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Ein undatiertes Foto des NS-Vernichtungslagers Auschwitz.
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Ein undatiertes Foto des NS-Vernichtungslagers Auschwitz.

Gastbeitrag

Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: Was bedeutet mir der 27. Januar?

  • VonFrank Nonnenmacher
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Es hat lange gedauert, bis nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus alle Opfergruppen anerkannt wurden.

Im Jahreslauf sind für mich als Antifaschisten zwei Daten wichtig. Das ist zum einen der 8. Mai, der Tag des Sieges über den Nationalsozialismus. Es hat jahrzehntelanger Aufklärungsprozesse in Schulen und in der Gesellschaft bedurft, diesen Tag nicht als „Niederlage“ zu betrachten, sondern als Befreiung vom Nazismus, einem System, unter dem die Deutschen die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen haben.

Und leider ist diese Sichtweise bei vielen Deutschen immer noch nicht selbstverständlich. So meint man in der sogenannten Alternative für Deutschland (AfD) und anderen nationalistischen Kreisen, die Nazizeit verharmlosen und sie als bloßen „Fliegenschiss der Geschichte“ bezeichnen zu können.

Der 27. Januar ist der Tag, an dem die Befreiung am sichtbarsten stattfand

Der andere mir bedeutsame Tag ist der 27. Januar. Es ist genau der Tag, an dem 1945 der Akt der Befreiung am konkretesten und sichtbarsten stattfand. Am 27. Januar wurde das Konzentrationslager Ausschwitz befreit, der Ort, an dem die Nazis Millionen Menschen systematisch und planvoll ermordet haben. Die Befreier, Soldaten der Roten Armee, fanden nur noch etwa 7000 geschwächte Menschen vor, von denen viele noch in den folgenden Wochen und Monaten starben.

An jenem 27. Januar 1945 befand sich mein Onkel Ernst Nonnenmacher noch im KZ Sachsenhausen. Er und die anderen Häftlingen waren über die militärische Entwicklung im Bilde, sie wussten von der Befreiung des KZ Auschwitz und hofften auf ein schnelles weiteres Vordringen der Roten Armee.

Aber mein Onkel Ernst musste noch zwei Monate und 26 Tage warten, bis sowjetische und polnische Soldaten am 22. April auch das Konzentrationslager Sachsenhausen befreiten. Sie fanden noch 3000 geschwächte und nicht mehr gehfähige Häftlinge vor. Über 30 000 Häftlinge – darunter Ernst – waren am Vortag von der SS in mehreren Kolonnen auf einen „Todesmarsch“ getrieben worden. Ursprüngliches Ziel: Sie sollten auf Schiffen in der Ostsee versenkt werden.

Zur Person

Frank Nonnenmacher ist emeritierter Professor für Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt.

Man könnte annehmen dass für die KZ-Häftlinge mit ihrer Befreiung auch eine sofortige öffentliche Anerkennung (und Entschädigung) als Opfer des Faschismus verbunden gewesen ist. Dies war auch der Fall, aber nur für „rassisch, religiös oder politisch“ Verfolgte. Andere Verfolgtengruppen mussten viele Jahre lang darum kämpfen, so die Sinti und Roma und die wegen ihrer Homosexualität in die KZ Gesperrten, die erst 2002 rehabilitiert wurden.

Mein Onkel Ernst aber gehörte zu jenen etwa 70 000 KZ-Häftlingen, die die Nazis „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ nannten. Letztere waren Menschen, die nach Verbüßung einer Strafhaft meist wegen kleinkrimineller Delikte, im Sinne einer „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ ohne weiteres Verfahren in KZ geliefert wurden und „durch Arbeit vernichtet“ werden sollten.

Für sie setzte sich weder vor noch nach der Befreiung jemand ein, auch die Betroffenen selbst schwiegen. (Ernsts Biografie kann man nachlesen; in: Frank Nonnenmacher: „Du hattest es besser als Ich. Zwei Brüder im 20. Jahrhundert.“) Mein Onkel litt bis zu seinem Tode unter dem Stigma, für die deutsche Gesellschaft „zu Recht“ im KZ gewesen zu sein.

2018 gründete ich eine Initiative zur Anerkennung dieser gesellschaftlich ignorierten Gruppe (change.org/vergessene-opfer). Im Februar 2020 – beschämend spät – beschloss der Deutsche Bundestag, die genannten ehemaligen KZ-Häftlinge als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen.

Als Nachkomme eines „Asozialen“ und „Berufsverbrechers“ begrüße ich es sehr, wenn nun auch lokal und regional bei den Gedenkveranstaltungen zum 27. Januar die Lebensgeschichten der bislang ignorierten Opfer des Nationalszialismus zur Kenntnis genommen werden.

Ich bin den Menschen der Regenbogen-Crew der Aids-Hilfe Frankfurt sehr dankbar, dass sie das (nachdem die geplante Veranstaltung am 27. Januar 2021 ausfallen muss) 2022 tun wollen, und denke, dass dies auch andere gesellschaftliche Gruppen, die sich in einer demokratischen und antifaschistischen Tradition sehen, in Zukunft in Erwägung ziehen sollten.

Dies gilt auch für die VVN/BdA, die jahrzehntelang „BVer“ und „Asoziale“ NS-Opfer aus dem Erinnerungsdiskurs ausgeschlossen hat. Recht spät hat VVN/BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) im Oktober 2019 zusammen mit mehreren NS-Verfolgtenverbänden den Appell an den Bundestag zur Anerkennung der so lange ausgegrenzten NS-Opfer unterstützt. Ob dem Beschluss erinnerungskulturelle Konsequenzen folgen, wird man in Zukunft beobachten können.

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