetz fordern, würde man an vorderster Front vermuten. Immerhin gilt es einen Rechtsstaat zu verteidigen. Nun, die Sache ist ein wenig kompliziert. Als im Mai 2020 etwa 3000 Menschen in München gegen die Corona-Schutzverordnungen demonstrieren, kann die Polizei nich verhindern, dass die Versammlungsteilnehmer die Maskenpflicht und den vorgeschriebenen Mindestabstand ignorieren. Sie ist zu weiten Teilen überfordert und möchte eine Eskalation vermeiden.

Als Anfang August 2020 rund 20.000 Menschen in Berlin gegen die Corona-Schutzverordnungen demonstrieren, kann die Polizei nicht verhindern, dass die Versammlungsteilnehmer die Maskenpflicht und den vorgeschriebenen Mindestabstand ignorieren. Sie lässt verlauten, dass die Zahl der Einsatzkräfte nicht ausreicht, um die Demonstration zu räumen. Als Ende August 2020 fast 40 000 Menschen in Berlin gegen die Corona-Schutzverordnungen demonstrieren, kann die Polizei nicht verhindern, dass die Versammlungsteilnehmer den vorgeschriebenen Mindestabstand ignorieren.

Corona-Demos: Die Polizei wirkt überfordert und unkoordiniert

Die Polizei wirkt insgesamt überfordert und teilweise unkoordiniert. Am Ende durchbricht ein Tross von mehreren hundert Demonstranten die Polizeiabsperrung und rennt auf den Reichstag zu. Erst an der Treppe zum Gebäude können drei Polizisten die wütende Menge aufhalten. Als im Oktober 2020 etwa 200 Menschen in Duisburg gegen die Corona-Schutzverordnungen demonstrieren, kann die Polizei nicht verhindern, dass die Versammlungsteilnehmer die Maskenpflicht und den vorgeschriebenen Mindestabstand ignorieren. Im Anschluss an die Demonstration kritisiert die Stadtsprecherin das Nichteinschreiten der Polizei.

Als im Oktober 2020 rund 2000 Menschen in Berlin gegen die Corona-Schutzverordnungen demonstrieren, kann die Polizei nicht verhindern, dass die Versammlungsteilnehmer die Maskenpflicht und den vorgeschriebenen Mindestabstand ignorieren. Sie setzt die gültigen Vorschriften kaum durch und will die Bilder einer Eskalation vermeiden. Innensenator Andreas Geisel (SPD) lässt verlautbaren: „Ich kann nicht mit Wasserwerfern gegen Leute vorgehen, die keine Maske aufsetzen.“

Der Text:

Der Text „Verharmlosung, Hilflosigkeit, Verständnis. Wenn Staatsfeinde keine Feinde haben“ von Stephan Anpalagan erschien im Buch „Fehlender Mindestabstand“.

Der Autor:

Stephan Anpalagan ist Diplom-Theologe, Kolumnist, Unternehmensberater und Mitglied der Band microClocks. Seit vielen Jahren setzt er sich bereits in unterschiedlichen Initiativen gegen Rassismus und Rechtsextremismus ein.

Das Buch:

Heike Kleffner/Matthias Meisner (Hg.): Fehlender Mindestabstand. Die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde. Softcover, 352 Seiten, 22 Euro. 

Die Herausgeber:innen:

Heike Kleffner, geb. 1966, ist freie Journalistin und Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Beratungsstellen für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Seit den 1990er Jahren veröffentlicht sie Publikationen über Rechtsextremismus und ist Mitherausgeberin des Standardwerks „Generation Hoyerswerda: Das Netzwerk militanter Neonazis in Brandenburg“. Zusammen mit Matthias Meisner ist sie außerdem Herausgeberin des 2017 erschienenen Bandes „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“ sowie von„Extreme Sicherheit. Rechtsradikale in Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und Justiz“ aus dem Jahr 2019.

