Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Deutschland ist neben Japan die drittgrößte Chemienation.
+
Deutschland ist neben Japan die drittgrößte Chemienation.

Gastbeitrag

Auf dem Weg zur grünen Chemie

Wie sich eine wichtige Branche in eine nachhaltige Zukunft führen lässt, machen die USA uns gerade vor. Der Gastbeitrag.

Die Republikaner galten in den USA noch nie und unter Trump erst recht nicht als Vorreiter des Klimaschutzes. In ihrer fünfjährigen Regierungszeit haben sie mehr als 100 umweltrelevante (De-)Regulierungen erlassen.

Es wundert daher kaum, dass die Demokraten kurz nach Amtsübernahme mit einer umfangreichen Revision dieser regulatorischen Höchstleistung begonnen haben. Ein ganz spezielles, umweltrelevantes Gesetz jedoch, das noch kurz vor dem Sturm auf das Kapitol von der Legislative verabschiedet wurde, wurde gar nicht erst auf die Revisionsliste genommen: das „Forschungs- und Entwicklungsgesetz für Nachhaltige Chemie“. Ganz einfach, weil es dafür über alle Parteigrenzen hinweg einen ungewöhnlich breiten Konsens gab.

Dieser plötzliche Schulterschluss kam zustande, weil die zweitgrößte Chemienation der Welt erkannt hat, dass in einer nachhaltigen Chemie ein ungeheurer Innovationspool verborgen liegt. Das Gesetz zielt darauf ab die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu sichern, da Unternehmen über Hunderte von Lieferketten, die kritisch für die US-Wirtschaft sind, Innovationen in nachhaltiger Chemie bräuchten.

Es liest sich wie ein wahrgewordener Traum der Ökobewegung der 80er-Jahre. In maximal zwei Jahren muss ein umfangreicher Masterplan erstellt sein, der alle relevanten Bereiche erfasst. So wurde die Grundlage für eine Transformation der gesamten US-amerikanischen Chemieindustrie geschaffen.

Man schaut neidisch über den Teich. Und es drängt sich die Frage auf, wieso eigentlich nichts Vergleichbares bei uns geplant ist. Deutschland ist neben Japan die drittgrößte Chemienation. Auch unser eigenes Wirtschaftssystem hängt massiv von Produkten der chemischen Industrie ab – und von ihrer Innovationskraft. Die Industriestrategie von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) wurde zu Recht in der Öffentlichkeit zerrissen. Aber auch beim gerade veröffentlichten Strategiepapier der Grünen-Bundestagsfraktion für eine nachhaltige Transformation der Industrie ist noch viel Luft nach oben.

Es ist keine Schande einzugestehen, dass man noch keinen Masterplan hat. Den haben die USA auch nicht. Aber sie haben ein Gesetz erlassen, das die Erarbeitung eines solchen Plans zwingend vorsieht.

Die Grünen setzen hingegen lieber auf die Förderung einzelner Technologien und großer Verbundprojekte als systematisch eine vollständige Transformation vorzubereiten. Recycling und „Dekarbonisierung“, das heißt die Verringerung von Treibhausgasemissionen, um dem Klimawandel zu begegnen, sind ihre großen Themen. Aber selbst hier beschleicht den Leser immer wieder der Eindruck, dass ein grundlegendes Verständnis fehlt, wie industrielle Produktion funktioniert.

So reicht es beispielsweise nicht, Unternehmen ein paar neue Anlagen zu bezuschussen, um CO2 bei der Produktion einzusparen, wenn der Hauptanteil der Emissionen verfahrensbedingt entsteht. Ein altes Produkt bleibt ein altes Produkt, genauso wie ein altes Verfahren ein altes Verfahren bleibt, auch wenn es in einer neuen Anlage eingesetzt wird, mag diese auch noch so effizient arbeiten. Die Produkte der Zukunft sowie deren Herstellverfahren werden aber komplett andere sein. Und die Frage ist, ob auch deutsche Unternehmen diese entwickeln, umsetzen beziehungsweise produzieren werden.

Es ist heute schon absehbar, dass es zu einer Ächtung von so genannten „endokrinen Disruptoren“ kommen wird, also von Stoffen, die massiv in den Hormonhaushalt von Menschen eingreifen und schon jetzt zu einem weltweiten Problem geworden sind. Oder von Chemikalien, die sich permanent in der Umwelt anreichern (siehe Plastikmüll). Wo bleibt der Mut, heute schon Anreize zu ihrer Substitution zu setzen, bevor wir teuer aus dem Ausland Lösungen werden einkaufen müssen?

Wieso ist nicht geplant, dass der Staat seine regulatorische Macht zugunsten von nachhaltigeren Verfahren und Produkten ausüben soll, die zum Beispiel schneller oder mit längerer Patentlaufzeit zugelassen werden könnten? Und wie soll jemals eine Transformation erfolgreich sein, ohne dass das Wachstum industrierelevanter Startups gefördert wird?

Die USA haben unter den Republikanern vorgemacht wie es tatsächlich gelingen kann, die Grundlage für eine nachhaltige Industrie zu legen. Deutschland darf den Anschluss nicht verpassen. Von der jetzigen Regierung erwartet schon lange niemand mehr etwas. Von der zukünftigen, zu der die Grünen mit hoher Wahrscheinlichkeit gehören werden, tun wir es noch. Hoffentlich nicht vergebens.

Sonja Jost ist Geschäftsführerin eines Unternehmens für grüne Chemie. Sie berät ehrenamtlich verschiedene Parteien, unter
anderem im Wirtschaftsbeirat der Grünen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare