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Auf die Quelle kommt es an

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Da kommt noch mehr: Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen erwartet, dass sich die weltweite jährliche Produktion neuen Plastiks von rund 400 Millionen Tonnen in 2019 auf über 1000 Millionen in 2050 mehr als verdoppelt.
Da kommt noch mehr: Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen erwartet, dass sich die weltweite jährliche Produktion neuen Plastiks von rund 400 Millionen Tonnen in 2019 auf über 1000 Millionen in 2050 mehr als verdoppelt. © Mohd Khairul Fikiri Osman/dpa

Das globale Plastikabkommen wird die Industrie in die Pflicht nehmen müssen. Ein Gastbeitrag von Maro Luisa Schulte und Per-Olof Busch.

Die internationale Staatengemeinschaft hat Mittwoch vergangener Woche in Nairobi beschlossen, bis 2024 ein rechtsverbindliches globales Abkommen zur Plastikverschmutzung auszuhandeln. Damit hat sie einen historischen Schritt zur Reduzierung von Plastik in der Umwelt und der damit verbundenen ökologischen und gesundheitlichen Folgen getan. Historisch vor allem, weil der Beschluss unerwartet weitreichend ist: Er nennt als Ziel möglicher Maßnahmen explizit den gesamten Lebenszyklus, einschließlich der Plastikproduktion und Weiterverarbeitung sowie die Förderung einer Kreislaufwirtschaft.

Die Staaten beschäftigen sich nun also mit der Frage, wie dies überhaupt gelingen kann. Klar ist: Besonders wichtig sind Maßnahmen, die darauf abzielen, die Wiederverwendung und -verwertbarkeit von Plastikprodukten zu erhöhen, und vor allem die Produktion von neuem Plastik zu reduzieren – wie zuvor an dieser Stelle auch von Raimund Bleischwitz erwähnt. Wie könnte das konkret aussehen?

Die Maßnahmen sollten sich vorrangig an Akteure im Upstream des Plastiklebenszyklus richten, also an Unternehmen, die Plastik produzieren, verarbeiten und verbrauchen. Die Investitionen und Geschäftsmodelle dieser Unternehmen erweitern oder begrenzen die Möglichkeiten aller anderen Akteure in der Wertschöpfungskette, zur Reduzierung der Plastikverschmutzung beizutragen. Sie bestimmen maßgeblich, wie viel von welchem Plastik in der Wertschöpfungskette verbleiben kann, was entweder wiederverwendet, recycelt oder entsorgt wird und wie hoch der Bedarf an neuem Plastik ist.

Anders als von einigen Staaten und Industrieverbänden proklamiert, ist es für eine wirksame und nachhaltige Reduzierung der Plastikverschmutzung nicht zielführend, ausschließlich Entsorgungs- und Recyclingkapazitäten auszuweiten, also nur am Ende der Wertschöpfungskette anzusetzen.

Die Autor:innen

Maro Luisa Schulte und Per-Olof Busch forschen zu globaler Umwelt- und Nachhaltigkeitsgovernance bei adelphi, einer unabhängigen Denkfabrik und führenden Beratungseinrichtung für Klima, Umwelt und Entwicklung.

Einerseits zeigen Studien, dass eine einseitige Ausrichtung auf Wiederverwertung oder Abfallentsorgung für Regierungen und Unternehmen erheblich teurer ist. Andererseits, selbst wenn die finanziellen Mittel bereitstünden, ist es schier unvorstellbar, dass lediglich der Ausbau der Entsorgungs- und Recyclingkapazitäten die erwartete Steigerung der Plastikproduktion und des Plastikmülls bewältigen kann. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen erwartet derzeit, dass sich die weltweite jährliche Produktion neuen Plastiks von rund 400 Millionen Tonnen in 2019 auf über 1000 Millionen in 2050 mehr als verdoppelt.

Schlussendlich schafft ein Ausbau der Recyclingkapazitäten allein noch keinen Markt für das Rezyklat und damit auch keine Anreize für dringend erforderliche private Investitionen. Plastik-recycling ist ein aufwendiger Prozess, und das recycelte Material kann häufig nicht mit dem herkömmlich hergestellten neuen Plastik mithalten. Ein Aspekt, den auch Konsumgüter-Riese Unilever im Rahmen der Verhandlungen monierte.

Es gibt verschiedene Instrumente, die maßgeblichen Verursacher der Plastikverschmutzung in die Verantwortung zu nehmen. Die meisten dieser Maßnahmen hätten die willkommene Nebenwirkung, dass private Investitionen am Ende der Wertschöpfungskette wirtschaftlich profitabel werden oder zusätzliche öffentliche Einnahmen generieren. Und dies ohne weitere Regulierungen, was insbesondere Ländern des Globalen Südens helfen würde, wo entsprechende Kapazitäten am dringendsten ausgebaut werden müssten.

Die weitreichendste Lösung wäre eine mengenmäßige Deckelung und stufenweise Reduzierung der Produktion von neuem Plastik. Hierdurch würde neuer Kunststoff teurer, während gleichzeitig der Bedarf an wiederverwertbarem und wiederverwendbarem Plastik steigen sowie seine Herstellung wettbewerbsfähiger und wirtschaftlicher werden würde. Eine Steuer auf neues Plastik und gleichzeitige Steuererleichterungen für wiederverwertbare und wiederverwendbare Kunststoffe entfalten ähnliche Wirkungen. Zudem könnten Mindeststandards zur Materialbeschaffenheit dabei helfen, die Wiederverwertbarkeit und Wiederverwendung von Kunststoffen zu verbessern und international zu harmonisieren, so dass alle Marktakteure unter gleichen Bedingungen operieren.

Diese Maßnahmen setzen geeignete technische Lösungen voraus. Die gute Nachricht: Daran fehlt es nicht. Noch fehlt es aber an einem politischen Rahmen, der ihre Anwendung wirtschaftlich attraktiv macht. Dafür haben die Staaten nun bis 2024 Zeit.

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