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Eine Erdölraffinerie in Leuna (Sachsen-Anhalt). Wie kann die Chemieindustrie künftig grüner werden?
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Eine Erdölraffinerie in Leuna (Sachsen-Anhalt). Wie kann die Chemieindustrie künftig grüner werden?

Gastbeitrag

Baut eine grüne Chemieindustrie

Wir rechnen uns eine nachhaltige Transformation schön. Dabei muss vieles neu aufgebaut werden.

Vor kurzem hat die Fachzeitschrift „Science“ ein sensationelles Ergebnis veröffentlicht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Monash Universität in Australien war es gelungen, fast vier Tage lang die Herstellung von Ammoniak aus Wasser und Stickstoff elektrochemisch zu betreiben.

Ammoniak ist die Grundlage von Stickstoffdüngern und eine der häufigsten Basischemikalien der Welt. Deutschland ist einer der größten Produzenten. Warum die australische Entdeckung für unsere eigene Industrie relevant ist, wird klar, wenn man sich anschaut, wie Ammoniak bisher produziert wird.

Wasserstoff wird bei Temperaturen bis 500 Grad und einem Druck bis 350 bar zu Ammoniak umgesetzt, was extrem viel Energie verbraucht. 1918 beziehungsweise 1931 gab es für die Erfinder der großtechnischen Ammoniaksynthese Fritz Haber und Carl Bosch den Chemienobelpreis.

2007 folgte er an Gerhard Ertl für die theoretische Aufklärung. Eine deutsche Erfolgsgeschichte. Allerdings hat sich das Verfahren seit hundert Jahren nicht bahnbrechend verändert. Und genau hier nähern wir uns dem Kernproblem der deutschen Chemieindustrie. Wie innovativ ist sie wirklich – und wie resilient?

Um den Kohlendioxid-(CO2-)Fußabdruck zu senken, möchten die deutschen Produzenten die benötigte Energie des Haber-Bosch-Verfahrens fortan aus regenerativen Quellen beziehen und nicht wie bisher durch Verbrennung fossiler Rohstoffe. Nur ändert das nichts am Grundproblem: Der Energieverbrauch bleibt gigantisch.

Durch den „Industriepakt“ der Grünen könnten die Mehrkosten ausgeglichen werden, die durch diese „Klimaneutralität“ entstehen. Beim neu entwickelten Verfahren in Australien muss jedoch weder geheizt werden, noch benötigt man hohe Drücke.

Wasser und Stickstoff sind die einzigen Rohstoffe. Der deutsche Weg kann daher bestenfalls als Anreiz zur Schaffung von Brückentechnologien verstanden werden. So lange, bis die Erfindungen aus Australien, den USA, aus Südafrika oder China marktreif werden. Denn in zehn Jahren wird die Chemiewelt anders aussehen. Die Karten werden gerade neu gemischt.

Australien kann bisher mitnichten als eine Chemienation bezeichnet werden. Aber vielleicht werden es das in der Zukunft werden. Das Land hat in den letzten zehn Jahren extrem viel in den Aufbau einer grünen Chemie investiert. Im Gegensatz zu uns. Wir rechnen uns lieber eine nachhaltige Transformation schön. Das wird nicht reichen.

Es muss parallel daran gearbeitet werden, eine neue, eine grüne Industrie aufzubauen. Denn dass eine solche entsteht, ist schon seit langem absehbar. Die Frage ist nur, ob auch deutsche Unternehmen unter den grünen Chemiegiganten der Zukunft sein werden. Viele der alten werden es nicht schaffen, sie haben sich als viel zu resilient gegen Innovationen bewiesen. Die alte Industrie ist nicht auf komplette Technologiewechsel ausgelegt.

Auf der anderen Seite gibt es Grund zu hoffen: An deutschen Forschungsinstituten werden weltweit einzigartige Entdeckungen getätigt. Worin wir allerdings richtig schlecht sind, ist der Transfer in den Markt. Das meiste versandet an den Forschungseinrichtungen. Das liegt jedoch nicht am fehlenden Willen der Forscher. Die Politik hat es vielmehr versäumt, einen funktionierenden Rahmen für einen Transfer in den Markt über Start-ups zu schaffen.

Denn der Weg von der Invention zur Innovation ist komplex. Solche Transferaktivitäten sind selten grundfinanziert. Zusätzlich ist der Zugang zu Wachstumskapital nach Gründung nicht gegeben. Der neu aufgestellte Zukunftsfonds der Bundesregierung stellt keine Hilfe dar, da das Geld daraus nur pari passu zu privatem VC-Kapital investiert wird.

Davon gibt es in Deutschland jedoch für kapital- und anlagenintensive Deep-Tech-Start-ups nur sehr wenig. So sind nur 0,17 Prozent aller Venture-Capital-Investitionen im Jahr 2018 in Chemie-Start-ups geflossen, die hierzulande händeringend nach Kapitalgebern suchen.

Es wäre ein Treppenwitz der Geschichte an, sollte die Politik der Merkelära, die von einem exzessiven Industrielobbyismus geprägt war, am Ende zur Zerstörung großer Teile der Chemieindustrie führen. Ob die Grünen noch das Steuer herumreißen werden, lässt sich nicht absehen, aber eines ist klar: Sie scheinen die letzte Hoffnung zu sein, um Deutschland den Zugang zum Innovationspool, der in Nachhaltigkeit liegt, zu sichern – und somit die Zukunft der deutschen Industrie. Eine nachhaltige Transformation anzugehen, ist wichtig, eine grüne Industrie aufzubauen, wird für uns alle existenziell.

Sonja Jost ist Gründerin und Geschäftsführerin des Chemie-Start-ups DexLeChem und berät ehrenamtlich verschiedene Parteien und Organisationen zum Thema nachhaltige Re-Industrialisierung.

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