Matthias Meisner, geb. 1961, in den 1990er Jahren dpa-Büroleiter in Dresden und Bonner Korrespondent der Sächsischen Zeitung, seit 1999 Redakteur beim Tagesspiegel. Er berichtet vor allem über innenpolitische Themen, unter anderem über Rechtsextremismus. Für seine Berichterstattung über Pegida und die Anti-Asyl-Bewegung inSachsen erhielt er 2016 den Zweiten Preis des Wächterpreises der deutschen Tagespresse.

Verschwörungstheorien und Demos gegen Corona-Maßnahmen: Polizei überfordert

Der Journalist Olaf Sundermeyer stellt fest, dass die Berliner Polizei „mit diesen Protestformen überfordert ist und kein Mittel findet“. Als im November 2020 etwa 45 000 Menschen in Leipzig gegen die Corona-Schutzverordnungen demonstrieren, kann die Polizei nicht verhindern, dass die Versammlungsteilnehmer die Maskenpflicht und den vorgeschriebenen Mindestabstand ignorieren. Die Polizei ist hoffnungslos unterbesetzt, überfordert und scheint machtlos.

Einzig die linken Gegendemonstranten können zunächst stoppen, dass die ursprüngliche Versammlung, die unter anderem aus Neonazis, Hooligans, NPD-Parteikadern und Verschwörungstheoretikern besteht, auf dem symbolträchtigen Ring marschiert. Letztlich verhindern können sie es auch nicht.

Polizei verteidigt Einsatz bei Corona-Demonstrationen

Ein Polizeisprecher verteidigt den Einsatz damit, dass die Anwendung von Gewalt „nicht angezeigt“ gewesen sei. »Man bekämpfe eine Pandemie nicht mit polizeilichen Mitteln, sondern nur mit der Vernunft der Menschen«. Als im November 2020 etwa 800 Menschen in Ludwigsburg gegen die Corona-Schutzverordnungen demonstrieren, kann die Polizei nicht verhindern, dass die Versammlungsteilnehmer die Maskenpflicht und den vorgeschriebenen Mindestabstand ignorieren. Weil sie »Krawalle« befürchtet, schreitet sie nicht ein und bleibt untätig.

Verschwörungstheorien und Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen: Polizei ratlos

Nun ist die Polizei in diesen Zeiten nicht zu beneiden. Polizistinnen und Polizisten setzen sich bei diesen Demonstrationen einer hohen Infektionsgefahr aus – zusätzlich zu der Gefahr durch eine Eskalation des Demonstrationsgeschehens und dem schwelenden Gewaltpotenzial, das solchen Versammlungen innewohnt. Darüber hinaus agieren die Beamten häufig auf rechtlich unsicherem Terrain. Mal werden die Demonstrationen von den Versammlungsbehörden verboten, dann wieder von den Verwaltungsgerichten erlaubt. Manches Mal werden Abschnitte der Demonstrationsroute in letzter Minute gesperrt, mal geöffnet. Die Zahl der angemeldeten Demonstrationsteilnehmer gibt keinerlei Aufschluss darüber, wie viele Menschen tatsächlich auf der Versammlung erscheinen.

Häufig führen Teilnehmerinnen Atteste mit sich, die eine medizinisch begründete Entbindung von der Maskenpflicht bescheinigen. Manche dieser Atteste sind gefälscht, andere wiederum werden massenhaft von Corona verharmlosenden Ärzten ausgegeben. Für die Beamten vor Ort ist es in vielen Fällen unmöglich, die Echtheit solcher Dokumente zu überprüfen. Und dann ist da noch die Sache mit der „Querdenker“-Demonstration auf der Münchener Theresienwiese. Um einer Beschränkung der Teilnehmerzahlen zu entgehen, erklärten die Veranstalter ihre Demonstration kurzerhand zu einem Gottesdienst. Die Polizei blieb ratlos zurück.

