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Bringt Jugendliche und Betriebe zusammen!

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Die Zahl der Ausbildungsplätze und die Zahl der Bewerbenden ist während der Pandemie gesunken. (Symbolbild)
Die Zahl der Ausbildungsplätze und die Zahl der Bewerbenden ist während der Pandemie gesunken. (Symbolbild) © Martin Schutt/dpa

Die Zahl der Ausbildungsplätze und die Zahl der Bewerbenden ist während der Covid-19-Pandemie gesunken. Der Gastbeitrag von Bernd Fitzenberger.

Die duale Ausbildung in Deutschland wurde durch die Corona-Krise hart getroffen. Bereits im ersten Corona-Jahr sank die Zahl der Ausbildungsstellen, die der Bundesagentur für Arbeit bis zum September 2020 gemeldet wurden, um 7,3 Prozent. Zum September 2021 gab es einen weiteren Rückgang um 3,6 Prozent. Der bewerberseitige Rückgang betrug 7,6 Prozent im Jahr 2020 – und 2021 dann sogar 8,3 Prozent. Er überstieg damit deutlich den Rückgang des Stellenangebots.

Der Berufsbildungsbericht dokumentiert für 2020 einen Rückgang der abgeschlossenen Ausbildungsverträge gegenüber dem Vorjahr um 9,2 Prozent auf 493 000, womit erstmalig die Zahl von 500 000 neuen Ausbildungsverträgen unterschritten wurde. Die endgültigen Zahlen für 2021 liegen noch nicht vor, aber es droht ein erneuter Tiefststand.

Zu Beginn der Covid-19-Pandemie wurde vielfach befürchtet, dass ein Rückgang des Ausbildungsstellenangebots vielen Jugendlichen den Weg in eine duale Ausbildung versperrt. Zur eigentlichen Achillesferse wurde jedoch der drastische bewerberseitige Rückgang.

Laut einer Betriebsbefragung des IAB waren fast 40 Prozent der angebotenen Ausbildungsstellen – die allerdings nicht alle der Bundesagentur für Arbeit gemeldet waren – bis zum September 2021 unbesetzt. Als Hauptgründe wurden von den Betrieben ein Mangel an Bewerbungen bzw. an geeigneten Bewerbungen genannt.

Wichtige Ursachen für die bewerberseitigen Rückgänge sind die Hindernisse in der Pandemie für die Berufsorientierung und die Berufsberatung sowie das Wegbrechen der Praktika. Eine große Rolle spielt aber auch, dass unter Jugendlichen eine große Neigung besteht, angesichts der hohen Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung erst einmal länger im Schulsystem zu verbleiben. Die Erfahrungen aus der Krise 2008/2009 zeigen, dass viele Jugendliche nach dem Ende der Krise womöglich gar keine Ausbildung mehr anstreben.

Was ist zu tun? Für die zukünftige Fachkräftesicherung muss die betriebliche Ausbildung stabilisiert werden. Bereits im Sommer 2020 hat die Bundesregierung zur Unterstützung der betrieblichen Ausbildung das Förderprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ aufgelegt und die Förderbedingungen 2021 nochmals großzügiger gestaltet. Dieses Programm ist sinnvoll, um die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe zu stützen, es adressiert aber nur mittelbar den bewerberseitigen Rückgang. Mit Aktionen wie der Kampagne „Ausbildung klarmachen“ der Bundesagentur für Arbeit, dem „Sommer der Berufsausbildung“ sowie der Werbung verschiedener Wirtschaftsverbände im letzten Sommer wurde zwar ein noch stärkerer Einbruch verhindert – dies konnte jedoch nicht den durch die Krise verminderten direkten Kontakt zu Betrieben über Präsenzveranstaltungen und Praktika wettmachen.

Jetzt muss es darum gehen, die Ansprache von Jugendlichen für eine Ausbildung weiter zu intensivieren und mehr Kontakte zwischen Jugendlichen und Betrieben zu ermöglichen. In den Schulen sollten Berufsorientierung und Berufsberatung weiter intensiviert werden. Trotz der Pandemie sollten Betriebe wieder mehr Praktika anbieten. Ein weiterer Baustein sollte der vermehrte Einsatz betrieblicher Einstiegsqualifizierungen sein, die ausbildungsinteressierten Jugendlichen erlauben, Erfahrungen in Betrieben zu sammeln und so den Einstieg in eine betriebliche Ausbildung zu finden. Die Nutzung dieses Instruments ist jedoch rückläufig und 2020 wurde mit nur noch 7000 Förderfällen ein neuer Tiefststand erreicht.

Der Koalitionsvertrag benennt mehrere Maßnahmen zur Stärkung der beruflichen Ausbildung. Der Ausbau der Berufsorientierung und der Jugendberufsagenturen ist sehr sinnvoll. Beide sollten noch stärker mit den Schulen verzahnt werden. Sinnvoll ist ebenfalls der geplante Ausbau der Einstiegsqualifizierung, der assistierten Ausbildung, der ausbildungsbegleitenden Hilfen und der Verbundausbildungen, wobei eine betriebsnahe Umsetzung Vorrang haben sollte. Auch die avisierte Ausbildungsgarantie sollte möglichst betriebsnah ausgestaltet werden. Bei allen Maßnahmen sind verstärkt Berufe mit Fachkräfteengpässen in den Blick zu nehmen.

Ein zentrales Ziel sollte sein, den immer noch zu hohen Anteil von jungen Menschen, die keinen Berufsabschluss erreichen, zu reduzieren und deren Interesse an einer Ausbildung zu erhöhen. Dabei muss ein niederschwelliger Einstieg in eine Ausbildung ermöglicht werden. So gilt es nicht zuletzt, die Bereitschaft der Betriebe zu stärken, schwächeren Jugendlichen eine Chance zu geben.

Bernd Fitzenberger ist Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und Professor an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

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