Polizei bei „Querdenker“-Demos gegen Corona-Maßnahmen überfordert

Neuerdings besuchen Coronaleugner die Anti-Corona-Demonstrationen immer häufiger in Begleitung ihrer minderjährigen Kinder. Chatprotokolle belegen, dass diese explizit als menschliche Schutzschilde vorgesehen sind, um polizeilichen Maßnahmen zu entgehen. Den Einsatzleitern der Polizei bleibt angesichts dieser Gemengelage kaum etwas anderes übrig, als ihre Einsatzkräfte zurückzuhalten.

Es ist eine gefährliche Mischung aus kalkuliertem Rechtsbruch, unübersichtlichem Versammlungsgeschehen und polizeilicher Überforderung, die sich in solchen Demonstrationen wiederholt Bahn bricht. Die Coronapandemie ist für eine komplexe Organisation wie die Polizei noch immer neu, und auch nach vielen Monaten und Dutzenden Demonstrationen scheint es keine belastbare Einsatztaktik zu geben, um diesen Herausforderungen zu begegnen.

Zumindest machen sich langsam reifende Erkenntnisgewinne innerhalb der Polizeibehörden und ihrer Funktionäre bemerkbar. So hieß es noch im Mai 2020 in einem Tweet der „Gewerkschaft der Polizei« (GdP): »#Corona – Teilnehmende an sogenannten Hygienedemos dürfen nicht pauschal kriminalisiert werden. Es gelte zwischen Agitatoren, Mitläufern und Beobachtern zu differenzieren. #GdP-Vize Jörg Radek: ›Dazu braucht die #Polizei klare Lagebilder.“

Corona-Demos: „Querdenken“ in Baden-Württemberg vom Verfassungsschutz beobachtet

Diese Form der Verharmlosung schien sich im Früher 2020 mit den Einschätzungen der Verfassungsschutzämter zu decken. Lange nachdem klar wurde, dass Rechtsextreme, Neonazis und freie Kameradschaften genauso an den Anti-Corona-Demonstrationen teilnehmen wie Impfgegner und Menschen aus der Heilpraktikerszene, wiegelte das Bundesamt für Verfassungsschutz bei Nachfragen ab: Von den Rechtsextremen gehe keine Gefahr aus, sie hätten keinerlei Hoheit über das Demonstrationsgeschehen, Anwerbeversuche für die Teilnahme an der Demonstration wären nicht besonders effektiv, und alles in allem würden sich diese Demonstrationen auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen.

Seit dem Dezember 2020 wird »Querdenken« allerdings in Baden-Württemberg, der Heimat des »Querdenken«-Gründers Michael Ballweg, vom Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet, da sich die Bewegung zunehmend radikalisiert habe und nun von Extremisten und Verfassungsfeinden unterwandert sei. Auch andere Verfassungsschutzämter, wie beispielsweise in NRW, haben nun »Querdenken« auf dem Schirm und vermuten, dass 10 Prozent der Mitglieder extremistisch seien.

Von Seiten der GdP heißt es nun: „Mit ›Querdenken‹ tritt ein Veranstalter auf, der die Versammlungsfreiheit dazu missbraucht, die staatlichen Regeln zu unterlaufen. ›Querdenken‹ lädt zwar Gruppen wie Reichsbürger und Hooligans ein, dabei zu sein, entzieht sich aber der Verantwortung, wenn die dann provozieren.“

Corona-Demos: Polizei verhängt Demo-Verbote und fängt Reisebusse ab

Zudem setzen Polizeibehörden immer häufiger Demonstrationsverbote durch und fangen Reisebusse ab, die Demonstranten zum Versammlungsort befördern wollen. Mittlerweile werden sogar Regelverstöße zur Anzeige gebracht und, in Einzelfällen, Rechtsextreme und Neonazis festgenommen.

Das ist gewissermaßen neu.

Über Jahrzehnte hinweg hatten Rechtsextreme und Neonazis nur wenig zu befürchten, wenn sie vor den Augen der Polizei aufmarschierten. Der Umgang der Sicherheitsbehörden mit Neonazis war geprägt von Unfähigkeit und sonderbarem Desinteresse.

Im Jahr 1993 berichtet der Spiegel, wie die Polizei Neonazis ungehindert in der Innenstadt von Fulda in Hessen aufmarschieren lässt und auch dann nicht eingreift, als diese Spruchbänder entrollen, um Rudolf Heß zu verehren. Oder als diese ausländerfeindliche Sprüche von sich geben oder anfangen Passanten zu bedrohen und eine Gruppe junger Türken anzugreifen. Der Titel des Artikels lautet „Mental stramm – Empörung über den ungehinderten Aufmarsch von Neonazis: Bleiben Polizisten bei Rechten lieber untätig?“

Im Jahr 1996 beschreibt die taz, wie Neonazis in Worms aufmarschieren und rechtsextreme Parolen skandieren, wie beispielsweise „Rudolf Heß – das war Mord!“. Die Polizei greift bei alledem nicht ein, sondern begibt sich erst gegen Ende der Demonstration in die Menge.

Rechtsextremismus: Polizei griff oft nicht ein

Zahlreiche weitere Beispiele belegen die historische Untätigkeit der Polizei, wann immer sie mit Versammlungen von Rechtsextremisten und Neonazis befasst war. Dass sie auch anders kann, bewies sie ausgerechnet in ihrem Vorgehen gegen die linken Gegendemonstranten, bei denen sie häufig eine unverhältnismäßige Härte zeigte, die nicht selten in Polizeigewalt mündete. Diese historische Kontinuität der „Überforderung“ im Umgang mit Neonazis zieht sich durch Jahre und Jahrzehnte bundesdeutscher Geschichte bis hinein in die 2010er Jahre.

Am „Tag der Deutschen Zukunft“ im Jahr 2016 marschieren 1000 Neonazis durch Dortmund und entrollen ein Adolf-Hitler-Transparent. Der Neonazi Thorsten Heise kann in aller Ruhe davon schwadronieren, dass im KZ Buchenwald nach 1945 mehr Menschen umgekommen seien als in den Jahren davor. Die Polizei greift während des Aufmarsches nicht ein. Auch als im Jahr 2018 Neonazis durch Dortmund marschieren und dabei antisemitische Parolen skandieren, bleibt die Polizei zurückhaltend und lässt die Demonstration weiterlaufen.

In einem anderen Fall begleitet die Polizei ein Rechtsrock-Konzert im thüringischen Themar, wo nachweislich mehrere Male »Sieg Heil« gerufen und die Arme der Anwesenden zum Hitlergruß gereckt wurden, was die Polizei in keinem der Fälle dazu veranlasste, tätig zu werden. Der Titel des »Panorama«-Fernsehbeitrags lautet „›Abhitlern‹: Polizei guckt zu“.

Rechtsextremes Potenzial in der Polizei – Beamte nach Auftritten bei Corona-Demos supendiert

Dies alles ist besonders vor dem Hintergrund beunruhigend, dass immer häufiger Vernetzungen von Polizeibediensteten mit der rechtsextremen Szene und mit Neonazi-Terrororganisationen öffentlich werden. Selbst konservative Innenminister müssen nun anerkennen, dass das rechtsextreme Potenzial innerhalb der Polizei »wider Erwarten« strukturell ist. Zudem ist davon auszugehen, dass manche Polizeibeamte den Anti-Corona-Demonstrierenden ideologisch nahestehen und mit ihnen sympathisieren. In mindestens zwei Fällen wurden Polizisten vom Dienst suspendiert, nachdem sie auf einer Anti-Corona-Demonstration Verschwörungstheorien von sich gegeben haben. Dass diese Beamten keine Einzelfälle sind, zeigt der offiziell eingetragene Verein Polizisten für Aufklärung, in dem aktive und pensionierte Polizisten die Verbreitung ihrer Verschwörungsmythen erproben und unter Polizeibediensteten bekannt zu machen versuchen.

Die Vorzugsbehandlung von rechten Demonstrationen und die Verharmlosung derjenigen, die dem rechten Rand mindestens nahestehen, ist keineswegs eine besondere Eigenart der Polizei. Auch Politiker und Politikerinnen haben sich in den vergangenen Jahren mit ihrer besonderen Nähe zu rechten Gruppierungen hervorgetan. Vielfach begegneten sie all jenen, die rassistische, rechtsextreme oder schlicht verfassungsfeindliche Thesen vertraten, mit besonderem Wohlwollen und offenem Verständnis. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang beispielsweise die Pegida-Aufmärsche, die sogenannten Anti-Merkel-Demonstrationen oder die Protestformen an der Bundesstraße B96 bei Bautzen.

Corona-Demos: Konservative Politiker im Dialog mit „Querdenkern“ und Maßnahmen-Gegnern

Ausnahmslos warnten Politiker konservativer Parteien vor einer Kriminalisierung dieser Kundgebungen, mahnten an, dass man die „Sorgen“ und „Ängste“ dieser Menschen ernst nehmen müsse, dass man sich davor hüten solle, diese Menschen in die „rechte Ecke“ abzustellen oder gar als „Nazis“ abzustempeln. Entsprechend stark prägte sich innerhalb dieser Bewegungen das Gefühl aus, dass „die Politik“ und „die da oben“ mit den eigenen Zielen, den eigenen Forderungen und den eigenen zum Teil staats- und verfassungsfeindlichen Ressentiments sympathisieren würden. Die Ambivalenz, die sich daraus ergibt, dass dieselben Politiker, die auf diesen Demonstrationen wüst beschimpft oder gar mit dem Tode bedroht werden, nun auf einen Dialog mit denselben Personengruppen setzten, wurde als Erfolg der eigenen politischen Wirkmacht gedeutet.

Als besonderes Beispiel dient der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der sich im Mai 2020 inmitten der Coronapandemie ohne Maske und ohne die Einhaltung von Mindestabständen in ein Gespräch mit Coronaleugnern begab und seinen Umgang mit diesen Menschen folgendermaßen erklärte: „Wenn jeder, der eine kritische Frage stellt, sofort als Aluhutträger beschimpft und in eine politische Ecke gestellt wird, dann nimmt das kein gutes Ende.“

„Querdenker“, Rechtsextreme, Antisemiten und Neonazis sind Feinde der Freiheit

Den Verstoß gegen Infektionsschutzgesetze erklärte er mit seinem Respekt vor den Gesprächspartnerinnen, die ihn im Laufe dieser Begegnung fortwährend als „blödesten Hammel, den Sachsen je gesehen hat!“ und mit „Verpiss dich!“ beschimpften. Kretschmer ließ sich davon nicht beirren. Auch als ihm später im Januar 2021 Coronaleugnerinnen und Reichsbürger vor seinem Privatgrundstück in Großschönau im Zittauer Gebirge auflauerten und ihn beschimpften, ging Kretschmer auf Gesprächs- und Diskussionswünsche ein. Kretschmer war darüber hinaus derjenige Ministerpräsident, der sich im Juni 2020 in offizieller Runde mit prominenten Coronarelativierern traf und diese dadurch aufwertete.

All dies ist bedauerlich und gefährlich. Wer bei Verschwörungstheoretikern auf Verständnis hofft oder Rechtsextreme vorrangig anhand ihres Wählerpotenzials bewertet, verharmlost und normalisiert das extremistische Gedankengut von „Querdenkern“, Rechtsextremen, Antisemiten und Neonazis. Es bleibt zu hoffen, dass Politiker und Polizisten anerkennen, dass diese Menschen keine Verbündeten in der politischen Auseinandersetzung sind, sondern Feinde der Freiheit.

Und als solche sollten sie auch behandelt werden.

(Stephan Anpalagan)

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